• 30.10.2023, 10:49:08
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TV-Premiere für Monika Czernins „Universum History“-Doku „Maria Theresias dunkle Seite – Die Vertreibung der Juden aus Prag“

Am 31. Oktober um 21.05 Uhr in ORF 2

Utl.: Am 31. Oktober um 21.05 Uhr in ORF 2 =

Wien (OTS) - Wien, 18. Dezember 1744. Kurz vor der Geburt ihres
siebenten Kindes erlässt Maria Theresia einen Befehl, der wie ein
Blitz im Habsburgerreich einschlägt und Auswirkungen auf ganz Europa
hat: Sie befiehlt die Vertreibung der Juden aus Prag und stellt sich
damit gegen den Geist der Aufklärung. Ein Countdown beginnt, ein
Kampf, in dem sich halb Europa für die jüdische Bevölkerung von Prag
einsetzt. Doch die zur „Mutter ihrer Völker“ hochstilisierte
Habsburgerin bleibt gnadenlos. Was treibt die angeblich so
aufgeklärte Monarchin zu diesem mittelalterlichen Akt gegen die
größte und wichtigste jüdische Gemeinde Europas? Die neue „Universum
History“-Spieldoku von Regisseurin Monika Czernin und Fritz Kalteis
(Regie Reenactments) geht dieser dunklen Seite Maria Theresias am
Dienstag, dem 31. Oktober, um 21.05 Uhr in ORF 2 nach und erzählt die
letzte große Vertreibung der Juden im alten Europa vor dem Holocaust
als ein Drama, das angesichts von Fremdenfeindlichkeit und
wiedererstarktem Antisemitismus hoch aktuell ist. In den Spielszenen
wird Maria Theresia von Fanny Krausz dargestellt, Julian Loidl agiert
als Franz Stephan und Paul Matic als Ignaz Kampmüller.

„Der Exodus von 10.000 Menschen, bei Eiseskälte und mitten im Winter,
erinnert“, so der Historiker Michael Silber von der Hebrew
Universityin Jerusalem, „wirklich an die 1930er Jahre, als die Juden
Deutschland verlassen mussten“. Und tatsächlich: Nach Jahrhunderten
der antijüdischen Verfolgung im christlichen Europa ist Maria
Theresias Befehl der letzte von einer Herrscherin bzw. einem
Herrscher verordnete Terrorakt gegen Juden im alten Europa vor dem
Holocaust. Es ist der politische Amoklauf einer absolutistisch
regierenden Monarchin, die in diesem Fall beratungsresistent ist und
tiefes Leid über Menschen in ihrer Machtsphäre bringt. „Das ist Maria
Theresias dunkle Seite“, so Historikerin und Maria-Theresia-Biografin
Barbara Stollberg-Rilinger, „in der populären Geschichtsvermittlung
ist das bisher nicht vorgekommen“. Die Juden von Prag starten eine
europaweite Kampagne, um die Regentin – Königin von Ungarn und Böhmen
– zum Einlenken zu bringen. Zwei Hofjuden – Männer aus jüdischen
Familien, die die Herrscher:innen damals mit Kapital und Luxusgütern
versorgten – werden zu prominenten Anführern der ersten
diplomatischen Großaktion der Juden als Volk: Wolf Wertheimer und
Diego d’Aguilar. Zahlreiche Schreiben treffen in Wien ein, die
Gesandten Englands und Hollands werden bei Maria Theresia vorstellig
und sogar der Papst bittet die fromme Katholikin um Nächstenliebe.
Wird Maria Theresia einlenken? Die Dokumentation versucht zu
erkunden, wie sich der Judenhass der zur „Mutter ihrer Völker“
hochstilisierten Habsburgerin erklären lässt, die in den Juden „die
ärgste Pest“ sah. Ist es der Einfluss ihres jesuitischen Beichtvaters
oder die Familientradition? Ihr Großvater Leopold I. ließ 1670 alle
Juden aus Wien vertreiben.

Nach der Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus Prag bricht die
Wirtschaft des wichtigsten Kronlandes Böhmen zusammen, die
Auswirkungen sind bis ins Heilige Römische Reich zu spüren. „Das war
ja nicht irgendeine Gemeinde. Prag war DIE jüdische Gemeinde in
Europa, die größte, die wichtigste und die bedeutendste“, sagt
Historikerin Rotraud Ries. 1748 wird Maria Theresia deshalb ihren
verhängnisvollen Befehl zurücknehmen, und die jüdischen Familien
werden – allerdings gegen eine hohe Toleranzsteuer – zurückkehren.

Musikalische Klammer der „Universum History“-Produktion ist das El
Male Rachamim, das jüdische Totengedenken. Das Gebet durchzieht den
Film als Leitmotiv, taucht als „Realmusik“ gleich am Anfang bei den
Toten des Pogroms auf und führt am Ende bis in die Gegenwart. Es ist
einer der Höhepunkte der Dokumentation, wenn Rabbi Michael Dushinsky
in der ältesten erhaltenen Synagoge Europas, der Altneu-Synagoge in
Prag, das Totengedenken für die Opfer von Pogrom, Vertreibung und
Holocaust singt. Ein besonderes Augenmerk legt die Produktion auf
historische Dokumente, nach denen die Historiker:innen in den
Archiven von Augsburg, Wien und Prag suchen. Die Handschriften aus
dem Prager Nationalarchiv, die den Fall detailliert belegen, werden
vom renommiertesten tschechischen Experten für die Vertreibung der
Juden aus Prag, dem Historiker Alexandr Putík, dechiffriert. Ein
weiteres Highlight ist die Identifizierung von bisher unbekannten
Grabsteinen der Opfer von Pogrom und Vertreibung am jüdischen
Friedhof in Prag. Für die Suche nach jüdischen Spuren in der Stadt
wurde eine eigene Kamerasprache gefunden.

„Um Europa besser zu verstehen, muss man diese Geschichte kennen“,
sagt die international renommierte und preisgekrönte Filmemacherin
Monika Czernin über die große Bedeutung des Themas. „Diese
Jahrhunderte alte antijudaistische Theologie ist eindeutig ein
Nährboden für den Faschismus, den Nationalsozialismus, für den
Antisemitismus und den Judenhass“, zieht der christliche Theologe,
Judaist und Berater von Papst Franziskus im christlich-jüdischen
Dialog, Christian Rutishauser, ein nachdenklich stimmendes Fazit.
„Zusammenleben und Diskriminierung der Juden gibt es in Europa seit
2000 Jahren. Diese wichtige Geschichte musste ich für ein breites
Publikum erzählen, denn die Wurzeln des Holocaust, aber auch das
jahrhundertealte Zusammenleben von Juden und Christen in Europa, die
engen Verflechtungen in Handel und Wirtschaft und die wechselnden
Allianzen für und gegen die Juden sind zu wenig bekannt. Und noch
viel allgemeiner gesprochen sind unsinnige Befehle, Vertreibung und
Flucht bis heute hochaktuelle Themen, die nur Leid über Menschen
bringen!“, so Monika Czernin, Trägerin des
Friedrich-Schiedel-Literaturpreises 2023.

Details zur „Universum History“-Dokumentation „Maria Theresias dunkle
Seite – Die Vertreibung der Juden aus Prag“ sind unter presse.ORF.at
abrufbar.

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