- 09.05.2022, 10:58:35
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Ehemaliger Hawelka-Kellner: „Man wird behandelt, wie der letzte Dreck“
AK half bei ungerechtfertigter Entlassung
Utl.: AK half bei ungerechtfertigter Entlassung =
Wien (OTS) - Wien ist berühmt für seine Kaffeehauskultur, eher
unrühmlich sind oft die Arbeitsbedingungen im Gastgewerbe, wie der
Kellner Marko Simić (Name von der Redaktion geändert) am eigenen Leib
erfahren musste – und zwar während seiner Zeit im berühmten Wiener
Kaffeehaus „Hawelka“. Dort arbeitete er 40 Stunden in der Woche für
1.750 brutto. Von seinem Umsatz wurden ihm 2% abgezogen egal, ob er
Trinkgeld bekam oder nicht. Aber das war noch nicht alles: Eines
Tages im Mai 2019 bediente Herr Simić einen bereits leicht
angetrunkenen Gast. Die Touristin, die bereits einige Bier bestellt
hatte, bestellte noch zwei und verließ ihren Tisch, um (erfolglos)
zwei andere Gäste zu bitten, sie auf das Bier einzuladen. Als Herr
Simić die zwei bestellten Bier kassieren wollte, stellte er fest –
die Dame war weg! Er lief ihr daraufhin nach, hielt sie fest und
versuchte, sie zurück ins Lokal zu bringen, damit sie die Rechnung
begleichen konnte. Die Frau wurde daraufhin aggressiv, bespuckte
Herrn Simić und trat ihm sogar mehrmals gegen sein Fußgelenk. Als der
Kellner seinen direkten Vorgesetzten bat, die Polizei zu holen,
entgegnete der „das brauchen wir nicht, zahl du doch“. Letztendlich
einigte man sich aber darauf, die offene Rechnung aufs Haus zu buchen
und die Zechprellerin kam davon.
Am nächsten Tag war der Fuß, gegen den der Kellner getreten wurde,
geschwollen und er rief seinen Chef an, dass er zum Arzt müsse. Der
fragte ihn, warum er die Rechnung am Vortag nicht beglichen hätte,
worauf Herr Simić antwortete „Ich kann es mir nicht leisten von
meinem Gehalt auch noch die offenen Rechnungen der Gäste zu
bezahlen“. Daraufhin wurde er einfach am Telefon entlassen!
Das war ein Schock für den Wiener, der mit Leib und Seele Kellner ist
und das Gastgewerbe in- und auswendig kennt. Obwohl er seinen Job
liebt, bemerkt er: „Die Arbeitsbedingungen sind in den letzten Jahren
miserabel geworden. Man wird teilweise behandelt wie der letzte
Dreck“. Der Mann wandte sich an die AK und bekam Recht: Die
Entlassung war nicht gerechtfertigt und das Hawelka musste mehr als
2.800 Euro an ihn bezahlen und die Verfahrenskosten übernehmen.
Ludwig Dvořák, Leiter der Rechtsschutzabteilung der AK Wien, kennt
die Probleme der Branche aus der Beratungspraxis. „In unserer
Beratung bestätigt sich schon der Eindruck, dass der vielbeklagte
Fachkräftemangel auch hausgemacht ist. Auf der einen Seite wird
händeringend Personal gesucht, auf der anderen Seite sind Tourismus
und Gastgewerbe jene Branchen, aus denen besonders viele Beschäftigte
bei uns vorsprechen. Wer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sucht, wäre
gut beraten, sie auch entsprechend zu behandeln und arbeitsrechtliche
Bestimmungen einzuhalten“. Außerdem rät der Arbeitsrechtsexperte:
„Wenn Sie entlassen werden oder zu einer einvernehmlichen Kündigung
gedrängt werden, wenden Sie sich bitte an die Arbeiterkammer. Wir
überprüfen jeden Sachverhalt und machen etwaige Ansprüche für Sie
geltend“.
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