- 21.10.2021, 10:06:20
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„Genau hinsehen, was geschieht“: Ö1 zum 100. Geburtstag von Ilse Aichinger
Wien (OTS) - Am 1. November jährt sich der Geburtstag von Ilse
Aichinger zum 100. Mal. Ö1 widmet der österreichischen
Schriftstellerin aus diesem Anlass mehrere Sendungen: „Gedanken für
den Tag“ (25., 27.-30.10.), am 31. Oktober „Du holde Kunst“, „Ex
libris“ und „Kunstradio“, am 1. November „Lebenskunst“ und das „Ö1
Hörspiel“, „Tonspuren“ am 2. November.
Ilse Aichinger überlebte als Tochter einer jüdischen Ärztin die
NS-Zeit in Wien, während ihre Zwillingsschwester nach England
flüchten konnte, die Großmutter und die jüngeren Geschwister der
Mutter aber deportiert und ermordet wurden. Nach Kriegsende
unterbrach Aichinger ihr Medizinstudium, um den Roman „Die größere
Hoffnung“ (1948) zu schreiben. Dieser und die im Jahr darauf
erschienene „Spiegelgeschichte“ machten Aichinger über die Grenzen
Österreichs hinaus berühmt. Aichingers erste greifbare Erinnerung
war, wie eine Greißlerin über den Ladentisch zeigte, um ihren anderen
Kunden zu sagen: „Das sind Juden.“ Und so konstatierte sie in einem
Interview: „Ich selbst habe der Stadt Wien gegenüber wenig Toleranz,
weil ich hier das Schlimmste gesehen habe.“ Dennoch wurde sie mit dem
Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken
und Handeln ausgezeichnet. Aichingers Auffassung von Toleranz hat
viel mit dem genauen Blick auf Menschen und Dinge zu tun. „Genau
hinsehen, was geschieht“ - dieser Leitsatz ihrer autobiografischen
Aufzeichnungen sagt aus, wozu Literatur fähig ist und fähig macht.
„Ich werd‘ mich noch beim Sterben langweilen“
In den „Gedanken für den Tag“ spricht Literaturkritiker und
Übersetzer Cornelius Hell unter dem Titel „Aufruf zum Misstrauen“
über Ilse Aichinger – am Montag, den 25. und von Mittwoch, den 27.
bis Samstag, den 30. Oktober jeweils um 6.56 Uhr in Ö1.
Am Sonntag, den 31. Oktober liest Irina Wanka in „Du holde Kunst“
(8.15 Uhr) aus Aichingers Gedichtband „Verschenkter Rat“, ein Band,
den Ilse Aichinger 1978 mit Gedichten aus mehr als zwei Jahrzehnten
zusammenstellte und der dennoch eine erstaunliche Geschlossenheit und
Einheitlichkeit in der Tonlage aufweist und in der deutschsprachigen
Nachkriegslyrik von einmaligem Rang ist. Für den musikalischen Rahmen
sorgen Werke von Robert Schumann, Claude Debussy, Leos Janacek,
Julián Orbón u. a. In „Ex libris“ werden ab 16.00 Uhr u. a.
Aichingers „Aufruf zum Mißtrauen: Verstreute Publikationen“, ihre
Radio-Essays „Die Frühvollendeten“ und das Buch „Was für Sätze. Zu
Ilse Aichinger“ (Hg.: Theresia Prammer, Christine Vescoli)
besprochen. Im „Kunstradio“ (23.00 Uhr) steht die Neuproduktion
„Mandatum tradere“ nach einem Gedicht von Ilse Aichinger von
Christine Nagel (Text, Regie) und Dietrich Eichmann (Komposition) auf
dem Programm, mit Tomonori Takeda (Klarinette), Gerd Wameling (Texte)
sowie der Stimme von Ilse Aichinger.
Am Montag, den 1. November, Aichingers Geburtstag, ist „Von der
Kraft des Träumens“ Thema in „Lebenskunst“ (7.05 Uhr) und das „Ö1
Hörspiel“ (14.00 Uhr) bringt „Die größere Hoffnung“. Aichingers
autobiografisch geprägter Roman zählt zu den wichtigsten Werken der
deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Die Schauspielerin Anne
Bennent hat für Ö1 eine Hörspielfassung erarbeitet, die eine sehr
persönliche Sichtweise des Romans vermittelt. Bennent führt auch
Regie bei dieser Produktion (2016), die Musik kommt von Otto Lechner
und Peter Rosmanith.
Die „Tonspuren“ bringen am Dienstag, den 2. November ab 16.05 Uhr
das Feature „‚Ich werd‘ mich noch beim Sterben langweilen‘ oder Die
paradoxe Lebenslust der Ilse Aichinger.“ „Komm süßer Tod“ hieß ihr
Lieblingsfilm, am liebsten, sagte Ilse Aichinger, wäre es ihr
gewesen, gar nicht geboren zu sein. Ihr Roman „Die größere Hoffnung“
war der erste und für lange Zeit einzige ästhetisch gelungene Reflex
auf die Verfolgung im Dritten Reich, in dem das Wort
„Nationalsozialismus“ kein einziges Mal fällt. 1953 heiratete sie den
Schriftsteller Günter Eich. Jahrzehntelang lebte sie mit ihrer
Familie auf dem Land, vermisste das Kino und schrieb Erzählungen,
ohne zu erzählen. Ihre letzten Jahre verbrachte sie in Wien. Hier
entstand fast nebenbei die einzigartige Autobiografie der Lebens- und
Schreibkünstlerin: Blitzlichter fallen auf Filme, die sie gesehen,
Gegenden, die sie erlebt, Menschen, die sie getroffen hat.
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