- 14.03.2021, 13:00:01
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- OTS0031
Bundespräsident Van der Bellen: TV-Ansprache anlässlich ein Jahr Corona-Pandemie - Wortlaut
„Richten wir den Widerwillen in dieser ermüdenden Pandemie bitte nicht gegeneinander“ - Gedenken an die Verstorbenen
Utl.: „Richten wir den Widerwillen in dieser ermüdenden Pandemie
bitte nicht gegeneinander“ - Gedenken an die Verstorbenen =
Wien (OTS) - Liebe Österreicherinnen und Österreicher und alle
Menschen, die hier leben!
Nun ist es also ein Jahr her, seit die globale Pandemie auch in unser
Land gekommen ist. Wir alle hatten damals, im Februar und März 2020,
gehofft, dass diese Geißel so schnell wieder verschwinden würde, wie
sie aufgetaucht war. Aber mit jedem Tag, der vergangen ist, wuchs
leider auch die Gewissheit, dass wir uns wohl auf eine längerfristige
Lebensumstellung einrichten müssen. Dass unser aller Leben wohl für
längere Zeit auf den Kopf gestellt sein würde.
Viel hat uns diese Pandemie abverlangt – und verlangt sie uns ab: den
Familien, den Müttern und Vätern und ganz besonders auch den Kindern
und Jugendlichen. Den Menschen in Kranken- und Pflegeberufen, den
Älteren, den Arbeitenden und denen, die keine Erwerbsarbeit haben. Ja
auch, das ist mir wichtig zu sagen, auch den Menschen in politischen
Ämtern, ob regional oder national. Uns allen. Ausnahmslos jede und
jeder war und ist auf schwere oder besonders schwere Art betroffen.
Niemand wurde verschont.
Am Anfang war noch ein starker Geist zu spüren, dass wir das
hinkriegen werden. Und das werden wir auch. Die Krise wird
vorbeigehen. Aber man kann wohl auch feststellen, dass wir einfach
mit jedem Tag mehr und mehr Ernüchterung, Grant und Unlust in uns
fühlen. Denn auch wenn das öffentliche Leben eine Zeitlang Pause
machen kann, so kann man unsere menschlichen Bedürfnisse nicht so
einfach abstellen. Es war und ist viel verlangt, auf das Treffen von
Familien und mit Freundinnen und Freunden zu verzichten, Hochzeiten
zu verschieben, Geburtstage nicht zu feiern, Konzerte, Gasthäuser
nicht zu besuchen. All diese Ereignisse des Lebens, die unser
Menschsein ausmachen und die eben nicht stattgefunden haben. Das war
und ist frustrierend.
Aber richten wir den Widerwillen bitte nicht gegeneinander. Gerade in
einer Krise zeigt sich, aus welchem Holz wir geschnitzt sind. Wir
alle wollen und sollen uns nach Ende dieser Krise noch in die Augen
sehen können. Und ich weiß, in unseren Herzen sind Mitgefühl, Mut und
Glauben an das Gute stärker als alles andere.
Ich möchte mich heute auch bei allen bedanken, die in dieser
ermüdenden Krise immer noch aufeinander Rücksicht nehmen, die immer
noch auf das Wohl und die Gesundheit ihrer Mitmenschen achtgeben.
Liebe Österreicherinnen und Österreicher, und alle Menschen, die hier
leben,
vielleicht haben Sie im letzten Jahr einen geliebten Menschen an
dieses heimtückische Virus verloren. Vielleicht konnten Sie sich
nicht einmal persönlich verabschieden. Konnten keine tröstende
Berührung spenden. Das tut weh. Sehr weh. Das Gefühl der Macht- und
Hilflosigkeit muss überwältigend sein.
Es ist wichtig, dass wir alle, auch die, die davon Gott sei Dank
nicht direkt betroffen sind, das sehen und füreinander da sind. Und
es ist wichtig, all der vielen Menschen zu gedenken, die bis zur
Stunde an Corona litten und gestorben sind. Und auch jener Menschen,
die als indirekte Folge dieser Pandemie sterben mussten.
Ich möchte Sie einladen, liebe Zuseherinnen und Zuseher, nun
gemeinsam mit mir den Verstorbenen einen Augenblick der Stille zu
widmen.
(Stille)
Wir werden sie nicht vergessen.
Meine Damen und Herren!
Und wie geht’s nun weiter? Nun, so trivial das klingen mag: Jedem
Winter folgt ein Frühling. Und der wird bald beginnen. Die ersten
Sonnenstrahlen sind schon zu spüren. Schon bald wird jede und jeder
die Möglichkeit einer Impfung haben. Schon bald werden wir uns
gemeinsam wieder des Lebens in unserem schönen Land freuen. Und dann
wünsche ich mir, dass wir diese Krise zwar so schnell wie möglich
hinter uns lassen, aber dass wir sie nicht vergessen.
Dass wir nicht vergessen, wie zerbrechlich unsere Gemeinschaft ist.
Dass wir daraus für die Zukunft lernen. Dass wir wieder aufeinander
zugehen. Und uns gemeinsam an die Arbeit machen und dieses Land neu
und besser bauen.
Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend.
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