• 07.11.2023, 10:31:02
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ORF-Zeitgeschichte-Doku „Alter Hass, neuer Wahn. Antisemitismus – Geschichte eines tödlichen Vorurteils“ am 8. November in ORF 2

Zum ORF-Programmschwerpunkt „85 Jahre Novemberpogrome“ um 22.30 Uhr; danach „Auf Wiedersehen Mama, auf Wiedersehen Papa“

Utl.: Zum ORF-Programmschwerpunkt „85 Jahre Novemberpogrome“ um
22.30 Uhr; danach „Auf Wiedersehen Mama, auf Wiedersehen Papa“ =

Wien (OTS) - „Die Judenfratzen – hau ma’s gleich ins Feuer!“ Die
Pogromnacht des 9. November 1938 machte klar, dass auch im Österreich
des 20. Jahrhunderts Nachbarn zu mörderischen Menschenjägern werden
konnten. Seit dem Mittelalter zieht sich eine Blutspur des
Juden-Hasses durch die österreichische Geschichte. In der „Menschen &
Mächte“-Neuproduktion „Alter Hass, neuer Wahn“ zum 85. Jahrestag der
Novemberpogrome analysiert Robert Gokl Ursachen und Folgen dieses
gewalttätigen Antisemitismus und dokumentiert am Mittwoch, dem 8.
November 2023, um 22.30 Uhr in ORF 2, wie antisemitische Vorurteile
und Juden-Hass nach 1945 weiterwirkten. Der Antisemitismus bleibt
eine Gefahr für die Demokratie, auch 85 Jahre nach dem
Novemberpogrom.
Danach erzählt Robert Gokls „Menschen & Mächte“-Film „Auf Wiedersehen
Mama, auf Wiedersehen Papa“ (23.25 Uhr) die Geschichte der
traumatischen Flucht von Kindertransport-Kindern, schildert die
Probleme der Integration in der Fremde und die posttraumatischen
Folgen bis heute.

Wien, Dr.-Karl-Lueger-Platz: Seit Jahren wird um das Denkmal eines
Mannes gestritten, der in den letzten Jahren der Monarchie mit seinem
Juden-Hass viele Wienerinnen und Wiener beeinflusste, darunter Adolf
Hitler. In der Habsburgermonarchie lebte die jüdische Bevölkerung
seit dem Ausgleich von 1867 gleichberechtigt und loyal unter Kaiser
Franz Joseph. Dennoch verschmolz gerade in Wien der christliche
Antisemitismus mit dem rassischen Antisemitismus von Männern wie
Georg von Schönerer. „Mein Großvater Arthur Seyß-Inquart wurde in
Wien zum Antisemiten“, meint Helmut Seyß-Inquart, Enkel des Mannes,
der 1938 als NS-Reichsstatthalter in Österreich Mitverantwortung für
die Pogrome nach dem „Anschluss“ hatte.

1925 in Wien: Otto Rothstock, 21 Jahre alt, NSDAP-Mitglied und
Juden-Hasser, erschießt Hugo Bettauer, Journalist und Schriftsteller.
Bettauer hat in seinem Roman „Stadt ohne Juden“ die antisemitischen
Visionen Karl Luegers fiktiv weitergedacht, bis zur zwangsweisen
Vertreibung aller Wiener Juden. In Bettauers Roman folgt auf die
antisemitische Massenhysterie eine triste Ernüchterung:
Wirtschaftskrise, Provinzialisierung in Wissenschaft und Kultur,
internationale Isolierung. Und schließlich die Rückrufung der
Vertriebenen für ein fiktives Happyend.

12. Juni 1933 in Wien Meidling: Eine Paket-Bombe tötet den Juwelier
Norbert Futterweit. Es ist einer von vielen antisemitischen
Terroranschlägen der österreichischen NSDAP. Nur einer der Täter wird
gefasst, alle anderen fliehen über die Grenze ins „Dritte Reich“.
Fünf Jahre später kommen die Mörder im Triumphzug zurück nach Wien.
Und die Witwe Futterweits muss mit ihrem Sohn Robert in die USA
fliehen, um ihr Leben zu retten. Erst als der Wiener Schriftsteller
Michael Ritter an einem Kriminalroman auf der Basis der historischen
Ereignisse arbeitet, meldet sich 2023 der Enkel Futterweits aus den
USA. Erstmals erzählt er vom Schicksal der überlebenden Familie im
Exil.

Die vielen Pogrome, die in ganz Österreich auf den „Anschluss“ 1938
folgten, waren Ergebnis einer jahrhundertelangen Geschichte des
Juden-Hasses. Am Höhepunkt, der Nacht der Novemberpogrome, zündeten
Österreicher und Österreicherinnen in Graz, in Innsbruck, in Linz, in
Wien und an vielen weiteren Orten mehr als 60 Synagogen an, jagten,
entwürdigten, verprügelten Jüdinnen und Juden auf den Straßen,
stürmten und plünderten Wohnungen und Geschäfte. Wer es nicht mehr
schaffte, in den nächsten Monaten zumindest das Leben durch Flucht zu
retten, wurde deportiert und ermordet – mehr als 60.000
Österreicherinnen und Österreicher. Helmut Seyß-Inquart: „Mein
Großvater war in seinem Wirken schrecklich für das jüdische Volk. Er
ist in Nürnberg mit den Konsequenzen konfrontiert worden und hat
dabei nicht sehr viel Regung gezeigt.“

Seit 1945 waren „Nie mehr wieder!“ und „Wehret den Anfängen!“
zentrale Grundsätze österreichischer Politik. In Teilen der
Bevölkerung aber hielt sich ein „Antisemitismus ohne Juden“ bis in
die Gegenwart, in der alter antisemitischer Wahn neue Ausformungen in
der Hasskultur des Internets, in Social Media und Darknet findet. Die
Antisemitismus-Studien des österreichischen Parlaments belegen, dass
antisemitische Verschwörungsmythen oder Holocaust-Verharmlosung auch
heute noch Zustimmung finden. Eva Zeglovits, Autorin der Studien:
„Das beste Mittel gegen die Wurzeln des Antisemitismus ist Bildung
und Information.“

Menschen & Mächte: „Auf Wiedersehen Mama, auf Wiedersehen Papa“

Als sich am 10. Dezember 1938 am Wiener Westbahnhof die Lokomotive in
Bewegung setzte, bedeutete jeder zurückgelegte Kilometer für die in
den Waggons sitzenden jüdischen Kinder ein Stück mehr Sicherheit, ja
Lebensrettung. Das Ziel dieser in der historischen Diktion
„Kindertransport“ genannten Reise war England. Bis Jahresende 1938
fahren sechs Züge ab. Zwischen 10. Dezember 1938 und dem Beginn des
Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 rollen insgesamt 22 gegen
Westen, Richtung Empire, aber auch in die Schweiz, nach Holland und
Frankreich. Knapp 3.000 Mädchen und Burschen konnten bis zum Beginn
des Zweiten Weltkrieges Österreich verlassen und vor Verfolgung und
Deportation gerettet werden, ebenso Kinder aus Deutschland, der
Tschechoslowakei und Polen. In Summe entkamen solcherart rund 10.000
Kinder und Jugendliche dem sicheren Tod. In Robert Gokls
Dokumentation werden die unterschiedlichsten Schicksale und Folgen
der Kindertransporte thematisiert. Von Glückstreffern nach der
Ankunft im Exilland bis hin zu Anpassungsproblemen und existenziellem
Scheitern. Eines verbindet jedoch die unterschiedlichsten Biografien:
Die ehemals als Abschiebung begriffene Abreise als Lebensrettung zu
begreifen, gelingt vielen, die durch emotionale Ausnahmezustände zu
gehen hatten, erst im Erwachsenenalter.

Details zur vom VGR geförderten ORF-Eigenproduktion „Alter Hass,
neuer Wahn. Antisemitismus – Geschichte eines tödlichen Vorurteils“
sowie zum ORF-Programmschwerpunkt „85 Jahre Novemberpogrome“ sind
unter presse.ORF.at abrufbar.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | NRF

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