• 05.05.2024, 11:49:21
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Scheuer bei Mauthausen-Befreiungsfeier: Macht mit Recht eindämmen

Linzer Bischof und evangelischer Bischof Chalupka feierten ökumenischen Gottesdienst in Kapelle der KZ-Gedenkstätte Mauthausen

Utl.: Linzer Bischof und evangelischer Bischof Chalupka feierten
ökumenischen Gottesdienst in Kapelle der KZ-Gedenkstätte
Mauthausen =

Linz (KAP) - Mit einem ökumenischen Gottesdienst haben die
christlichen Kirchen der Befreiung des Konzentrationslagers
Mauthausen am 5. Mai 1945 durch US-amerikanische Truppen gedacht. In
dem Lager und seinen 49 Nebenlagern waren insgesamt rund 200.000
Personen inhaftiert - mindestens 90.000 davon wurden von den
Nationalsozialisten ermordet.

Dem Gottesdienst am Sonntagmorgen in der Kapelle der Gedenkstätte
stand der Linzer Bischof Manfred Scheuer gemeinsam mit dem
evangelischen Bischof Michael Chalupka vor. Ein Vertreter der
Orthodoxie fehlte, da die orthodoxen Kirchen, die sich nach dem
julianischen Kalender richten, am 5. Mai Ostern feiern. Der
Gottesdienst bildete zugleich den Auftakt zur Gedenkfeier, die heuer
unter dem Thema "Recht und Gerechtigkeit im Nationalsozialismus"
stand, und an der tausende Menschen teilnahmen - darunter
Bundespräsident Alexander Van der Bellen.

Scheuer: Mit Recht gegen Tyrannei und Willkür

In seiner Predigt betonte Bischof Scheuer die Bedeutung des Rechts
zur Eindämmung von Macht, Willkür und Unmenschlichkeit. "Nicht das
Unrecht des Stärkeren, sondern die Stärke des Rechts muss gelten", so
Scheuer. Wo immer das Recht verunglimpft oder unter Verdacht gestellt
werde, gelte es wachsam zu sein, mahnte der Bischof. "Die rechtlose
Freiheit ist Anarchie und darum Freiheitszerstörung. Das Gegenteil
von recht ist nicht die Liebe, sondern das Unrecht."

Der Nationalsozialismus habe das Recht gebeugt und Menschenrechte
durch ein Recht des Stärkeren ersetzt. Die Folge seien
Misshandlungen, Drohungen, Deportationen, Internierung und Ausmerzung
von Behinderten, Juden und anderen gewesen. Recht und Rechtsstaat
hingegen stünden "in striktem Gegensatz zur Tyrannei und zur Willkür"
- und müssten daher heute um so mehr verteidigt werden.

Auch Bischof Chalupka unterstrich in seiner Ansprache die Bedeutung
des Rechts. Der Nationalsozialismus habe eine "Politisierung des
Rechts" betrieben, "um die Diktatur zu untermauern". Zudem erinnerte
der Bischof daran, dass auch das Recht auf freie Religionsausübung
bzw. Religionsfreiheit im KZ Mauthausen außer Kraft gesetzt wurde.
Gebet und Seelsorge galten als Akte des Widerstands - eine Regelung,
durch die Mauthausen sogar unter den weiteren Konzentrations- und
Vernichtungslagern des Dritten Reiches herausstach, so Chalupka.

Gedenken an Widerstandskämpfer

Stellvertretend für die in Mauthausen inhaftierten Personen wurde bei
dem Gottesdienst an René Lescoute (1920-1945) und Jean Cayrol
(1911-2005) erinnert. Beide engagierten sich in Frankreich in der
Widerstandsbewegung:

Lescoute, geboren in Südafrika, entstammte einer Familie, die in der
reformierten "Mission de Paris" engagiert war. Er studierte
evangelische Theologie an der Universität von Montpellier und schloss
sich 1943 dort einer Widerstandsgruppe in den Bergen in der Nähe von
Grenoble an. Die Gruppe wurde verraten und am 19. Oktober 1943
verhaftet. Lescoute wurde von einem Militärgericht in Lyon zum Tode
verurteilt, im Jänner 1944 aber überraschend begnadigt. Über mehrere
Lager gelangte er im April 1944 nach Mauthausen. Körperlich bereits
stark geschwächt, musste er zunächst Arbeit in Mauthausen selbst
sowie im Außenlager Linz III leisten, schließlich im Lage Ebensee
beim Stollenbau. Diesen Einsatz überlegte er nicht, er fand am 28.
Jänner 1945 dort den Tod.

Cayrol, geboren 1911 in Bordeaux, von Beruf Bibliothekar und
Schriftsteller, wurde nach langer Tätigkeit für die katholische
Widerstandsgruppe Confrérie Notre-Dame von der Sicherheitspolizei
Paris verhaftet und Ende März 1943 ins KZ Mauthausen deportiert.
Schon wenige Tage nach seiner Ankunft wurde er ins Lager Gusen
überstellt. Nach mehr als sechs Monate qualvoller Arbeit im
Steinbruch war er völlig erschöpft. Er erhielt Hilfe durch den
katholischen Priester Johann Gruber, auch "Papa" Gruber genannt, der
als Funktionshäftling im Lager Gusen ein Hilfsnetzwerk für
Mithäftlinge aufgebaut hatte und zusätzliche Verpflegung
organisierte. Gruber wurde selbst am 7. April 1944 in Gusen ermordet,
Cayrol schrieb im Verborgenen Texte und widmete Gruber später den
Gedichtband "Poèmes de la nuit et du brouillar" (Nacht und Nebel).
Cayrol überlebte und veröffentlichte 1997 eine Auswahl seiner Texte
unter dem Titel "Alerte aux ombres". Unter dem Titel "Schattenalarm"
wurden sie 2019 in deutscher Sprache veröffentlicht.

"Fest der Freude" auf dem Heldenplatz

Am Mittwoch, 8. Mai, dem 79. Jahrestag der bedingungslosen
Kapitulation der Deutschen Wehrmacht, findet ab 19.30 Uhr das "Fest
der Freude" auf dem Wiener Heldenplatz statt. Bundespräsident
Alexander van der Bellen wird die Eröffnungsworte sprechen. Als
Zeitzeugin wird Rosa Schneeberger auftreten. 1936 in Wien geboren,
wurde sie 1941 gemeinsam mit ihren Eltern und Geschwistern verhaftet
und in das Lager Lackenbach im Burgenland - im NS-Jargon auch
"Zigeuner-Anhaltelager" genannt - deportiert. Vier Jahre ihrer
Kindheit musste sie in diesem Lager unter unmenschlichen Bedingungen
verbringen, bis zur Befreiung 1945.

Das Fest der Freude wird auf ORF III übertragen und auf den
Online-Kanälen des MKÖ international gestreamt. (Programm und weitere
Info: www.mkoe.at)

((forts. mgl.)) HKL
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