• 26.10.2023, 11:12:27
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  • OTS0037

Bundespräsident: "Wir gehören zusammen und wir sollten füreinander da sein.“

TV-Ansprache von Bundespräsident Alexander Van der Bellen zum Nationalfeiertag 2023 im Wortlaut

Utl.: TV-Ansprache von Bundespräsident Alexander Van der Bellen zum
Nationalfeiertag 2023 im Wortlaut =

Wien (OTS) -
* Bitte beachten Sie die SPERRFRIST 26.10.2023, 17:00 Uhr *

Liebe Österreicherinnen und Österreicher und alle, die in Österreich
leben:
Ich wünsche Ihnen einen schönen Nationalfeiertag.

Heute vor 68 Jahren beschloss der österreichische Nationalrat die
immerwährende Neutralität Österreichs. Und heute vor 68 Jahren war
der erste Tag, an dem nach Ende des Zweiten Weltkrieges keine fremden
Truppen mehr auf unserem Hoheitsgebiet stehen durften. Ein großer
Tag, ein wichtiger Tag für unser Land und alle, die hier leben.

Wir feiern heute unsere Heimat. Wir feiern Österreich.
Wir feiern heute, dass wir ein selbstbestimmtes, durch repräsentative
Demokratie von seinem Volk regiertes Land im Herzen Europas sind.
Wir feiern, dass wir ein freies, ein wirtschaftlich starkes Land
sind.
Wir feiern, dass Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern ein
hohes Gut in unserer Gesellschaft ist, auch wenn wir diese noch nicht
in allen Bereichen erzielt haben.
Wir feiern, dass wir die Menschenrechte achten. Und die
Menschenpflichten einfordern von allen, die hier leben und leben
wollen.
Wir feiern, dass wir ein friedvolles, friedliebendes Land sind.

Meine Damen und Herren,
wir können für diesen Frieden nicht dankbar genug sein. Denn wir
leben in einer Welt, in der dieser Friede alles andere als
selbstverständlich ist.

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine tobt nach wie vor
ungebrochen. Die grausame Terrorattacke der Hamas kann Israel nicht
einfach hinnehmen. Und wohin diese Konflikte noch führen werden, ist
unabsehbar.

Genauso wie die Folgen für die ganze Welt. Die Erschütterungen,
die vielen Krisen, die als Konsequenz dieser und ähnlicher Konflikte
um den Globus gehen, sind auch bei uns spürbar.

Und lassen Sie es mich an dieser Stelle ganz deutlich sagen: der
terroristische Angriff der Hamas auf Israel ist schrecklich und
verachtenswert. Die kalte, berechnende und systematische Art, wie
gegen Kinder, Mütter, Väter gezielt vorgegangen wurde, wie sie
gequält und getötet wurden ohne jedes Mitgefühl, das erinnert in
ihrer tiefen, hoffnungslosen Dunkelheit an die schwärzesten Zeiten
unserer Geschichte.

Es ist unsere immerwährende Verantwortung, gerade auch angesichts der
schrecklichen, barbarischen Taten, die auf unserem Boden an jüdischen
Mitbürgerinnen und Mitbürgern verübt wurden, strikt und entschieden
und aus tiefstem Herzen gegen jede Form von Antisemitismus
aufzutreten. Antisemitismus hat hier keinen Platz. Hass hat hier
keinen Platz.

Die Folgen des Hamas Terrors trugen und tragen zum überwiegenden Teil

Zivilisten auf beiden Seiten. Am Ende sind es die Unschuldigen,
unbeteiligte Kinder, Frauen, Männer, Familien, jene, die sich am
wenigsten wehren können, die es am Schrecklichsten trifft. Das ist
die unerbittliche Logik von Hass, Aggression, Terror und Krieg.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
unsere Gesellschaft in Österreich stellt diese und andere Belastungen
auf die Probe: Wie reagieren wir als Gemeinschaft auf den Stress, der
angesichts der Weltlage auf uns einwirkt?

Wie reagieren wir auf den Stress, der auf uns durch Faktoren wie
Inflation und Teuerung einwirkt?

Auf uns, die wir die große Herausforderung einer Pandemie kaum erst
bewältigt haben?

Wie gehen wir um mit der Belastung, die sich auch auf individueller
Ebene spürbar erhöht hat? Und all das vor dem Hintergrund der
Klimakatastrophe, die sich zuspitzt und konkretes Handeln von uns
verlangt?

Das ist viel. Sehr viel, ich weiß. Ich verstehe alle, denen das zu
viel wird.

Wenn man täglich mit immer neuen schlimmen Nachrichten konfrontiert
wird, die einen mit dem Gefühl zurücklassen, eh nichts ändern zu
können, dann gerät man in Gefahr, abzustumpfen.

Ich habe Verständnis für Bürgerinnen und Bürger, die sich ab und zu
aus dem Nachrichtenstrom ausklinken. Aber ich bitte Sie: Verlieren
Sie trotz allem das Wesentliche nie ganz aus den Augen. Es darf uns
niemals egal sein, wohin sich unser Land und unsere Welt bewegen.

Wir dürfen niemals soweit kommen, dass wir am Ende die Welt in die
Einen und die Anderen aufteilen.

Die Einen, das wären wir und die Anderen wären dann die, die Schuld
haben, die sogenannten Eliten oder die Andersdenkenden oder die
Andersglaubenden oder die, die anders aussehen.

Das darf nicht passieren. Das dürfen wir nicht zulassen.

Es ist unsere Verantwortung als Politikerinnen und Politiker, dass
wir nicht aus Gründen der Stimmenmaximierung in vermeintlich simple
Erklärungsmodelle fallen, die unsere Gesellschaft am Ende
auseinandertreiben. Es gibt diese einfachen Lösungen nicht.
Populismus löst unsere Probleme nicht! Wir müssen uns um
Wahrhaftigkeit bemühen. Und wir müssen zusammenarbeiten.

Ich fordere alle Politikerinnen und Politiker auf: Verlieren Sie sich
nicht in Nebenschauplätzen und Scheindiskussionen. Das hilft
niemandem weiter.

Liebe Politiker, liebe Politikerinnen,
und ich meine damit alle Parteien: konzentrieren Sie sich auf Ihre
wesentlichen Aufgaben und die Lösung von konkreten Problemen und
verzichten Sie auf Vernebelung und Ablenkung.

Und allen Bürgerinnen und Bürgern wünsche ich Unterscheidungskraft.
Zu erkennen, welche Nachrichten nur gemacht wurden, um Klicks zu
generieren, Aufmerksamkeit zu binden und so zu einer Überreizung und
Abstumpfung beitragen.

Und zu erkennen, welche Nachrichten wesentlich und wichtig sind.
Vertrauen Sie dabei auf die zahlreichen Journalistinnen und
Journalisten, die ernsthaft und mit glaubwürdigen Quellen
recherchieren.

Und bitte vergessen wir nicht, dass es in dieser Zeit, so dunkel und
verwirrend sie auch scheinen mag, immer noch Licht gibt: Uns selber!

Denn wir haben einander. Wir gehören zusammen und wir sollten
füreinander da sein. Trotz all der Meinungsverschiedenheiten, die es
geben mag:

Österreich ist unser aller Heimat.

Und das Österreich, das ich kenne und an das ich glaube, ist
mitfühlend, hilfsbereit, intelligent, vorausschauend, liberal,
gastfreundlich, gesellig, frei und friedliebend.

Liebe Österreicherinnen und Österreicher und alle, die hier leben:
Wir alle gemeinsam sind Österreich.
Lassen Sie uns dieses Land und einander wertschätzen.
Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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