Gauld/Mayerhofer: Wenn man die Self Care-Potenziale hebt, spart das dem Gesundheitssystem beträchtliche Mittel.

Switch-Expertin Natalie Gauld beleuchtete das „Switch-Klima“ in Österreich.

Wien (OTS) - In ihrer 2018 mit Unterstützung von Christoph A. Baumgärtel (Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen, BASG) durchgeführten und im Jänner 2021 im Journal Plos One online veröffentlichten Studie kommt die Autorin zu dem Schluss, dass Österreich bei der Entlassung von Arzneimitteln aus der Rezeptpflicht, dem sogenannten „Switch“, hinter vergleichbaren Ländern hinterherhinkt.

„Ein angemessener Zugang zu frei verkäuflichen Medikamenten hilft den Menschen die Verantwortung für ihre Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen. Nicht nur durch die Corona-Pandemie nimmt der Druck auf Gesundheitssysteme zu. Deshalb wird in vielen Ländern eine Entlassung von verschreibungspflichtigen Medikamenten in den OTC Bereich geprüft. In Österreich sind viele Medikamente, die in anderen Ländern frei erhältlich sind, rezeptpflichtig. Auch für Österreich würde sich ein Interesse der Regierung an SelfCare durchaus lohnen“, so die Studienautorin Dr. Natalie Gauld.

Stehen mehr Arzneimittel rezeptfrei zur Verfügung, so fördert dies Self Care. Betreiben mehr Menschen Self Care, so entlastet dies das Gesundheitssystem und verhilft, in Zusammenarbeit mit Ernährung und Bewegung, auch zu mehr gesunden Lebensjahren.

"Die Forschungsarbeit stellt einen weiteren, wesentlichen Schritt dar, zu untersuchen warum in Österreich "traditionell", also bereits seit Jahrzehnten, deutlich weniger Arzneimittel rezeptfrei erhältlich sind als in den meisten anderen Ländern der EU. Insbesondere liegt es uns daran Lösungsansätze aufzuzeigen, welche Schritte man unternehmen kann, damit unserer PatientInnen endlich erweiterten Zugang und mehr Mündigkeit zu einer selbstbestimmten Therapie bekommen", so Univ.-Lektor Hofrat Dr. Christoph Baumgärtel, MD, MSc. vom Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG).

Österreich erwies sich im Ländervergleich als überdurchschnittlich restriktiv, was die Bereitstellung von freiverkäuflichen Arzneimitteln betrifft.

„Es zeigt sich, dass Österreich einen deutlichen Aufholbedarf hat welche Substanzen rezeptfrei erhältlich sind. Durch die Entlassung von 5 Prozent der Medikamente aus der Rezeptpflicht könnten die europäischen Sozialversicherungen deutliche Einsparungen generieren“, so die Präsidentin der IGEPHA, Mag. Mirjana Mayerhofer.

Was fördert Switches in Österreich und was hemmt die Entlassung aus der Rezeptpflicht? Die neuseeländische Wissenschaftlerin machte sich in 24 Stakeholder-Interviews auf die Spurensuche und verglich die Situation in Österreich mit Daten aus 6 anderen Ländern.

Die Studienautorin identifizierte folgende Switch-Hürden:

  • Eine konservative Grundhaltung innerhalb der für Wirkstoff-Switches zuständigen Rezeptpflicht-Kommission.
  • Kaum Unterstützung durch die Politik.
  • Widerstand seitens der Ärzte.
  • Kaum Switch-Anträge seitens der Industrie.

Möglicherweise sei das Interesse an der Reklassifizierung von Arzneimitteln auch deshalb gering, weil in Österreich die Abgabe von Medikamenten ohne gültige Verschreibung durch die Apotheke im sogenannten Notfallparagraph laut Rezeptpflichtgesetz geregelt ist.

Mangelnde Transparenz der Kommissions-Entscheidungen in den vergangenen Jahren haben zu einer pessimistischen Erwartungshaltung der Industrie gegenüber der Kommission geführt, zusätzlich zu der Tatsache, dass Österreich als kleiner Markt die Absatzhoffnungen dämpft.

Die in Österreich praktizierte, konsensorientierte Sozialpartnerschaft fördere einen konservativen Ansatz. Den grundsätzlich positiven Zugang der österreichischen Arzneimittelbehörde, des BASG, zur Entlassung von Wirkstoffen aus der Rezeptpflicht und die Option eines Produkt-Switches wertet die Autorin als förderliche Switch-Faktoren.

Empfehlungen der Autorin zur Verbesserung des Switch-Klimas:

  • Mehr Transparenz hinsichtlich der Meinungsfindung innerhalb der Rezeptpflichtkommission durch Veröffentlichung der Sitzungsprotokolle und Begründung der Entscheidungen.
  • Evidenzbasierte Vorgangsweise bei der Entscheidungsfindung in der Rx-Kommission.
  • Kommunikationstrainings zur Self Care-Beratung während des Pharmaziestudiums.
  • Wissenschaftlicher Support für Unternehmen vor dem Switch-Antrag sowie Maßnahmen zur Steigerung der Antragsqualität.

„Durch die Entlassung verschiedener Wirkstoffe aus der Rezeptpflicht könnte die Eigenverantwortung des Einzelnen gestärkt werden und gleichzeitig die aufgrund der Corona-Krise angegriffenen Budgets entlastet werden. Damit würde sich eine Win-Win-Situation für die Politik, die Sozialversicherung und die Bevölkerung ergeben“, so Mag. Mirjana Mayerhofer abschließend.

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