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Braucht FILM Quote?

Österreichisches Filminstitut präsentiert 2. Österreichischen Film Gender Report

Wien (OTS) - „Genderungerechtigkeit braucht kurz- bis mittelfristig Regulative. Von selbst tut sich nichts, wie der Genderbericht des Österreichischen Filminstitutes 2021 eindrücklich zeigt“, bringt Regisseurin, Produzentin und Autorin Sabine Derflinger die Quintessenz der zweiten Analyse zu Gender-Equality in der österreichischen Filmwirtschaft auf den Punkt. „Die Fakten, Daten und die daraus folgenden Einsichten sprechen für sich: Der eingeschlagene Weg für gezielte Gleichstellung muss konsequent weitergegangen werden“, betont Derflinger. Denn die bereits zum zweiten Mal durchgeführte Analyse zu den Geschlechterdifferenzen in der österreichischen Filmbranche zeigt ein ambivalentes Bild:

Nachwuchs ist weiblich! Etablierter Film aber nach wie vor männlich dominiert

Aus den Förderdaten des Österreichischen Filminstituts geht hervor, dass im Nachwuchsfilm ein höherer Anteil der Projektanträge von mehrheitlich weiblichen Kernteams gestellt wurde als im etablierten Filmschaffen. 33% der Projektanträge im Nachwuchsfilm kamen von mehrheitlich weiblich verantworteten Projekten, während es im Etablierten-Film nur 20% waren. Der Grund warum Frauen aus der Berufslaufbahn verschwinden, in der Fachwelt als Leaky-Pipeline-Phänomen bezeichnet, ist in der österreichischen Filmbranche noch nicht ausreichend erforscht. Untersuchungen aus Deutschland zeigen allerdings, dass Frauen am Weg in den etablierten Film zunehmend systemischen Barrieren begegnen und auf Karrieregrenzen stoßen.

Auch die Förderung von Nachwuchsfilmen, also Erst- oder Zweitfilmen von Regisseur*innen am Beginn ihrer Karriere, war im Vergleich zum etablierten Film geschlechtergerechter: 35% der Fördermittel im Nachwuchsfilm wurden Frauen zugesagt. Das ist ein fast um die Hälfte höherer Anteil als im etablierten Filmschaffen, wo Frauen nur 24% der Mittel erhielten. Besonders hoch war der Frauenanteil im Nachwuchs-Dokumentarfilm: hier wurden rund 40% der Fördermittel an Frauen vergeben. Mit fast 60% war der Frauenanteil bei Regie, Drehbuch und Produktion im Nachwuchsbereich der Innovativen Filmförderung des BMKÖS am höchsten von allen analysierten Förderbereichen.

„Das Wissen darum, wo wir stehen, welche Zahlen die Realität abbilden, ist essentiell, um Weiterentwicklung überhaupt erst angehen zu können“, unterstreicht auch ORF-Programmdirektorin Kathrin Zechner die Bedeutung des zweiten Film Gender Reports, den das ÖFI gemeinsam mit dem Institut für Erziehungswissenschaften der Leopold Franzens Universität Innsbruck durchgeführt hat.

Nur ein Viertel aller Fördermittel ging an Frauen

Frauen in Regie, Drehbuch und Produktion erhielten in den Jahren 2017-2019 nur 25% aller Kino- und TV-Fördermittel. Für den Bereich der Herstellungsförderung bedeutete dies zwar einen Anstieg von vier Prozentpunkten im Vergleich zum Berichtszeitraum des ersten Film Gender Reports 2012-2016. Trotzdem gingen große Förderbeträge vor allem an männlich verantwortete Projekte. Nach wie vor gilt also: Je mehr Geld, desto weniger Frauen.

„Es geht nicht darum, Filme zu fördern, nur weil sie von Frauen gemacht werden. Es geht darum, eine klare strukturelle Benachteiligung von Frauen in den Fördergremien, den Filmjurys und bei der Bezahlung abzustellen. Daher bin ich für eine Fünfzig-Prozent-Quote in den österreichischen Fördergremien, dann können wir gern wieder über die Freiheit der Kunst reden“, unterstützt Schauspieler, Autor und Filmregisseur Josef Hader die Forderung nach Gleichstellung.

Frauenanteil in unterrepräsentierten Stabstellen stieg – Gender Incentive wirkt!

Erfreulich: Das vom Österreichischen Filminstitut 2017 eingeführte Gender Incentive, das Produktionsfirmen für Filme mit Frauen in traditionell unterrepräsentierten Bereichen wie Regie, Produktion und Kamera mit zusätzlichen Fördermitteln belohnt, zeigt Wirkung. Im Vergleich zu den Ergebnissen des Film Gender Report 2012-2016 gab es in 9 der 12 untersuchten Stabstellen einen Anstieg des Frauenanteils von bis zu 19 Prozentpunkten. Das Gender Incentive beweist sich somit als langfristig wirkende Maßnahme, die Männer motiviert, ihre männlich dominierten Netzwerke aufzubrechen und mit Frauen zusammenzuarbeiten.

Das bestätigt auch Regisseur und Drehbuchautor Gregor Schmidinger: „Ich sehe gerade männliche Filmemacher in der Pflicht, sich proaktiv eine Sensibilität für das Thema Gender und Diversity zu erarbeiten. Als Drehbuchautor gewöhne ich mir mittlerweile an, sobald die Geschichte gefunden ist, einen Überarbeitungszyklus nur diesem Gesichtspunkt zu widmen.“

Ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis in Stabstellen mit Entscheidungsmacht, Sichtbarkeit und Anerkennung ist aber noch lange nicht erreicht. Nur ein Drittel der Regisseur*innen und nur ein Viertel der Produzent*innen sind Frauen. Gerade in den technischen Bereichen sind Strukturen geschlechtlicher Arbeitsteilung weiterhin vorherrschend, was sich an Frauenanteilen unter der Ein-Fünftel-Grenze in Bereichen wie Licht (5%), Ton (12%) und Kamera (19%) verdeutlicht.

„Gendergerechtigkeit ist ein gesellschaftspolitischer Auftrag - solange es keine Einkommensgerechtigkeit gibt, wird es auch keine Chancengerechtigkeit geben“, verweist Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor Karl Markovics auf gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge. „Ein Faktor, der auch in der Filmbranche eine nicht unerhebliche Rolle spielt."

Komplexere Frauenfiguren und mehr Diversität in Filmen von Frauen

In den im Rahmen des Film Gender Reports untersuchten Spielfilmen von Frauen waren etwas mehr als die Hälfte der Hauptfiguren Frauen (57%), bei den Filmen von Männern waren es etwas weniger als die Hälfte (44%). Doch während das Geschlechterverhältnis der Hauptfiguren in beiden Fällen annähernd ausgewogen war, gab es bedeutende Unterschiede in der Darstellungsweise der weiblichen Hauptfiguren: Knapp 85% der weiblich verantworteten Filme stellten Frauenfiguren unabhängig von Männern dar, während dies nur 50% der männlich verantworteten Filme gelang. Detaillierte Inhaltsanalysen, die neben Gender- auch Diversitätsaspekte einbezogen, ergaben, dass die untersuchten Filme von Frauen im eigens entwickelten Inklusionscheck deutlich besser abschnitten als Filme von Männern. „Filme von Frauen waren nicht nur frei von Sexismen, sie reflektierten auch häufiger die Ungleichverhältnisse –sie bildeten eine vielfältige Gesellschaft klischeefrei ab“, erläutert Birgit Moldaschl, stv. ÖFI-Beauftragte für Gender & Diversity und eine der Report-Autor*innen, die Ergebnisse der erstmals durchgeführten qualitativen Inhaltsanalysen von 12 ausgewählten österreichischen Filmen.

Frauen bilden 50/50-Teams und sichern künstlerischen Erfolg des Ö-Films nachhaltig

„Unsere Analysen belegen: Frauen in Regie, Drehbuch und Produktion sorgen für ausgeglichene Filmteams“, betont Dr. Paul Scheibelhofer, Assistenz-Professor am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Innsbruck und wissenschaftlicher Leiter des zweiten Film Gender Reports. Während bei weiblich verantworteten Filmen 50% der anderen Stabsmitglieder weiblich waren, so waren es bei den männlich verantworteten Filmen nur 40%. Filme von Frauen in Regie, Drehbuch und Produktion nahmen häufiger an einem Festival teil und gewannen häufiger Preise als männlich verantwortete Filme. Frauen produzieren Filme also nicht nur in geschlechtergerechteren Teams, sondern tragen auch zur nachhaltigen Sicherung des künstlerischen Erfolgs des österreichischen Films bei.

Quote für Geschlechter-Gerechtigkeit (und Qualität) im Ö-Film

Der Report zeigt: Bei dem aktuellen Tempo würde es noch Jahre dauern, bis Geschlechtergleichstellung im österreichischen Film erreicht ist. Zur Beschleunigung dieser Entwicklung hat das Österreichische Filminstitut heuer eine Quote beschlossen, die eine 50/50 Verteilung aller Fördermittel der Herstellung, Projektentwicklung und Stoffentwicklung bis 2024 vorschreibt. Diese Quote wird nicht nur zu mehr Geschlechtergerechtigkeit im österreichischen Film, sondern auch zur nachhaltigen Sicherung künstlerischer Qualität und Diversität beitragen.

Mag.a Iris Zappe-Heller, stv. ÖFI-Direktorin und Beauftragte für Gender & Diversity, ist überzeugt: „Die Quote allein ist sicher zu wenig. Für nachdrückliche Verbesserungen für Frauen in allen Gewerken der Filmwirtschaft müssen Hebel von den verschiedensten Seiten angesetzt werden! Das ÖFI hat schon einige Maßnahmen umgesetzt, es gibt aber noch viele Bereiche, in denen Handlungsbedarf besteht!“

Factbox

Für den Zweiten Österreichischen Film Gender Report wurden Förderdaten elf österreichischer Förderstellen analysiert, darunter auch das ÖFI. Im Zeitraum von 2017 bis 2019 sind das € 150 Mio., die an insgesamt 1.400 Projekte in Kino und TV gingen. Neben den Förderdaten wurden 160 fertiggestellte Spielfilme mit einem österreichischen Kinostart im Zeitraum von 2012 bis 2019 untersucht, 12 davon in einer Detailanalyse.

Rückfragen & Kontakt:

Birgit Moldaschl, BA
Österreichisches Filminstitut (ÖFI)
+43 1 5269730411
birgit.moldaschl@filminstitut.at

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