- 19.04.2024, 14:47:22
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„kulturMontag“: 60. Biennale in Venedig, „Das große Heft“ am Odeon, Bipolar Feminin auf Erfolgskurs
Danach: neues TV-Porträt „Karl Kraus – Die Macht des Wortes“ zum 150. Geburtstag – am 22. April ab 22.30 Uhr, ORF 2
Utl.: Danach: neues TV-Porträt „Karl Kraus – Die Macht des Wortes“
zum 150. Geburtstag – am 22. April ab 22.30 Uhr, ORF 2 =
Wien (OTS) - Der von Clarissa Stadler präsentierte „kulturMontag“ am
22. April 2024 um 22.30 Uhr in ORF 2 gibt u. a. einen Ausblick auf
die bevorstehende Jubiläumsausgabe der Kunst-Biennale in Venedig, die
von den aktuellen politischen Entwicklungen überschattet ist. Die
Sendung befasst sich außerdem mit der Dramatisierung von Ágota
Kristófs Antikriegsroman „Das große Heft“, den Jacqueline Kornmüller
auf die Bühne des Wiener Odeons bring. Die Regisseurin ist dazu live
zu Gast im Studio. Weiters bringt die Sendung ein Porträt der
erfolgreichen oberösterreichischen Band Bipolar Feminin, die
demnächst mit dem FM4 Amadeus Award ausgezeichnet wird. Anschließend
steht die neue Dokumentation „Karl Kraus – Die Macht des Wortes“
(23.15 Uhr) zum 150. Geburtstag des scharfzüngigen Kritikers,
Medienmachers sowie Schriftstellers auf dem Programm. Bei der
Erstellung des Films wurden KI-Systeme eingesetzt, um Karl Kraus
mittels Tonaufnahmen seiner Originalstimme bzw. durch Fotos, aus
denen kurze Filmsequenzen generiert werden, zum Leben zu erwecken und
seine eigenen Zitate sprechen zu lassen.
Fremde überall – 60. Biennale di Venezia
Ende April öffnet zum 60. Mal die Biennale von Venedig ihre Pforten.
„Fremde überall“ nennt der brasilianische Chefkurator Adriano Pedrosa
seine Ausgabe der ältesten internationalen Kunstausstellung und
stellt erstmals den globalen Süden in den Mittelpunkt. Denn es ist
sonst der globale Norden, der in den Giardini den Ton angibt, so wie
in der gesamten Kunstwelt. Genau dem möchte Pedrosa mit seiner
Biennale entgegenwirken und legt sein Hauptaugenmerk auf
Künstler:innen, die selbst Ausländer, Immigranten, Expatriates,
Emigranten, Exilanten oder Flüchtlinge sind – insbesondere auf
solche, die sich zwischen dem globalen Süden und dem globalen Norden
bewegt haben. Schon vor der Eröffnung sorgen Thema wie Teilnehmer für
Kontroversen. Ihre Konflikte bringen die Nationen mit. Als besonders
brennend wahrgenommen wird der zunehmend eskalierende Krieg im Nahen
Osten, der auch die Kunstwelt spaltet. Gegen eine Teilnahme des
jüdischen Staates an der Kunstbiennale macht sich die „Art Not
Genocide“-Allianz seit Mitte Februar stark und fordert den Ausschluss
Israels, Demonstrationen inklusive. Das israelische Biennale-Team um
Künstlerin Ruth Patir hat seinen Pavillon zugesperrt und will diesen
erst wieder öffnen, wenn ein Waffenstillstand im Gaza-Krieg
vereinbart und die Freilassung der von der islamistischen Hamas
festgehaltenen jüdischen Geiseln erreicht sei. Die geforderte Politik
verurteilt die Proteste aufs Schärfste und betont die Biennale als
Raum von Freiheit und Dialog und nicht als einen Ort der Zensur und
Intoleranz.
Russland nimmt seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine nicht teil an
der internationalen Kunstschau. Neu ist jedoch, dass Putins Reich
seinen Pavillon in diesem Jahr kostenlos an Bolivien abtritt. Eines
der wenigen südamerikanischen Länder, das zu den ärmsten und
strukturschwächsten des Kontinents zählt, war bisher noch nie in
Venedig vertreten. Doch die Kunstwelt vermutet weniger die große
Geste dahinter, sondern einen geopolitischen Kampf um Ressourcen.
Denn Russland versucht, wie auch andere Weltmächte, Zugang zu
Boliviens umfangreichen Lithiumreserven zu bekommen – ein wichtiger
Rohstoff für Schlüsseltechnologien.
Fast 90 Länder-Pavillons widmen sich dem Generalthema der Biennale.
Österreich wird durch Anna Jermolaewa vertreten, die 1989 als
politische Oppositionelle aus der UdSSR nach Österreich fliehen
musste und hier seitdem als Künstlerin tätig ist. Sie befasst sich in
ihrer Arbeit mit Tschaikowskys Ballett „Schwanensee“ – in Russland
ein Mittel, eine Chiffre, um stillen Widerstand zu üben und sich ohne
Worte gegen das dort herrschende Regime aufzulehnen. Verlangt die
Zeit nach Zeichen des politischen Widerstands und des Zusammenhalts,
sei es als getanzte Dissidenz auf der Ballettbühne? Was bedeutet das
titelgebende „Fremde“ für eine Gesellschaft? Wird damit jeglicher
Nationalismus entkräftet?
Mutiger Überlebenskampf – Ágota Kristófs „Das große Heft“ am Odeon
Es ist eine ergreifende und ungeschönte Geschichte, die die
ungarische Schriftstellerin Ágota Kristóf in ihrem Roman „Das große
Heft“ protokolliert. Darin zeichnet sie das Schicksal zweier
heranwachsender Zwillingsbrüder nach, die während des Krieges von
ihrer Mutter aufs Land zur Großmutter gebracht werden und rasch
lernen müssen, was es zum Überleben braucht. Der Krieg, die Flucht
und ihre Folgen waren auch das Lebensthema der Autorin: die
Entwurzelung, die Einsamkeit sowie Grausamkeit prägte Ágota Kristóf,
die nach dem antisowjetischen Ungarn-Aufstand von 1956 als damals
21-Jährige mit ihrem ebenfalls oppositionellen Ehemann und der damals
vier Monate alten Tochter in die Schweiz flüchten musste. Kristóf
hatte die 50 schon überschritten, als ihr erster Roman erschien; es
sollte gleich ihr bestechendster, wahrhaftigster und brutalster sein,
denn er brachte all das zur größten Geltung, was sie als Erzählerin
auszeichnet. Die deutsche Regisseurin Jacqueline Kornmüller, die sich
hierzulande mit ihren interdisziplinären und interkulturellen
Projekten wie der Ganymed-Serie einen Namen machte, wusste schon 1986
beim Erscheinen des Buches, dass sie diesen außergewöhnlichen Text
irgendwann auf die Bühne bringen würde. Sie hat den Stoff für die
Bühne des Odeon Theaters adaptiert und die kubanischen
Zwillingsschwestern Miriam und Mercedes Varga, die schon seit den
1990er Jahren Teil des Serapionstheaters sind, für die Hauptrollen
entdeckt. Eine ideale Besetzung für Kornmüller, weist ihre Biografie
doch deutliche Parallelen zu der berührenden Geschichte auf. Über das
Antikriegsstück, über Flucht und Entwurzelung spricht Clarissa
Stadler mit der Regisseurin live im Studio.
Naturgewalt aus Ebensee – Die Band Bipolar Feminin auf Erfolgskurs
Harmlos sehen sie aus die vier, freundlich, zuvorkommend, witzig und
bescheiden sind sie. Ihre Musik ist allerdings das Gegenteil:
aufwühlend, unversöhnlich, ihre Texte radikal authentisch. Bipolar
Feminin nennen sich die vier Oberösterreicher aus dem Salzkammergut.
Die 27-jährige Frontfrau Leni Ulrich, Sängerin, Gitarristin und
Texterin der Band, ist ein stimmlicher Orkan. Mit Schmäh und Wut
lässt sie verbal ordentlich Dampf ab bzw. den Frust aus über den
Kapitalismus, der den Menschen zum Konsumwesen herabwürdigt, oder
rechnet mit dem immer noch herrschenden Patriarchat ab. Selbstbewusst
steuern Bipolar Feminin durch das weite Spektrum von Eingängigkeit
und Herausforderung. Schon der Bandname mag irritieren. Dabei ging es
der Gruppe aus Ebensee um zwei Pole, die sich aneinander aufreiben,
aber dennoch eins sind, wie Ulrich das künstlerische Schaffen
zusammenfasst. Es ist das Reibungsfeld, das die Musiker interessiert,
nicht nur die reine Ablehnung. In ihrem ausgefransten Indie-Rock bis
Grungepunk, der manchmal an Oasis oder Nirvana erinnert, dominieren
die Stromgitarren. Vor mittlerweile fünf Jahren hat sich das Quartett
in Wien gegründet, denn der als trügerischen empfundenen Idylle des
Salzkammerguts will Bipolar Feminin rasch entkommen. 2022 erschien
mit „Piccolo Family“ ihre erste EP, nun liegt das Debütalbum „Ein
fragiles System“ vor und feiert Erfolge. Dafür wird die Band
demnächst mit dem FM4 Amadeus Award ausgezeichnet.
Neues TV-Porträt „Karl Kraus – Die Macht des Wortes“ (23.15 Uhr)
Karl Kraus war ein Allround-Publizist: Journalist, Lyriker,
Dramatiker, Satiriker, Visionär, Zeitungsherausgeber, Kritiker und
Medienpionier. Und er war ein Mensch voller Widersprüche und
Haltungen, mit denen er heute gewaltig anecken würde. Der Film „Karl
Kraus – Die Macht des Wortes“ von Franz Gruber und Susanne
Pleisnitzer tastet sich ganz nahe an diese unbequeme Figur heran, und
zwar über Menschen – Künstler:innen und Forschende –, die sich einen
Zugang zu seiner Person und zu seinem Werk erarbeitet haben.
Gelesen wird Karl Kraus heutzutage so gut wie gar nicht mehr. Zu
gedrechselt sein Satzbau, zu zeitbezogen die Inhalte. Dennoch
befasste er sich mit gesellschaftlichen Fragen, die heute noch
Berechtigung haben. Es existiert trotz alledem eine eingeschworene
Community, die viel Liebe, Zeit und Geld in die Erforschung seines
Lebens investiert – darunter durchaus auch junge Leute.
Es sind die Widersprüche, die bei der Beschäftigung mit Kraus
auffallen und Rätsel aufgeben. Da ist seine Wandlung vom Kaisertreuen
zu einem der ersten Kriegsgegner während des Ersten Weltkriegs, oder
jene vom Unterstützer der Sozialdemokratie zum wortreichen
Befürworter des austrofaschistischen Diktators Engelbert Dollfuß. Ein
weiterer Widerspruch ist sein verbissener Kampf gegen die Korruption
im Zeitungswesen, während er mit der im Eigenverlag herausgegebenen
„Fackel“ genau das betreibt, was man heute „Empörungsbewirtschaftung“
nennt – eine der Geschäftsgrundlagen des Boulevardjournalismus.
Da sind die von seiner langjährigen Geliebten Sidonie Nádherná von
Borutín zeitweise als erdrückend empfundenen Liebesbezeugungen,
während man in seinem Werk nicht lange nach frauenfeindlichen
Äußerungen suchen muss. Da sind antisemitische Äußerungen, obwohl
Kraus selbst jüdische Wurzeln hat. Und da ist der Technikskeptiker,
der beim Untergang der Titanic und anderen Gelegenheiten die blinde
Fortschritts-Gläubigkeit seiner Zeitgenossen geißelt – selbst aber
bald zu einem der ersten Vielflieger Österreichs wird.
Zu Wort kommen u. a. Katharina Prager, ausgewiesene Kraus-Expertin
und Kraus-Nachlassverwalterin, Isabel Langkabel, begeisterte
Kraus-Forscherin, der Zitateforscher und Blogger Gerald Krieghofer,
Kabarettist Hosea Ratschiller oder Burgschauspieler Cornelius Obonya.
88 Jahre nach dem Tod des umstrittenen Publizisten beantwortet dieser
Film die Frage, ob sich hinter der weit- und scharfsichtigen, laut
polternden, intellektuell oft überfordernden und scheinbar
egomanischen Figur noch jemand anderer verbirgt, den es zu entdecken
lohnt.
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