• 26.10.2021, 20:55:01
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  • OTS0069

Bundespräsident Van der Bellen: TV-Ansprache zum Nationalfeiertag 2021 im Wortlaut

"Ein Riss ist durchs Land gegangen. Wir werden diesen Riss heilen"

KORREKTUR ZU OTS_20211026_OTS0056

KORREKTUR-HINWEIS
Diese Meldung ist eine Korrektur

Utl.: "Ein Riss ist durchs Land gegangen. Wir werden diesen Riss
heilen" =

Wien (OTS) - *** Versehentlich wurde der letzte Teil des Wortlauts
der Rede nicht gesendet. Hier die vollständige Rede im Wortlaut: ***

Guten Abend, liebe Österreicherinnen und Österreicher und alle die in
Österreich leben.
Viel könnte man im Augenblick sagen über die Lage der
österreichischen Innenpolitik. Und die Erschütterungen der letzten
Wochen. Und viel wird darüber noch zu sprechen sein. Wie ich an
anderer Stelle gesagt habe: Wir werden nicht zur Tagesordnung
übergehen.

Aber heute, heute ist Nationalfeiertag.
Und bei aller Tagespolitik darf uns der Blick auf das langfristige
Wohl unseres Landes niemals verloren gehen. Ich möchte heute bewusst
auf Dinge blicken, die unser Land langfristig betreffen.

Versöhnung – "Wir weren diesen Riss heilen."
Meine Damen und Herren, wir befinden uns jetzt im zweiten Jahr der
Pandemie. Und es tut mir in der Seele weh zu sehen, wie gespalten wir
sind. Ein Riss ist durchs Land gegangen. Mitten durchs Land. Mitten
durch Freundschaften. Mitten durch Familien. Wir müssen diesen Riss
heilen. Und wir werden diesen Riss heilen.

Wir werden ihn aber nur dann heilen, wenn jede und jeder von uns
einen Schritt auf den Anderen und die Andere zu macht. Egal, wo wir
stehen, wir müssen aufeinander zugehen. Ja, manche von uns haben
Angst. Und ich spreche hier von beiden Seiten. Diese Angst wird nicht
einfach verschwinden, indem die jeweils andere Seite sie ignoriert
oder belächelt. Diese Angst wird nur durch Versöhnung verschwinden.
Durch Gespräche, durch Respekt voreinander. Und da müssen beide
Seiten mittun. Das ist keine Einbahnstraße. Sehen wir doch das Gute
im jeweils anderen. Und das gibt es. In jedem Menschen. Nur, wenn wir
wieder lernen, dieses Gute im anderen zu sehen, haben wir eine
Chance, den Riss zu heilen. Gehen wir aufeinander zu!

Denn wir werden einander brauchen, um die eigentliche, große
Herausforderung zu bewältigen. Die wichtigste von allen.

Klimakrise: "Ich werde keine Ruhe geben"
Die Nachrichten sind voll davon. Wenn nicht gerade eine
Regierungskrise davon ablenkt, sehen, hören und lesen Sie jeden Tag
davon, in welch schlimmen Zustand sich das Klima unseres Planeten
befindet. Ich könnte jetzt erzählen, was sich alles ereignet, von
Waldbränden, Wirbelstürmen und Überflutungen, vom Anstieg der Meere,
vom Aussterben ganzer Tierarten. Ich erspare Ihnen das jetzt.

Jeder und jede weiß es. Wir alle wissen, was los ist. Manche von
ihnen werden vielleicht sagen: Der Alte soll eine Ruhe geben, ich
kann‘s schon nicht mehr hören. Aber diese Freude kann ich Ihnen nicht
machen:
Ich werde keine Ruhe geben.
Ich will das Meinige dazu beitragen, für unsere Kinder und
Enkelkinder eine gute Zukunft sicherzustellen.

Sehen Sie, das Leben auf unserem Planeten ist gegen jede
Wahrscheinlichkeit entstanden. Wie erstaunlich und wie
unwahrscheinlich ist es, dass durch Millionen von Jahren aus einem
galaktischen Sternenhaufen ein Sonnensystem entstanden ist, in dem
ein Planet entstanden ist, auf dem eine Atmosphäre entstanden ist,
Leben entstanden ist, menschliches Leben, schließlich unsere
Gesellschaft, unsere Kultur, unsere Wissenschaft?

Der simple Umstand, dass aus den Millionen von Möglichkeiten wir,
gerade wir es sind, die sich jetzt hier befinden, erfüllt mich mit
Staunen - und Dankbarkeit. Wir haben als Menschheit auf diesem
unwahrscheinlichen Planeten - Seuchen überstanden, - Katastrophen
überlebt, - Kriege hinter uns gelassen, - uns entwickelt, - wir haben
es, wie man so sagt, an die „Spitze der Evolution“ geschafft. Wir
sind nicht so weit gekommen, um jetzt innerhalb weniger Generationen
alles wieder wegzuschmeißen. Das Leben auf diesem Planeten ist zu
wunderschön, zu einzigartig, zu wertvoll.

Liebe Österreicherinnen und Österreicher und alle, die hier leben:
Mich hat die Natur dieses Planeten und speziell unserer wunderschönen
Heimat geprägt. Ich bin barfuß als Kind durch die Wiesen und Wälder
des Kaunertales gelaufen, ich bin als junger Mann auf die Gipfel der
Berge gestiegen und habe ins Land geblickt, ich habe diese tiefe
Verbindung zur Natur gespürt.

Dieses Land - im wahrsten Sinne des Wortes - hat mich positiv
geprägt. Und ich will, dass es auch unsere Kinder positiv prägt. Ich
will, dass auch unsere Kinder noch fühlen und lernen können, was es
heißt, barfuß über eine Wiese zu laufen, den frischen Schnee auf der
Zunge schmelzen zu lassen, die Sonne als Wohltat und nicht als
Bedrohung zu erleben. Richtig naturverbunden zu sein. Dieses Land
kann uns so viel Kraft geben. Ich will das auch für unsere Kinder.

Und ich werde keine Ruhe geben, bevor ich nicht sicher bin, dass
unsere Kinder ok sind.

Dass auch sie den Adler aus der echten Natur kennen und nicht nur von
unserer Nationalflagge. Dass sie wissen, es geht weiter. Es kommt ein
Frühling, es werden die Bäume wieder blühen, es wird die Pandemie
vorbei gehen, und die Impfung hilft uns dabei - wir werden eine neue,
gerechtere, gesündere, naturverbundene Gesellschaft bauen.

Ich werde keine Ruhe geben bis ich sicher bin, dass für unsere Kinder
gesorgt ist. Dass der Planet, den wir übergeben, in Ordnung übergeben
wird.

Und das ist, unter all den wichtigen Herausforderungen unserer Zeit
die allerwichtigste. Bitte helfen Sie mit. Ich danke Ihnen.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | BPK

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