- 13.02.2022, 22:00:02
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Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 14. Februar 2022. Von MANFRED MITTERWACHAUER. "Unverbindliche Totengräber".
Innsbruck (OTS) - Es würde sich lohnen, über eine
Nachhaltigkeitsabgabe im Tiroler Tourismus nachzudenken. Zwingend
notwendig ist sie nicht. Generell bräuchte der Tiroler Weg, also die
neue Tourismusstrategie des Landes, endlich verbindlichere
Leitplanken.
Vieles, was da so im „Tiroler Weg“ an neuen Ideen und
Entwicklungsansätzen für die Zukunft des Tourismus in Tirol
vorgezeichnet wird, lässt sich unterschreiben. Eine überfällig
gewordene Neuausrichtung der Tourismusstrategie auf mehreren Ebenen
für eine wirtschaftliche Leitbranche im Land, die bis vor kurzem nur
ein Ziel kannte: von einem Rekord zum nächsten zu eilen. Ein Weg, dem
nun nicht nur eine in den vergangenen Jahren stetig gesunkene
Akzeptanz in der Bevölkerung, sondern insbesondere eine Pandemie sein
vorläufiges Ende aufzeigte. Landeshauptmann Günther Platter (VP) hat
die touristischen Leitplanken neu ausrichten lassen. Eine Garantie,
dass Platters Kurs hält, gibt’s nicht. Dafür fehlt all den
Bekenntnissen schlicht die nötige Portion Verbindlichkeit.
Mit der jetzt vom Landtag beschlossenen Novelle des Tourismusgesetzes
will Platter zumindest das Thema Nachhaltigkeit aus dem „Tiroler Weg“
rechtlich verbindlich verankert wissen. Das Vehikel dazu sollen die
Tourismusverbände sein. Nachhaltigkeitskoordinatoren sollen
Nachhaltigkeitskonzepte für die Regionen erstellen. Dieser Ansatz hat
nur einen Schönheitsfehler: Die TVB können zwar
Nachhaltigkeitspapiere produzieren – ihre Verbandsmitglieder aber
nicht zur Umsetzung derselben verpflichten. Das Geld, allfällige
Projekte selbst umzusetzen, fehlt den TVB ohnedies. Den Finger auf
diese Wunde legte nicht zuletzt der Verband der Tourismusverbände
(VTT) selbst. Nicht nur einmal bemühten deshalb Kritiker der Novelle
das Bild vom „zahnlosen Papiertiger“.
Dem VTT wäre es lieber gewesen, Platter hätte im „Tiroler Weg“ eine
Nachhaltigkeitsabgabe verankert. Mit einem Euro pro Übernachtung
wären das auf Basis von 2018/19 rund 50 Millionen Euro, die
zweckgebunden für nachhaltige Projekte frei würden. Klingt sexy, etwa
um eine klimafreundliche Gäste-Anreise zu pushen. Eine Idee, die im
aktuellen touristischen Krisenmodus aber kaum verbandsintern durch-
und umzusetzen ist. Doch eine, der man in besseren Zeiten wieder
nachgehen sollte. Gäste, die bereit sind, für Flüge freiwillig
CO2-Kompensation zu bezahlen, wird auch eine höhere Aufenthaltsabgabe
nicht abschrecken. Der nachhaltige „Überling“ bliebe Tirol.
Doch die Nachhaltigkeit ist nicht der einzige unverbindliche
Eckpfeiler des Tiroler Wegs. Die von Platter geforderte
Landes-Bettenobergrenze (330.000) kennt keinen gesetzlichen Anker,
bei jener für Einzelbetriebe (300) ist das Land auf den Goodwill der
Gemeinden (Widmungspolitik) angewiesen. Eines muss Platter klar sein:
Unverbindlichkeit war noch (fast) immer der Totengräber einer jeden
Reform.
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