Ludwig/Gaal: „Europäisches Kulturerbe-Siegel“ nun ganz offiziell an der Wiener Werkbundsiedlung angebracht

Anlässlich der Verleihung des „Europäischen Kulturerbe-Siegels“ wurde auch Internetauftritt der Werkbundsiedlung generalerneuert

Wien (OTS) - Die Europäische Union zeichnet seit dem Jahr 2014 Orte und Stätten mit dem „Europäischen Kulturerbe-Siegel“ aus, die eine starke Symbolkraft für die gemeinsame Geschichte, Einigung und Identität Europas haben. Im vergangenen Jahr hat die EU-Kommission dem Architekturjuwel Wiener Werkbundsiedlung diese hohe Anerkennung zugesprochen. Nun ist das Siegel in Wien eingetroffen und ist ganz offiziell an der Wiener Werkbundsiedlung angebracht worden. Und anlässlich der Verleihung dieser hohen Auszeichnung wurde auch der Internetauftritt der Werkbundsiedlung generalerneuert. Übersichtlich aufbereitete Daten, Fakten, Geschichten und Fotos der Werkbundsiedlung finden sich unter: www.werkbundsiedlung-wien.at.

Die Wiener Werkbundsiedlung bildet gemeinsam mit vier weiteren Werkbundsiedlungen in Deutschland, Polen und Tschechien eine länderübergreifende Kulturerbe-Stätte; die Werkbundsiedlung ist damit eine von insgesamt 48 Stätten in Europa, die derart ausgezeichnet ist.

"Die Stadt Wien hat vor rund zehn Jahren beschlossen, die Werkbundsiedlung einer Generalsanierung zu unterziehen. Diese Arbeiten sind mittlerweile weitestgehend abgeschlossen und die nun erfolgte Auszeichnung ist eine wunderbare Würdigung der Sanierung dieses architektonischen Gesamtkunstwerks. Die Werkbundsiedlung ist ein beeindruckendes Zeichen der fortschrittlichen Aufbruchsstimmung in der 1. Republik, die wir in Wien mit unserer Wohnbaupolitik fortleben lassen", so Bürgermeister Michael Ludwig und Wohnbaustadträtin Kathrin Gaal.

Unter den bisher mit dem „Europäischen Kulturerbe-Siegel“ ausgezeichneten Stätten befinden sich etwa die Akropolis in Athen, die große Synagoge in Budapest oder die Danziger Schiffswerft, wo in den 1980er Jahren die Gewerkschaft Solidarnosc gegründet wurde.

Europäische Werkbundsiedlungen 1927 bis 1932

Die Einreichung für die Verleihung des „Europäischen Kulturerbe-Siegels“ mit dem Titel „Europäische Werkbundsiedlungen 1927 bis 1932“ erfolgte unter der Leitung von Stuttgart und in Kooperation mit den Städten Brünn, Prag, Breslau und Zürich. In allen diesen Städten entstanden zwischen 1927 und 1932 Werkbundsiedlungen: Die Weissenhofsiedlung in Stuttgart (1927), die Siedlung Nový dum in Brünn (1928), die WuWA-Siedlung in Breslau (1929), die Siedlung Neubühl in Zürich (1931), die Siedlung Baba in Prag (1932) und die Werkbundsiedlung in Wien (1932).

Alle diese Mustersiedlungen wurden nach den humanistischen Idealen des modernen Wohnbaus errichtet und formulierten damit eine gebaute Alternative zu den beengten und unhygienischen Wohnverhältnissen der Gründerzeit, wo Gewinnstreben über die Lebensqualität der Menschen gestellt wurde. Der Geist der Werkbundsiedlungen entsprach damit der Grundphilosophie des Roten Wiens.

Die Verleihung des Siegels ist auch als Auftrag zu sehen für eine Auseinandersetzung mit der europäischen Idee des sozialen Wohnens: nämlich die Idee des leistbaren und lebenswerten Wohnbaus für alle zu pflegen. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass diese Aufgabe auch heute wie damals von höchster Aktualität ist

Die Wiener Werkbundsiedlungen

Seit seiner Gründung im Jahr 1912 fokussierte der österreichische Werkbund darauf, Qualität für die breite Masse leistbar zu machen. Dieser Aspekt war auch bei der Errichtung der Wiener Werkbundsiedlung wesentlich, die in den Jahren 1930-1932 unter dem Motto „Moderne Haustypen für künftige Siedlungsanlagen – Wirtschaftlichkeit auf engstem Raum“ unter der Gesamtleitung von Josef Frank errichtet wurde.

Insgesamt waren 32 Architekten und eine Architektin - Margarete Schütte-Lihotzky – an der Errichtung der 70 Häuser beteiligt. Drei Architekten waren aus dem europäischen Ausland – Gerrit Rietveld aus Holland, Hugo Häring aus Deutschland und André Lurcat aus Frankreich – und auch der in Wien geborene Richard Neutra, der damals schon in den USA arbeitete, plante ein Gebäude.

Ebenso waren zahlreiche lokale Architekturgrößen wie Adolf Loos, Josef Hoffmann, Clemens Holzmeister, Oswald Haerdtl und Ernst Plischke an der Planung der Siedlung beteiligt.

Die Eröffnung der Siedlung fand im Sommer 1932 statt und anschließend wurde die Siedlung in nur acht Wochen von mehr als 100.000 Menschen besucht. Die 70 voll möblierten Einzelhäuser in freistehender, gekoppelter bzw. zeilenförmiger Bebauung konnten sowohl von Innen als auch von außen besichtigt werden.

Die Sanierung der Wiener Werkbundsiedlung

Nach einer europaweiten Ausschreibung arbeiten die WISEG Wiener Substanzerhaltungsg.m.b.H. & Co KG und die Praschl-Goodarzi Architekten ZT GmbH seit 2011 bis heute an der Generalsanierung der Werkbundsiedlung.

Eine erste Generalsanierung fand durch Architekten Krischanitz und Kapfinger von 1983-85 statt. Die Sanierung von 48 Häusern hatte zum Hauptziel das Erscheinungsbild so nah wie möglich an den Zustand von 1932 anzugleichen und die vorhandene Originalsubstanz langfristig zu sichern. In enger Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Bundesdenkmalamt wurden die einzelnen Hauser in Etappen saniert.

Am Beginn der umfassenden Sanierung stand eine gründliche Befundung, die weit über den Standard einer gewöhnlichen Sanierung hinausging: in Form einer Analyse des Schadensbildes, einer Fotodokumentation, sowie einer kompletten Neuvermessung der Gebäude.

Mittels mikroskopischer Untersuchung wurde das Material in allen historischen Schichten analysiert, um die originale Substanz und Farbigkeit zu ermitteln. Jedes Haus war im Einzelfall zu analysieren, daher wurde auch für jedes ein eigenes Sanierungskonzept erstellt.

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