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Kompromittierende Soldaten-Videos verletzen Ehrenkodex

Wien (OTS) - Nach Ansicht des Senats 1 verstößt die Veröffentlichung von Videomaterial, das einen nackten Soldaten bzw. weitere Soldaten beim Feiern in einer Kaserne zeigt, gegen die Punkte 5 (Persönlichkeitsschutz) und 6 (Intimsphäre) des Ehrenkodex für die österreichische Presse.

Mehrere Leserinnen und Leser wandten sich an den Presserat und kritisierten, dass auf „oe24.at“ und „heute.at“ kompromittierendes Videomaterial veröffentlicht worden sei. Auf den Videos waren mehrere junge Soldaten zu sehen, die Ende Jänner 2021 in der Kaserne Güssing den Abschluss ihrer Ausbildung zum Berufssoldaten feierten. In dem Videomaterial war u.a. ein Soldat nackt und betrunken zu sehen. Die Videos wurden zunächst innerhalb des Bundesheeres verbreitet und später auch in den sozialen Medien geteilt. Schließlich beging einer der Soldaten, der an der gefilmten Feier teilnahm, Suizid.

Die Medieninhaberin von „oe24.at“ nahm am Verfahren vor dem Presserat teil. In der mündlichen Verhandlung wandte ihr Rechtsanwalt mangelnde Passivlegitimation ein. So sei das Videomaterial auf „oe24.at/video“ veröffentlicht worden; Medieninhaberin dieser Webseite sei eine andere Gesellschaft, die sich den Kontrolleinrichtungen des Presserats nicht unterworfen habe. Zusätzlich merkte der Rechtsanwalt an, dass sämtliche Beteiligte vollständig verpixelt worden seien und das Video in der Zwischenzeit offline genommen wurde. Die Medieninhaberin von „heute.at“ nahm am Verfahren nicht teil und stellte somit die Vorwürfe der Videoveröffentlichung auch nicht in Abrede.

  1. Zur Frage der Zuständigkeit bzw. der Verantwortlichkeit von „oe24.at“

Nach Meinung des Senats muss sich die Medieninhaberin von „oe24.at“ die auf „oe24.at/video“ gezeigten Inhalte aus ethischer Sicht zurechnen lassen. Der Senat hält fest, dass die Medieninhaberin die Videobeiträge von „oe24.at/video“ täglich auf „oe24.at“ übernimmt oder auf diese zumindest verlinkt, sodass sie sich mit der Berichterstattung von „oe24.at/video“ fortlaufend identifiziert. Außerdem handelt es sich bei der URL „oe24.at/video“ um eine Unterseite der Hauptseite „oe24.at“. Schließlich sprechen für die Zuständigkeit des Presserats auch die fehlende Transparenz hinsichtlich der Medieninhaberschaft im Impressum von „oe24.at/video“ sowie die enge redaktionelle Verbindung der beiden Medien, die zur selben Unternehmensgruppe gehören.

  1. Zur medienethischen Beurteilung

Der Senat verweist auf die Entscheidungspraxis der Senate des Presserats, dass Bildveröffentlichungen von kompromittierenden Situationen gegen den Persönlichkeitsschutz und die Intimsphäre der Abgebildeten verstoßen. Nach Auffassung des Senats ist die Situation, in der ein junger Mann nackt in betrunkenem Zustand gezeigt wird, unzweifelhaft als kompromittierend einzustufen – daran ändert grundsätzlich auch nichts, dass die abgebildete Person verpixelt wurde, da diese zumindest für einen beschränkten Personenkreis weiterhin identifizierbar ist.

Nach Meinung des Senats hätte auch das junge Alter der abgebildeten Soldaten die Medien dazu veranlassen müssen, von einer Veröffentlichung abzusehen (vgl. Punkt 6.3 des Ehrenkodex). Dabei ist es unerheblich, ob das kompromittierende Videomaterial zuvor bereits in den sozialen Netzwerken verbreitet wurde: Die Redaktionen der betroffenen Medien müssen eigenständig darüber entscheiden, ob die Veröffentlichung von Bildmaterial persönlichkeitsverletzend ist; die Verbreitung des Materials in den sozialen Medien rechtfertigt die Weiterverbreitung als redaktioneller Inhalt nicht automatisch. In dem Zusammenhang weist der Senat auch noch einmal darauf hin, dass die Videoaufnahmen auch innerhalb des Bundesheeres für große Aufregung sorgten und einer der Soldaten, der an der Feier teilgenommen hatte, später Suizid beging.

Im Ergebnis kann der Senat an der Veröffentlichung des Videomaterials kein legitimes Informationsinteresse erkennen, seiner Ansicht nach diente die Veröffentlichung vor allem der Befriedigung des Voyeurismus und der Sensationsinteressen gewisser Userinnen und User. Insofern wurden die betroffenen Medien ihrer Filterfunktion nicht gerecht. Der Senat ist zwar der Ansicht, dass es grundsätzlich legitim ist, die Öffentlichkeit darüber zu informieren, dass die jungen Soldaten die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung missachteten und eine Party feierten. Die Veröffentlichung der Nacktaufnahmen des Betroffenen rechtfertigt dies jedoch nicht.

Zuletzt merkt der Senat positiv an, dass die Videobeiträge nicht mehr abrufbar sind und somit von den Medien im Nachhinein entfernt wurden. Der gravierende Verstoß gegen den Persönlichkeitsschutz und die Intimsphäre der Abgebildeten erlaubt es im vorliegenden Fall jedoch nicht, aufgrund der nachträglichen Löschung von der Feststellung eines Verstoßes gegen den Ehrenkodex abzusehen. Die Medieninhaberinnen von „oe24.at“ und „heute.at“ werden aufgefordert, freiwillig über den Ethikverstoß zu berichten.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND VON MITTEILUNGEN MEHRERER LESERINNEN UND LESER

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der drei Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.

Im vorliegenden Fall führte der Senat 1 des Presserats aufgrund von Mitteilungen mehrerer Leserinnen und Leser ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob eine Veröffentlichung den Grundsätzen der Medienethik entspricht.
Die Medieninhaberin von „oe24.at“ hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, Gebrauch gemacht, die Medieninhaberin von „heute.at“ hingegen nicht.

Die Medieninhaberinnen von „oe24.at“ und der Tageszeitung „Heute“ haben die Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats anerkannt.

Rückfragen & Kontakt:

Tessa Prager, Sprecherin des Senats 1, Tel.: +43 - 1 - 23 699 84 - 11

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