• 01.01.2022, 13:00:32
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  • OTS0013

Neujahrsansprache von Bundespräsident Alexander Van der Bellen: "Und Trotzdem".

Wortlaut der Ansprache

Utl.: Wortlaut der Ansprache =

Wien (OTS) - Liebe Österreicherinnen und Österreicher und alle
Menschen, die in Österreich leben!

Vor zwei Jahren haben wir "Ibiza" hinter uns gebracht. Vielleicht
erinnern Sie sich. Ich habe an dieser Stelle davon gesprochen, wie
wichtig es für unsere Gesellschaft ist, Mut und Zuversicht zu
bewahren. Und für einen kurzen Augenblick, damals vor zwei Jahren,
schien es ja so, als ob sich nach einer Regierungskrise und den
darauffolgenden Neuwahlen wieder so etwas wie Normalität einstellen
würde in unserem Land.

Und dann kam Corona.

Und am Anfang, ganz am Anfang dieser Pandemie, Sie erinnern sich
sicher, war noch ein großer Zusammenhalt spürbar in unserer
Gesellschaft. Wir sind z.B. abends am Fenster gestanden, haben den
Pflegerinnen und Pflegern, den Ärztinnen und Ärzten applaudiert, die
schon damals alles gegeben haben, um anderen zu helfen.

Aber je länger dieser Ausnahmezustand anhielt, erster Lockdown,
zweiter Lockdown, wieder ein Lockdown und noch einer, desto
deutlicher machten sich Gräben in unserer Gemeinschaft bemerkbar.
Erste Stimmen von Ungeduld, Skepsis, Kritik, Empörung, Enttäuschung
wurden laut. Und im Laufe der Zeit kamen immer mehr dazu, die
einander zu übertönen begannen: Wut, Zorn, Angst; Stimmen, die alles
besser wissen, Stimmen von Misstrauen, Stimmen, die von
Verschwörungen sprechen, von Unversöhnlichkeit, aber auch echte
Verzweiflung. Heute sind diese Stimmen zum Teil so laut, dass man
sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Geschweige denn das des
anderen.

Und ein Ende von Corona ist noch lange nicht in Sicht. Denn gerade
als wir dachten, wir hätten das Schlimmste hinter uns, kam Omikron um
die Ecke. Und ehrlicherweise wissen wir nicht wirklich, was uns die
nächsten Wochen, ja die nächsten Tage diesbezüglich bringen werden.
Und selbst diese Ungewissheit sind wir mittlerweile gewohnt.

Es ist schwer, da nicht teilnahmslos zu werden. Es ist schwer, da
nicht die Hoffnung aufzugeben. Es ist schwer, sich da nicht vom Ärger
überwältigen zu lassen.

Und trotzdem: Wir dürfen den Mut nicht verlieren.
Wir dürfen den Mut nicht verlieren.

Das ist jetzt unsere Pflicht als Staatsbürger. Nicht loslassen.
Dranbleiben. Für einander da sein. Wissen Sie noch? "Mutig in die
neuen Zeiten?" Das sind die Tage, in denen wir unsere Bundeshymne mit
Leben erfüllen. Wir dürfen uns nicht von Verzweiflung und Wut
beherrschen lassen. Es darf uns nicht alles wurscht sein. Wir müssen,
selbst wenn es schwerfällt, die Herzen geöffnet halten, aufeinander
zugehen und füreinander da sein. Und wir wissen ja, was nach wie vor
hilft: Abstand halten, Maske tragen, impfen lassen, Hände waschen.
Und auf einander achtgeben.

Denn viele Menschen sind in den letzten beiden Jahren an den Rand
gedrängt worden. Es gibt viele, die akut von Armut bedroht sind. Es
gibt sehr viele, deren Einkommen gesunken ist. Es gibt viele, die
ihre Arbeit verloren haben. Und ja, es gibt viele, die einfach Angst
haben.

Meine Damen und Herren, es wäre ein Fehler, glaube ich, jetzt andere,
die nicht der eigenen Ansicht sind, herabzusetzen. Wir stehen alle
unter Druck.

Und trotzdem: Wir müssen an das Gute im anderen glauben.

Und das Gute im anderen, das gibt es. Das ist keine bloße Behauptung,
das sehen wir ja jeden Tag. Menschen, die anderen selbstlos und
bedingungslos helfen. Menschen, besonders die in Gesundheitsberufen,
die seit langer, langer Zeit an und über ihrem Limit sind und jetzt
auch noch dafür attackiert werden, dass sie für andere da sind.

Wir sollten uns an dieser Hingabe ein Beispiel nehmen. Wir müssen uns
umeinander kümmern. Denn wir alle gemeinsam sind Österreich. Wir
brauchen einander. Wir bedingen einander. Und eine große Mehrheit
übernimmt diese gegenseitige Verantwortung, indem sie sich und andere
schützt.

Meine Damen und Herren, Es geht nicht darum immer einer Meinung zu
sein. Nein, im Gegenteil, es muss sehr viele, teils gegensätzliche
Meinungen geben.

Aber trotzdem: Wir müssen wieder mehr ins Gespräch kommen.

Wie kommen wir wieder ins Gespräch? Wir begegnen uns ja kaum noch im
öffentlichen Raum. Und online treffen wir meistens ja nur die, die
ohnehin unsere Meinung teilen. Gegenseitig bestärkt haben wir uns da
genug. Jetzt geht es darum, jede Gelegenheit zum respektvollen
Gespräch zu nutzen. In der Bahn, am Arbeitsplatz, in der Familie, wo
auch immer. Es geht darum, wieder zu lernen, eine andere Meinung zu
hören, zuzulassen und ein Argument dagegen oder dafür zu finden. Und
irgendwann zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen. Und wenn sie auch
nur in urösterreichischer Manier lautet: Wir beide sind uns zwar
nicht einig, aber ich mag dich trotzdem. Trotz allem.

Liebe Österreicherinnen und Österreicher und alle die hier leben,
irgendwann – ich wage keine Prognose wann – werden wir gemeinsam
zurückblicken auf die Zeit der Pandemie. Sie wird hinter uns liegen.
Und wir werden sagen: Gut, dass wir unsere Entspanntheit
wiedergefunden haben. Und unseren Mut und unsere Zuversicht nie
verloren haben. Gut, dass wir einander noch in die Augen schauen
können. Und dann widmen wir uns alle mit vereinten Kräften den vielen
Herausforderungen, die vor uns liegen.

Ich wünsche Ihnen und uns allen gemeinsam ein großartiges Jahr 2022.
Trotz allem.

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