„wochenblick.at“: Zweifelhafte Suizidberichterstattung

Wien (OTS) - Der Senat 2 des Presserats befasste sich mit dem Artikel „Suizid von 15-Jähriger macht fassungslos: Der Lockdown nahm ihr die Freunde“, erschienen am 03.02.2021 auf „wochenblick.at“. Nach Ansicht des Senats verstößt der Artikel gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse.

Im oben genannten Artikel wird über ein Mädchen aus Oberösterreich berichtet, das früher fröhlich und offenherzig gewesen sei; dann sei der Lockdown gekommen und habe der 15-Jährigen ihre Freunde genommen. Weil sie ohne ihre Freunde nicht mehr weiterleben wollte, habe sich die 15-Jährige das Leben genommen. Anschließend wird über ein virtuelles Kondolenzbuch berichtet, wonach sich unzählige Menschen erschüttert über den Suizid zeigen würden. Ende Jänner habe das Mädchen nicht mehr können: „Die 15-Jährige wollte nicht weiter abseits der Herzlichkeit ihrer Freunde weiterleben. Sie wählte den Freitod durch ****!“. Das Medium sei durch eine Telegram-Gruppe auf den Fall aufmerksam geworden, in der eine Oberösterreicherin den betreffenden Parten-Zettel geteilt habe.

Am Ende des Artikels wird angemerkt, dass der Wochenblick bisher von Berichten über Suizide abgesehen habe. Nachdem sich die Suizide vor allem unter Kindern und Jugendlichen durch die Corona-Maßnahmen aber häuften, habe man sich dazu entschieden, darüber zu berichten. Unterhalb des Artikels wird auf die Webseite des Gesundheitsministeriums zur Suizidprävention verlinkt.

Mehrere Leserinnen und Leser wandten sich an den Presserat und kritisierten, dass im Artikel einige Details zum Suizidopfer genannt worden seien. Außerdem werde der Suizid instrumentalisiert, um Stimmung gegen die Corona-Schutzmaßnahmen zu machen. Die Medieninhaberin nahm am Verfahren nicht teil.

  • Zur Recherche:

Der Senat weist zunächst darauf hin, dass Gewissenhaftigkeit und Korrektheit in Recherche und Wiedergabe von Nachrichten und Kommentaren oberste Verpflichtung von Journalistinnen und Journalisten sind. Diese Vorgabe schließt mit ein, dass die im Artikel veröffentlichten Informationen auf einer sorgfältigen Recherche beruhen. Werden fragwürdige Inhalte veröffentlicht, ohne dass hierfür in ausreichendem Maße zuverlässige Quellen angeführt werden, ist von einer unzureichenden Recherche auszugehen.

Im vorliegenden Fall beruht die ursprüngliche Information zum Suizid auf einem Parten-Zettel, der in einer Telegram-Gruppe geteilt worden sei. Der Senat weist darauf hin, dass Telegram schon seit längerem in der Kritik steht, da über den Messenger-Dienst regelmäßig Falschmeldungen und Verschwörungstheorien verbreitet werden. Folglich sind Informationen, die ausschließlich über Telegram geteilt werden, zunächst noch nicht als zuverlässige Quelle einzustufen und Medien dazu angehalten, weitere Recherchen zur Überprüfung solcher Informationen anzustellen.

Im Artikel wird neben dem Parten-Zettel aus einem virtuellen Kondolenzbuch zitiert. Allerdings geht nicht hervor, auf welcher Plattform sich jenes Kondolenzbuch befindet bzw. auf welche Weise das Medium an weitere Informationen zur Betroffenen gelangt ist; eigene Recherchen des Senats im Hinblick auf das angebliche Kondolenzbuch blieben ohne Erfolg. Zudem konnte der geschilderte Sachverhalt auch von Seiten der Landespolizeidirektion Oberösterreich nicht verifiziert werden: Die Pressestelle der LPD OÖ gab dem Presserat gegenüber bekannt, dass eine Nachfrage in den Bezirkskommandos und den Stadtpolizeikommanden zu keinem Ergebnis geführt habe; die LPD könne daher nicht bestätigen, dass sich der behauptete Vorfall tatsächlich zugetragen habe.

Insgesamt sprechen die Recherchen des Presserats und die Angaben der LPD OÖ dafür, die veröffentlichten Inhalte erheblich in Zweifel zu ziehen. Da die übrigen Rechercheschritte des Mediums nicht transparent aufbereitet wurden, ist es nicht auszuschließen, dass es sich bei dem geschilderten Suizid um einen erfundenen Vorfall handelt. Der Senat sieht darin jedenfalls einen Verstoß gegen Punkt 2.1 des Ehrenkodex (Gewissenhaftigkeit und Korrektheit in Recherche und Wiedergabe von Nachrichten und Kommentaren).

  • Zur Suizidberichterstattung:

Darüber hinaus bewertet der Senat die Schilderung der Tötungsmethode im Artikel als überschießend: Suizidgefährdete Personen könnten die genaue Beschreibung der Tötungsmethode zum Anlass nehmen, auf eine ähnliche Weise Suizid zu begehen. Zudem weist der Senat darauf hin, dass gerade in Zeiten der Coronapandemie junge Menschen vermehrt unter Depressionen leiden und in manchen Fällen sogar Suizidgedanken aufkommen; bei der Schilderung der exakten Suizidmethode einer Jugendlichen ist sohin von einer erhöhten Nachahmungsgefahr auszugehen.

Bezüglich der Motive für den Suizid wird im Artikel angemerkt, dass der Lockdown gekommen sei und das Mädchen ohne ihre Freunde nicht mehr weiterleben habe wollen und sich deshalb das Leben genommen habe. In diesem Zusammenhang merkt der Senat an, dass Suizide auf einem multifaktoriellen Geschehen beruhen; vereinfachende Erklärungen sind daher möglichst zu vermeiden. Schließlich ist eine detaillierte Suizidberichterstattung wie im vorliegenden Fall auch geeignet, die Trauerarbeit der Angehörigen zu erschweren.

Der Senat hebt es zwar als positiv hervor, dass unterhalb des Artikels Informationen zur Suizidprävention angeführt wurden; zudem wird begrüßt, dass die Redaktion in einem eigenen Absatz dargelegt hat, weshalb man in diesem Fall über den Suizid berichte. Nach Auffassung des Senats reicht dies jedoch nicht aus, um von einem Verstoß gegen Punkt 12 des Ehrenkodex (Suizidberichterstattung) abzusehen. Die Medieninhaberin von „wochenblick.at“ wird aufgefordert, über den Ethikverstoß freiwillig zu berichten.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND VON MITTEILUNGEN MEHRERER LESERINNEN UND LESER

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.

Im vorliegenden Fall führte der Senat 2 des Presserats aufgrund von Mitteilungen mehrerer Leserinnen und Leser ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob eine Veröffentlichung den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberin von „wochenblick.at“ hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, keinen Gebrauch gemacht.

Die Medieninhaberin von „wochenblick.at“ hat die Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats bisher nicht anerkannt.

Rückfragen & Kontakt:

Andreas Koller, Sprecher des Senats 2, Tel.: 01-53153-830

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