- 01.01.2023, 11:00:33
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Neujahrsansprache von Bundespräsident Alexander Van der Bellen: „Klartext und Hoffnung“
Wortlaut der Ansprache
Utl.: Wortlaut der Ansprache =
Wien (OTS) - Liebe Österreicherinnen und Österreicher und alle, die
in Österreich leben,
ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen ein gutes Neues Jahr.
Noch ist es ein unbeschriebenes Blatt.
Aber insgeheim haben wir alle Erwartungen.
Oft glauben wir zu wissen, was kommen wird und viele von uns, das
muss ich so ansprechen, befürchten auch, dass das kommende Jahr
härter wird als das vergangene. Kein Wunder.
Die wirtschaftliche Situation mit Inflation und hohen Energiepreisen
als Folge des Angriffskrieges in der Ukraine ist eine Herausforderung
für unsere Gesellschaft.
Ganz abgesehen von dem menschlichen Leid, das durch die
systematischen Angriffe Russlands auf zivile Einrichtungen entsteht.
Das ist einfach schrecklich.
Wir können auch die Klimakrise und ihre Auswirkungen nicht
ignorieren, die Jahr für Jahr stärker spürbar werden.
Und dazu kommen die Folgen der Pandemie, mit denen wir immer noch
kämpfen.
Auf der Ebene der Europäischen Union steht unsere Gemeinschaft vor
großen Umwälzungen. Europa muss seine geostrategische Rolle finden
und verteidigen.
Und innenpolitisch, als ob das alles noch nicht genug wäre, sehen wir
uns nach wie vor mit diesem, wie ich es genannt habe, „Wasserschaden“
konfrontiert: Dem Zweifel an der Integrität der Politik.
Und auch da sind entsprechende Schritte noch immer nicht gesetzt. Die
Generalsanierung hat noch immer nicht begonnen.
Und so viel möchte ich an dieser Stelle sagen:
Die Österreicherinnen und Österreicher warten darauf.
Und ich auch.
Aber dennoch: Ich möchte Sie heute einladen, noch kein vorschnelles
Urteil über das Jahr 2023 zu fällen.
Noch nicht aufzugeben, bevor das neue Jahr überhaupt erst begonnen
hat.
Und in Ihrem Kopf die Möglichkeit offen zu halten, dass wir alle
gemeinsam positiv überrascht werden vom kommenden Jahr.
Ich weiß schon, manche finden das naiv.
Und manche können es auch nicht mehr hören, wenn ich zum gefühlt 100.
Mal „Wir kriegen das schon hin“ sage.
Aber trotzdem muss und möchte ich uns alle an eines erinnern:
Eine wichtige Voraussetzung dafür, dass etwas gelingt, ist, dass man
es zulässt.
Dass man die Hoffnung zulässt. Dass man es zulässt, die guten Dinge
zu sehen. Dass man im Kopf die Möglichkeit des Erfolgs zulässt. Dass
man trotz aller Schwierigkeiten an einen guten Ausgang glaubt. Auch
wenn die Rahmenbedingungen höchst herausfordernd sind.
Ein Beispiel: Sportlerinnen und Sportler wissen ganz genau, dass ein
guter Wettkampf im Kopf beginnt.
Deswegen sieht man Skirennläufer oft vor dem Start in Gedanken die
Strecke hinunterfahren. Sie nehmen im Kopf schon jede Kurve und jeden
Sprung so, wie es ideal wäre.
Sie kennen solche Bilder. Das ist charakteristisch für
Leistungssportlerinnen.
Manche halten das für ein bisschen seltsam. Aber es funktioniert:
Sich auf den bestmöglichen Ausgang fokussieren.
Und das sollten wir alle tun.
Wir mögen nicht alle Leistungssportlerinnen- und sportler sein, aber
jede und jeder von uns hat jeden Tag Aufgaben zu bewältigen. Wichtige
Aufgaben, die in Summe unseren Erfolg als Gemeinschaft ermöglichen.
Die Arbeit der alleinerziehenden Mütter.
Die Arbeit in pflegenden und medizinischen Berufen und im ganzen
Sozialbereich.
Die Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer.
Der Schülerinnen und Schüler.
Der freiwilligen Vereine – unserer Zivilgesellschaft.
Der Menschen, die sich politisch engagieren.
Die Arbeit der Journalistinnen und Journalisten.
Die Arbeit der Beschäftigten in der Wirtschaft.
Der Unternehmerinnen und Unternehmer.
Unseres Mittelstandes.
Der Ingenieurinnen und Ingenieure.
Unserer Bäuerinnen und Bauern.
Die Arbeit im Tourismus.
Die Arbeit der Menschen in Verwaltung,
Exekutive und Bundesheer.
Und natürlich der Beitrag der Pensionistinnen und Pensionisten.
Der Opas und Omas, Mamas und Papas.
Wenn wir alle unsere täglichen Aufgaben mit Optimismus und gutem
Willen erledigen und im Rahmen unserer ganz persönlichen
Möglichkeiten unser Bestes geben, Schritt für Schritt für Schritt:
Dann wird unser gemeinsames Jahr gut werden. Weil wir einander so am
besten helfen.
Liebe Österreicherinnen und Österreicher und alle, die in Österreich
leben,
ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen ein gutes Neues Jahr.
Möge es besser, einfacher und schöner werden, als Sie es erwarten.
Guten Abend.
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