• 16.05.2023, 10:00:05
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Ikone der Neuen Musik: Ö1 und ORF 2 zum 100. Geburtstag von György Ligeti

Wien (OTS) - Am 28. Mai jährt sich der Geburtstag György Sándor
Ligetis zum 100. Mal. Ö1 widmet Ligeti, der als einer der
bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts und als Repräsentant
der Neuen Musik gilt, ab 22. Mai eine „Radiokolleg“-Reihe, vier
Ausgaben von „Zeit-Ton“, „Hörbilder Spezial“ und überträgt live die
Eröffnung des 40. Internationalen Musikfestes, in ORF 2 ist am 21.
Mai das Filmporträt „Kosmos Ligeti“ zu sehen.

„Der Komponist Ligeti und die Politik“ ist Thema des „Radiokolleg“
von Montag, den 22. bis Donnerstag, den 25. Mai jeweils um 9.45 Uhr
in Ö1. György Ligeti gehörte zu den bedeutendsten und gleichzeitig
undogmatischsten Komponisten des 20. Jahrhunderts: Der Musikschöpfer
ließ sich nie in das Korsett der seriellen Musik zwängen und suchte
stattdessen in der Mikrotonalität oder in der Verwendung von Klängen
aus Afrika und Asien, die im europäischen Kontext neu und
unverbraucht waren, nach alternativen Formen der Musikorganisation.
Bei Ligeti ist der biographische Hintergrund, mehr noch als bei
zahlreichen Kollegen, nicht von seinem kompositorischen Weg zu
trennen: Dass der in Siebenbürgen geborene Komponist an die
Musikakademie kam, ist auf die ungarischen Judengesetze der
1940er-Jahre zurückzuführen, die es ihm unmöglich machten, Mathematik
und Physik studieren. Sein Vater und sein Bruder wurden in der
NS-Zeit im KZ ermordet, Ligeti selbst geriet in sowjetische
Gefangenschaft, aus der er flüchten konnte, um sich zum Studium in
Budapest niederzulassen. Nach Jahren der inneren Emigration entzog er
sich 1956 dem Kommunismus und fand im Westen schnell Anschluss an die
Avantgarde. Doch auch hier erwies er sich als Solitär: Das Diktat der
seriellen Musik lehnte er ab und plädierte stattdessen für einen
individuellen Weg, bei dem er seiner Formenimagination vertraute.

„Neue Musik auf der Couch“ heißt es am Montag, den 22. und am
Dienstag, den 23. Mai in „Zeit-Ton“ (23.03 Uhr), wenn Komponist und
Violinist Thomas Wally sich mit Werken von Ligeti auseinandersetzt.
Am 22. Mai analysiert Wally das Streichquartett Nr. 1 von György
Ligeti. Als eines jener Werke, die Ligeti noch vor seiner Flucht 1956
in den Westen komponierte, ist es vom Einfluss Béla Bartóks geprägt;
und zwar so stark, dass sein etwas jüngerer ungarischer
Komponistenkollege György Kurtag diese „Metamorphoses nocturnes“
einmal als Bartóks siebtes Streichquartett bezeichnete. Am 23. Mai
analysiert Wally Ligetis Streichquartett Nr. 2 (1968). Die
klanglichen Welten des etwa 15 Jahre später geschriebenen zweiten
Streichquartetts sind deutlich andere. Zwischen diesen beiden Werken
liegen so wichtige Kompositionen wie das 1961 bei den Donaueschinger
Musiktagen uraufgeführte „Atmosphères“, die ins Absurde abdriftenden
„Aventures“ oder das Chorwerk „Lux Aeterna“. Kann man das erste
Streichquartett über weite Strecken noch mit herkömmlichen Begriffen
und Kategorien wie Melodie, Begleitung und Rhythmus beschreiben, so
erinnert das Streichquartett Nr. 2 an Massenprozesse, an
schwarmartige Gebilde oder an maschinelle Mechanik.

„Wege durchs Labyrinth - Annäherungen an den Komponisten
György Ligeti“

„Decolonize Your Mind“ lautet der Titel von „Zeit-Ton“ (23.03 Uhr)
am Donnerstag, den 25. Mai. Ein Interview, in dem Ligeti darüber
sprach, wie überbeansprucht die im Westen vorherrschende wohl
temperierte Stimmung doch bereits sei, inspirierte den ebenfalls in
Ungarn beheimateten Musiker Balint Szabo zu einer Reise in die weite
Welt der außereuropäischen Stimmungssysteme, die bis heute andauert.
Ligeti erwähnte in besagtem Interview einige Ethnomusikologen, unter
ihnen auch Hugo Zemp, der sich in den 1970er-Jahren intensiv mit der
Musik der 'Are'are auf der Insel Malaita beschäftigt hat. Auch Szabo
zog diese Musik unmittelbar in den Bann. Gemeinsam mit einigen
Gleichgesinnten gründete er 2018 die „Decolonize Your Mind Society“,
die unlängst ihr zweites Album „A Second Invitation To An
Uniterrupted Katabatic Lens“ veröffentlicht hat.

Unter dem Titel „Eine Komponisten-Freundschaft“ spricht Peter
Eötvös am Freitag, den 26. Mai in „Zeit-Ton“ (23.03 Uhr) über Ligeti.
György Ligeti und Peter Eötvös wurden beide im multiethnischen
Siebenbürgen geboren - und trafen später in Budapest wieder
aufeinander. Ligeti, der zwischen 1950 und 1956 an der Budapester
Musikakademie unterrichtete, empfahl den gut 20 Jahre jüngeren Eötvös
ebendort für ein Studium beim bedeutenden Komponisten Zoltán Kodály -
Eötvös war damals erst 14 Jahre alt. Aus diesen ersten Begegnungen
entwickelte sich eine jahrzehntelange Zusammenarbeit und
Freundschaft. Eötvös, der seit den 1970er-Jahren als weltweit
gefragter Komponist und Dirigent in Erscheinung tritt, kennt Ligetis
Oeuvre wie wenige andere, dokumentiert auch durch zahlreiche
Aufnahmen unter Eötvös‘ Leitung mit Werken des großen
Komponistenkollegen.

Am Sonntag, den 28. Mai überträgt Ö1 in der „Matinee“ (11.03 Uhr)
live aus dem Wiener Konzerthaus: Die Wiener Philharmoniker und
Philippe Jordan eröffnen das 40. Internationale Musikfest mit dem
1961 entstandenen kurzen Orchesterstück „Atmosphères“ von György
Ligeti. Weiters sind Jean Sibelius‘ Konzert für Violine und Orchester
d-Moll – Solistin: Lisa Batiashvili – und Robert Schumanns Symphonie
Nr. 2 C-Dur zu hören.

Das von Thomas von Steinaecker gestaltete Porträt „Wege durchs
Labyrinth - Annäherungen an den Komponisten György Ligeti“ steht auf
dem Programm der „Hörbilder Spezial“ am Montag, den 29. Mai ab 10.05
Uhr. Die Ikone der Neuen Musik hat bis heute nichts von ihrer
Faszination eingebüßt. Die musikalischen Welten Ligetis gleichen
einem Irrgarten. In seinen Gängen schimmern fremde Begriffe auf, die
eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausüben:
Klangflächenkomposition, Polymetrik, Mikropolyphonie. In dem Feature
kommen Musiker/innen und Zeitzeug/innen zu Wort, die überraschende
Einblicke in den Entstehungsprozess epochaler Werke wie „Atmosphères“
oder der „Etudes pour piano“ geben und die Stationen einer
Ausnahmebiografie aufzeigen zwischen Diktaturen, Höhenflügen in
Hollywood und der Suche nach den Gesetzen des Chaos.

„Kosmos Ligeti“ in ORF 2

Das ORF-Fernsehen würdigt György Ligeti zum 100. Geburtstag mit
dem neuen Filmporträt „Kosmos Ligeti“ in der „matinee“ am Sonntag,
den 21. Mai um 9.35 Uhr in ORF 2. Die Dokumentation von Herbert
Eisenschenk blickt zurück auf das Leben und Werk des Komponisten: auf
eine von Träumen und Traumata geprägte Kindheit, eine von Diktaturen
bestimmte Jugend und eine offenbar in der Musik gefundene Freiheit.
Ligetis Oeuvre ist zeitlos geblieben und begeistert noch heute. Seine
Musik wühlt auf, verstört und fasziniert. Der Komponist folgte stets
seinem unmittelbaren Interesse. Nicht für ein Publikum, sondern für
seinen Erkenntnisgewinn schrieb er Stücke, an denen sich nur wenige
versuchten. Denn Ligetis Werke gehören wohl zu den schwierigsten und
komplexesten, die je komponiert worden sind - für seine
Interpretinnen und Interpreten stets eine extreme Herausforderung.
Die Verwendung seiner Stücke in den Filmklassikern Stanley Kubricks
machten ihren Schöpfer schließlich auch für ein breites Publikum
jenseits der Musikwelt berühmt.

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