• 03.11.2022, 12:48:40
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„dokFilm“-Premiere „König der Narren“: Christian Hagers Doku über Mythos und Geschichte der „Kultfigur Kasperl“

Am 6. November in ORF 2

Utl.: Am 6. November in ORF 2 =

Wien (OTS) - Er trägt ein Dauergrinsen im Gesicht und dreht der Welt
die buchstäblich lange Nase. Seit 65 Jahren ist er überdies Star des
ORF-Fernsehens: der Kasperl – jener, der aus dem Ensemble der
berühmten Wiener Urania-Puppenbühne hervorging, ebenso wie seine
zahllosen Artgenossen und Epigonen – gilt als Kultfigur, vor allem
der Kinder. Das war bei Weitem nicht immer so: Seine Vorfahren waren
Raufbolde, ungehobelt und vulgär. In einer neuen ORF-Koproduktion
macht sich Regisseur Christian Hager auf Spurensuche nach den Ahnen
des Kasperls: der buntgekleidete Arlecchino der Commedia dell’arte
genoss buchstäblich Narrenfreiheit. Je mehr er gen Norden wanderte,
desto mehr legte er seine Eleganz ab: Sein alpenländisches Pendant
war ein derber Sauschneider, sein Wiener Ableger, der Hanswurst, war
ordinär und versoffen – und trotzdem oder vielleicht gerade deswegen
so populär. Unter den strengen Zensurvorschriften Josephs II. lernte
der Kasperl Manieren. Im 20. Jahrhundert wurde die Kasperlpuppe
vielfach propagandistisch vereinnahmt: von Kriegstreibern,
Sozialisten und den Nazis.

Zum Mythos Kasperl und der Entwicklung der Figur, die heute noch der
Liebling eines ganz jungen Publikums ist, kommen in Hagers Film
„Kultfigur Kasperl – König der Narren“ im „dokFilm“ am Sonntag, dem
6. November 2022, um 23.05 Uhr in ORF 2 u. a. André Heller,
Puppenspieler und Regisseur Nikolaus Habjan oder der bayerische
Starkabarettist Gerhard Polt zu Wort.

Mehr zum Inhalt des Films

„Kinder, seid ihr alle da?“ „Jaaa!“ tönt es aus vielen Kinderkehlen.
Denn den Kasperl „daschlogt kaner“ – zumal, wenn ihn
Universalimpresario André Heller rettet. 2018 kaufte Heller die
legendäre Puppenbühne in der Wiener Urania, die – 1950 vom Ehepaar
Hans und Marianne Kraus gegründet – kurz vor der Schließung stand.
Nun sei der Fortbestand der Kultpuppen um Kasperl und Pezi, die zum
Staunen verführen und ein Lächeln in Kindergesichter zaubern,
gesichert. Heller meint, durch sie können schon kleine Kinder an das
Kulturleben herangeführt werden: „Es ist ganz bestimmt so, dass wenn
die Kinder nicht ins Kasperltheater oder in ein anderes Puppentheater
gehen würden, sie nie eine Brücke zum großen Theater finden würden.“

Doch die Geschichte des Kasperls fing schon sehr viel früher an. Die
Wandlung der wortgewandten Renaissance-Figur mit ausgeprägter
Narrenfreiheit, des Arlecchino der italienischen Commedia dell’arte,
zum Rauf- und Trunkenbold vollzog sich auf dessen Reise nach Norden.
Im südbayerischen Raum bzw. im Salzburger Lungau trat er als
Sauschneider in Erscheinung, bevor er sich zum Wiener Hanswurst
weiterentwickelte. Das bayerische Schliersee ist heute ein Zentrum
der Kasperltheater-Kunst. Auf dem jährlich stattfindenden Festival
versammeln sich internationale Stars des Genres. Uwe Spillmann etwa
führt seine selbstgeschriebenen Stücke unter anderem auf Plattdeutsch
auf und knüpft an die Tradition der Jahrmarkt-Gaukler an. Er macht
den Wandel des Kasperls von dessen Ventil- zur Vorbild-Funktion
nachvollziehbar. Schirmherr des Festivals ist Bayerns Kabarettstar
Gerhard Polt, der vor seiner Karriere als Puppenspieler arbeitete.
„Er nimmt den Dingen den Ernst. Das heißt: Er ist leichtsinnig, er
ist gutmütig und er ist nicht aggressiv. Er wehrt sich nur. Aber die,
die ihn angreifen, die rutschen aus“, sagt er zur Figur des Kasperls.

Cancel Culture: das Nicht-Konforme verbannen, das politisch
Unkorrekte untersagen. Ein politisches Schlagwort, das manchen sauer
aufstößt. Der Grazer Puppenspieler und -designer Nikolaus Habjan
zählt zu den renommiertesten seiner Zunft, längst hat er auch die
großen Bühnen mit seiner Kunst erobert. Zu seinem Beruf inspiriert
hat ihn einst der Kasperl – ihm seinen subversiven Charakter zu
nehmen und ihn durch den Mainstream weichzuspülen, hält er für
äußerst problematisch: „Wenn der Kasperl in ganz feste,
übervorsichtige Pädagogen-Watte gepackt wird, dann wird die Figur
wertlos“, sagt er im Interview.

Schon einmal wurden die zotigen Späße des Kasperls – oder vielmehr
seines Vorgängers, des Wiener Hanswurst – gecancelt: Seine ausfällige
Fäkalsprache wurde im 18. Jahrhundert von Maria Theresia und später
von ihrem Sohn, Joseph II., mit Zensur belegt. Vor allem der
Schriftsteller und Professor für politische Wissenschaft, Joseph
Freiherr von Sonnenfels, führte dagegen einen veritablen Feldzug.

Eine höchst bedenkliche Vorbildfunktion hatte der Kasperl, wann immer
er propagandistisch missbraucht wurde. Im Ersten Weltkrieg wurde er –
mit grauer Feldmütze ausgestattet – zur Hebung der Truppenmoral an
die Front und in Lazarette geschickt. Im roten Wien mutierte er zum
Vorzeige-Genossen. Und die Nazis ersetzten das zu verdreschende
Krokodil mit der Figur des Juden, die übelst antisemitisch mit einer
grotesk verzerrten Grimasse versehen wurde.

„Kultfigur Kasperl – König der Narren“ ist eine Koproduktion von ORF,
Bayerischem Rundfunk und epo-Film, hergestellt mit Unterstützung von
Fernsehfonds Austria, Filmfonds Wien und VAM.

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