• 13.06.2021, 22:00:16
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TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Wenn schon Anteilnahme, dann richtig", Ausgabe vom 14. Juni 2021 von Flo Madl.

Innsbruck (OTS) - Die Begeisterung über Fußball vor Fans, über das
Frühlingserwachen nach einem Jahr Ausnahmesituation erfuhr am Samstag
einen jähen Dämpfer. Die verständliche Betroffenheit wich mancherorts
einer heuchlerischen Diskussion.

Dramatische Ereignisse wie der Zusammenbruch des Dänen Christian
Eriksen im Rahmen der Fußball-EM folgen einer immer gleichen
Chronologie: Erst passiert das Unerwartete, ehe nach einem kurzen
Moment der Schockstarre die Mechanismen in Gang kommen:
TV-Moderatoren sprechen von Bildern, die keiner sehen will, während
die Kameras ihrer Sendestationen unentwegt auf den Ort des Geschehens
gerichtet sind.
Experten stellen die Fortsetzung des Spiels oder sogar des ganzen
Turniers in Frage, um diese Momente der Leere und damit die freie
Sendezeit bemüht aufgeregt zu füllen.
Unausweichlich: Im Internet kursieren Gerüchte über den Zustand des
Betroffenen, wobei die besonders Ahnungs- und Schamlosen im Sinne der
Klick-Zahlen oder der Effekthascherei besonders Schlimmes mitbekommen
haben wollen.
Und schließlich wird der Vorfall von der Öffentlichkeit auf eine
Meta-Ebene gehoben, mit Symbolkraft überladen. Plötzlich spielen
Profi-Fußballer nach Meinung von Puristen zu viel (überbezahlt sind
sie ja schon), was Vorfälle wie jenen von Eriksen zur Folge hätte. Es
wird grundsätzlich – Profisport an sich sei schlichtweg entartet.
Die Causa Eriksen endete zum Glück glimpflich, jetzt muss sich der
europäische Verband auch keine Gedanken mehr über die Fortsetzung des
Turniers machen.
Der tragische Vorfall führte zu einer Gewissensfrage, entzweite die
zuvor sprachlose Öffentlichkeit, deren Anspannung sich in sozialen
Netzwerken entlud. Dabei ließen sich Situationen wie diese in jedem
Sportjahr zuhauf finden, man denke in der jüngeren Vergangenheit nur
an den schrecklichen Formel-1-Feuerunfall von Romain Grosjean. Der
Franzose genoss weder zuvor noch danach ein ähnlich gelagertes Maß an
Aufmerksamkeit wie an diesem 29. November 2020 in Bahrain. Selbst
sein mögliches, aber letztlich nicht zustande gekommenes Comeback
bewegte die Masse, die von ihm zuvor mangels Erfolg kaum Notiz
genommen hatte. Ähnliches stellte man auch nach dem Suizid von
Hannover-Tormann Robert Enke (2009) fest – in der ersten
Betroffenheit wurden Erklärungsmodelle konstruiert und Statistiken
angeführt. Dabei wird vergessen, dass solche Vorfälle nicht Teil des
Profitums oder des Sports an sich, sondern Teil des Lebens sind.
Nicht in den Kanon der Sportkritiker einzustimmen, bedeutet
keineswegs, dass es einem an Empathie fehlt. Aber Anteilnahme zu
heucheln, um wenig später zur Tagesordnung überzugehen, bleibt das
wahre Übel dieser schnell­lebigen Gesellschaft.

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