• 03.01.2023, 11:00:03
  • /
  • OTS0044

Studie zu den Ursachen von Wissenschafts- und Demokratieskepsis in Österreich: IHS legt dem BMBWF vorläufige Ergebnisse vor

Wien (OTS) - Das Interesse an Wissenschaft ist in Österreich im
internationalen Vergleich gemäß der jüngsten Eurobarometer-Umfrage
von November 2021 niedrig. Wissenschafts- und Demokratieskepsis
wurden insbesondere in der Pandemie als zunehmende Herausforderung
diskutiert.

Das BMBWF erarbeitet daher im Auftrag von Bundesminister Martin
Polaschek ein Gesamtpaket, mit dem Ziel, das Vertrauen in die
Wissenschaft und in die Demokratie zu stärken. Das 10-Punkte-Programm
(TruSD-Strategie) des BMBWF wurde bereits im September der
Öffentlichkeit präsentiert. Eine Maßnahme dieses Programms ist die
Durchführung einer Ursachenstudie. Diese grundlegende und erstmalige
Studie zu den Ursachen von Wissenschafts- und Demokratieskepsis in
Österreich soll die historischen, sozioökonomischen (Alter,
Geschlecht, Herkunft, Werthaltungen) sowie die systemischen und
strukturellen (Bildungs- und Wissenschaftssystem, Politik, Medien,
Öffentlichkeit) Dimensionen berücksichtigen, um das wissenschaftliche
Fundament als Basis für mögliche Handlungsfelder zu erarbeiten.

Das BMBWF hat seine Terms of Reference zur Studie zu den Ursachen von
Wissenschafts- und Demokratieskepsis in Österreich öffentlich
ausgeschrieben und das Instituts für Höhere Studien (IHS), welches
die Studie gemeinsam mit der Universität Aarhus in Dänemark
durchführt, wurde damit beauftragt. IHS-Studienleiter Johannes
Starkbaum hat gemeinsam mit einem Team aus Sozialwissenschafter/innen
und Historiker/innen des IHS und der Universität Aarhus mit 1.
September 2022 die Arbeiten an der Studie aufgenommen. In mehreren
Arbeitspaketen, die auch Workshops und Interviews mit Expert/innen
sowie Fokusgruppen mit spezifischen Zielgruppen der Bevölkerung
beinhalten, werden die Ergebnisse der Studie Ende August 2023
planmäßig dem BMBWF vorgelegt. Eine Präsentation durch Bundesminister
Martin Polaschek und Studienleiter Johannes Starkbaum soll im Rahmen
des Europäischen Forums Alpbach im August 2023 erfolgen.

Johannes Starkbaum hat dem BMBWF nun einen internen Zwischenbericht
des IHS und der Universität Aarhus vorgelegt. Dieser stellt die
vorläufigen Ergebnisse der Arbeiten vor, die von Anfang September bis
Ende November 2022 stattgefunden haben. Das sind vor allem Anteile
aus den ersten zwei Arbeitspaketen („Konzeptionelle Grundlagen zu
Einstellungen zu Wissenschaft und Demokratie in Österreich“ und
„Sekundäranalyse von Einstellungen zu Wissenschaft und Demokratie“).
Das erste Arbeitspaket umfasst eine breite Literaturstudie. Im Rahmen
des zweiten Arbeitspakets wird eine Sekundäranalyse von quantitativen
Datensätzen durchgeführt. Dabei wurden Erhebungswellen der letzten
Jahre folgender Studien einbezogen: Eurobarometer, Austrian Corona
Panel Project (ACPP), Citizen‘ Attitudes Under COVID-19 Pandemic
(CAUCP), sowie Wellcome Global Monitor (WGM). Beide Arbeitspakete
sind noch nicht abgeschlossen. Insbesondere für den statistischen
Teil des Zwischenberichts müssen die ersten tentativen Ergebnisse
anhand komplexerer Methoden im Detail untersucht und überprüft werden
und sollten daher zum jetzigen Zeitpunkt mit der gebotenen Vorsicht
interpretiert werden.

Erste Schlüsselpunkte, die das IHS identifiziert hat, betreffen:

• Die Definition von Wissenschaftsskepsis ist unklar: In der
wissenschaftlichen Literatur findet sich keine eindeutige Definition
und dieser Begriff wird in Medien, Umfragen und der öffentlichen
Diskussion auch häufig unspezifisch und unreflektiert verwendet.
Skepsis ist in der Wissenschaft zentral für die Schaffung neuer
Ideen; aber Wissenschaftsskepsis ist problematisch, wenn sie
wissenschaftlich geschaffenes Wissen kategorisch ablehnt.

• Es gibt einen Zusammenhang der Wahrnehmung von Wissenschaft mit der
Konsumation bestimmter (populistischer) Medienformate und Vertrauen
in Medien. Mediale Beiträge zum Thema Wissenschaftsskepsis haben in
den letzten Jahren deutlich zugenommen. Im selben Zeitraum lässt sich
jedoch über mehrere Studien keine Zunahme an skeptischen
Einstellungen in der österreichischen Bevölkerung verorten.
Etablierte Medien (inklusive deren digitale Formate) spielen in der
österreichischen Debatte zu Skepsis eine wesentliche Rolle aber
Soziale Netzwerke gewinnen zunehmend an Bedeutung. Öffentlichkeit
wird immer mehr ein bedingter Referenzpunkt für Wissenschaft.

• Desinteresse an Wissenschaft scheint in Österreich deutlicher
ausgeprägt zu sein als systematische Skepsis oder mangelndes
Vertrauen in Wissenschaft. Zum Beispiel geben im Rahmen der
WGM-Studie deutlich über 80% jener Befragten, die an Wissenschaft
desinteressiert sind, an, Wissenschaft sehr oder zumindest etwas zu
vertrauen. Im Rahmen der 2021 Eurobarometerstudie äußern
Österreicher/innen vergleichsweise öfter geringes Interesse an
Wissenschaft (In Österreich geben 21% an nicht an wissenschaftlichen
Entdeckungen und technologischen Entwicklungen interessiert zu sein.
Im EU-17 Schnitt äußern 18% kein Interesse).

• Desinteresse ist nicht mit mangelndem Vertrauen und auch nicht mit
Wissenschaftsskepsis gleichzusetzen. Ein Teil der österreichischen
Bevölkerung stimmt im Rahmen der Eurobarometer Studie von 2021 zwar
einzelnen wissenschaftsskeptischen und/oder
verschwörungstheoretischen Aussagen, zu den Themenfeldern Klimawandel
(31%), Ursprung von Viren (23%) und Krebsforschung (21%), zu, aber
nur eine vergleichsweise kleine Gruppe äußert sich über mehrere
dieser Themenfelder zugleich skeptisch; 6% der österreichischen
Befragten stimmen allen drei Aussagen zu. Generell verteilt sich die
Zustimmung zu diesen Aussagen über alle soziodemographischen Gruppen
ähnlich. Eine Neigung diesen Aussagen zuzustimmen, gibt es bei
Personen mit geringerer Zufriedenheit mit Demokratie und dem eigenen
Leben, die auch vergleichsweise geringere Bildung und Unzufriedenheit
mit ihrer ökonomischen Lage aufweisen. Im EU-27 Vergleich stimmen die
Befragten in Österreich diesen wissenschaftsskeptischen und/oder
verschwörungstheoretischen Aussagen tendenziell weniger oft zu.

• Vertrauen in Wissenschaft ist in Österreich in allen untersuchten
Umfragen im Zeitverlauf konstant und höher als jenes in andere
Bereiche und Institutionen. In zwei untersuchten Erhebungen ist das
Vertrauen in Wissenschafter/innen in den letzten Jahren leicht
gestiegen (CAUCP und WGM) und im ACPP ist das Vertrauen zu
Wissenschaft in den letzten zwei Jahren nur leicht gesunken.
Aussagebatterien, die Vertrauen anhand konkreter Beispiele abfragen,
ergeben teilweise ein kritischeres Bild - zum Beispiel wenn dies mit
persönlichen Interessen von Wissenschafter/innen oder Interessen von
Politik gekoppelt wird (ACPP, CAUCP). Unterschiede nach spezifischen
sozioökonomischen Gruppen sind auch hier eher gering jedoch neigen
Menschen mit niedrigerer Bildung, Menschen in ökonomisch schwierigen
Situationen sowie Personen, die mit der eigenen Lebenssituation
unzufrieden sind, zu geringerem Vertrauen in Wissenschaft und
geringerer Zufriedenheit mit Demokratie. Im Gegensatz zum Vertrauen
in Wissenschaft hat die Zufriedenheit mit der Demokratie im Verlauf
der letzten Jahre abgenommen (ACCP).

• Wissenschaft ist ein gesellschaftliches Teilsystem: Skepsis muss
nicht Ablehnung von wissenschaftlichen Methoden sein, sondern kann
sich auf Kritik der Verbindungen von Wissenschaft mit anderen
Gesellschaftsbereichen, wie Politik oder Wirtschaft, beziehen
(Aussagebatterien ACPP und CAUCP). Zudem sind Wissenschaft und ihre
Disziplinen auch in sich heterogen und teilweise widersprüchlich, was
unter anderem bei psycho-sozialen und epidemiologischen Empfehlungen
im Rahmen der COVID-19-Pandemie sichtbar wurde. Ursachen für
Wissenschafts- und Demokratieskepsis lassen sich auch aus
historischen Wechselwirkungen gesellschaftlicher Teilsysteme erklären

• Das Team der Studie arbeitet an einem soziologischen und
historischen Blick auf die österreichische Wissenschaftsgeschichte,
um die sich wandelnde Beziehung von Wissenschaft und Gesellschaft und
damit verbundene Einstellungen der Bevölkerung zu Wissenschaft besser
zu verstehen. Wissenschaft wird dabei in den jeweiligen historischen
Epochen als Teilsystem der Gesellschaft und in Wechselwirkung mit
anderen gesellschaftlichen Systemen wie Politik, Wirtschaft,
Öffentlichkeit und Religion gesehen. Die Ursachenstudie untersucht,
wie sich dieses wandelnde Verhältnis auf Wissenschafts- und
Demokratieskepsis auswirkt.

Bildungs-, Wissenschafts- und Forschungsminister Martin Polaschek:
„Die ersten Zwischenergebnisse zeigen, dass wir mit den Maßnahmen der
‚Trust in Science and Democracy‘-Strategie des BMBWF den richtigen
Weg eingeschlagen haben. Wir müssen früh in der Schule das Interesse
an Wissenschaft fördern. Daher werden wir
Wissenschaftsbotschafterinnen und –botschafter an die Schulen
bringen, die den Schülerinnen und Schülern ihre wissenschaftliche
Arbeit näherbringen, für Wissenschaft begeistern und zu
wissenschaftlicher Neugier motivieren sollen. Diese breite Allianz an
Wissenschaftsbotschafterinnen und –botschaftern werden wir zu Beginn
des Sommersemesters 2023 präsentieren. Die Studie zeigt eindeutig,
dass wir Handlungsbedarf haben. Es ist mir ein persönliches Anliegen
hier aktiv zu sein und das Interesse an der Wissenschaft und das
Vertrauen in unsere Demokratie zu stärken.“

Studienleiter Johannes Starkbaum: „Aktuell wird das Thema
Wissenschaftsskepsis in Österreich stärker diskutiert. Dabei fehlt
jedoch eine differenzierte Debatte darüber, welche Formen von Skepsis
gegenüber der Wissenschaft in der Gesellschaft bestehen und welche
Ursachen dafür verantwortlich sein können. Unsere ersten Ergebnisse
zeigen, dass Desinteresse an Wissenschaft deutlich ausgeprägter ist
als systematische Skepsis oder mangelndes Vertrauen. Das Vertrauen in
Wissenschaft ist in Österreich in allen von uns analysierten Umfragen
im Zeitverlauf hoch und konstant. Es gibt aber in Teilen der
österreichischen Bevölkerung auch kritische Einstellungen zu
Wissenschaft. Diese bestehen in allen Gesellschaftsbereichen und
beschränken sich nicht auf spezifische sozioökonomische Gruppen.
Skepsis muss jedoch nicht Ablehnung von wissenschaftlichen Methoden
sein, sondern kann Kritik an den Verbindungen von Wissenschaft mit
anderen Gesellschaftsbereichen, wie Politik oder Wirtschaft, sein.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | MUK

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel