• 29.06.2023, 22:00:03
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Ausgabe vom Freitag, 30. Juni 2023, von Michael Sprenger: "1703–2023"

Innsbruck (OTS) - 

Was bleibt von Schwarz-Grün? Zu gegebenem Anlass ist Bilanz zu ziehen. Aber dass diese Regierung medienpolitisch versagt hat, ist amtlich. Zum Ende der „Wiener Zeitung“, der ältesten Tageszeitung der Welt. Eine Ernüchterung.



In Zeiten, in denen Boulevardblätter von der öffentlichen Hand mit Inseraten üppig alimentiert werden, wird die älteste Tageszeitung der Welt heute zu Grabe getragen. In Zeiten, in denen Printmedien als Protest gegen die geplante ORF-Novelle mit nackten Titelseiten erscheinen, verschwindet die Wiener Zeitung vom Markt. In Zeiten, in denen die Entpolitisierung des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks nicht einmal versucht wird, war wohl kein Geld für eine öffentlich-rechtliche Tageszeitung vorhanden. In Zeiten, in denen Fake News zur Bedrohung der Gesellschaft werden, erscheint also die letzte Ausgabe des seit 320 Jahren existierenden Qualitätsblattes. In Zeiten, in denen Bundespräsident Alexander Van der Bellen vor einem Erschaudern der liberalen Demokratie warnt und Düsternis erkennt, wird das Printprodukt der Wiener Zeitung eingestellt.
   Es wurde lange für den Erhalt der Zeitung gekämpft, die „trotz widrigster Rahmenbedingungen strikt an qualitativ hohen Standards festgehalten und damit Mut, Unabhängigkeit sowie kritische Distanz bewiesen“ hat (Begründung der Jury, die den diesjährigen Kurt-Vorhofer-Preis der Wiener Zeitung verlieh). Doch die Eigentümer-Vertreter der Republik, also die Politikerinnen und Politiker von ÖVP und Grünen, blieben stur bis zuletzt. Sie allein haben das Aus der Wiener Zeitung zu verantworten. Öster­reich, ein Land, welches sich zu Recht seiner kulturellen Vergangenheit und Gegenwart rühmt, verliert heute ein Kulturgut. 
   Es gab Angebote für die Weiterführung des Blattes, das behauptet nicht nur die Redaktion. Nur die Regierung wollte davon nichts wissen, wollte die Marke, den Namen nicht hergeben. Am 8. August erschien in der alten Residenzstadt erstmals das Wiennerische Diarium, wie die Wiener Zeitung in ihren Anfangstagen des Jahres 1703 hieß. Am 30. Juni 2023 ist es vorbei mit ihr.
   Dies alles ist Ausdruck einer Medienpolitik einer Regierung, die diesen Namen schlichtweg nicht verdient. Dass bei diesem brutalen medienpolitischen Akt auch die Grünen mitgemacht haben, wird ihnen von jenen Kulturschaffenden übelgenommen, die seit Wochen für den Erhalt der Zeitung gekämpft haben. SPÖ, FPÖ und NEOS appellierten im Parlament noch an die Regierung, auf die Umwandlung des Print­produkts in ein Digitalmedium zu verzichten. Aber ÖVP und Grüne sind bis heute davon überzeugt, dass die gewählte Lösung die beste ist. Und was sagte einst das Staatsoberhaupt zum Aus der Wiener Zeitung? „Wenn eine Regierung oft Dinge tut, die nicht gefallen, dann wird diese Parlamentsmehrheit die Konsequenzen bei den nächsten Wahlen zu spüren bekommen.“ Eine Aussicht.

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