Bildveröffentlichung von Terroropfer verletzt Ehrenkodex

Wien (OTS) - Nach Meinung des Senats 2 des Presserats verstößt der Artikel „Berührende Worte für Terror-Opfer XXX“, erschienen auf Seite 9 der „Kronen Zeitung“ vom 07.11.2020, gegen die Punkte 5 (Persönlichkeitsschutz) und 6 (Intimsphäre) des Ehrenkodex für die österreichische Presse.

Im Beitrag wird über eine Abschiedsnachricht der Familie eines Opfers des Terroranschlags in Wien vom 02.11.2020 berichtet. Zunächst werden die genauen Worte zitiert, mit denen die Familie Abschied genommen habe und es wird darauf hingewiesen, dass die Familie ein Foto an den Tatort gelegt habe. Die Überschrift des Beitrags und das angeführte Zitat enthalten den Vornamen des Opfers. Neben dem Beitrag ist das Foto, das die Familie am Tatort abgelegt hat, veröffentlicht.

Der Senat wurde in dieser Angelegenheit aus eigener Wahrnehmung tätig. Zuvor hatte die Universität für Angewandte Kunst Wien in einer Aussendung am 06.11.2020 betont, dass im Namen der Angehörigen der Verstorbenen darum gebeten werde, den Namen und Fotos der Verstorbenen – in welchem Medium auch immer – nicht zu nennen und zu veröffentlichen.

Die Medieninhaberin nahm am Verfahren teil. Ihr Rechtsanwalt argumentierte, dass die verstorbene Frau auf dem Bild gar nicht erkennbar und die bloße Nennung des Vornamens kein hinreichendes Identifizierungskriterium sei. Zudem sei das bewusst klein gehaltene Bild von den Angehörigen selbst in aller Öffentlichkeit abgelegt worden; der Begleittext zum Foto sei nichts anderes als die Wiedergabe der „Bildunterschrift“, mit der die Angehörigen das Bild versehen hätten. Bezüglich der Aussendung der Universität Wien führte der Rechtsanwalt aus, dass man vom Wunsch der Angehörigen zum Zeitpunkt der Verbreitung nichts gewusst hätte. Nach Kenntniserlangung habe man weder Foto noch Name der jungen Frau veröffentlicht. In einer vom Chefredakteur des Mediums unterfertigten eidesstättigen Erklärung wurde nochmals angeführt, dass zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Wunsch der Angehörigen niemandem in der Redaktion bekannt gewesen sei.

Der Senat hält fest, dass auf dem Foto nicht nur die Silhouette der Betroffenen zu erkennen ist, sondern in Ansätzen auch ihre Gesichtspartie. Auch wenn das Bild verhältnismäßig klein abgedruckt wurde, reicht diese Darstellung nach Meinung des Senats aus, dass ihre Angehörigen und ihr Bekanntenkreis sie identifizieren können. Darüber hinaus wurden u.a. der Vorname und der Beruf der Ermordeten sowie die persönlichen Abschiedsworte von zwei nahen Angehörigen publiziert. Diese Begleitumstände erhöhen die Identifizierbarkeit und sind daher geeignet, in den Persönlichkeitsschutz des Opfers und der Hinterbliebenen einzugreifen.

Zwar berücksichtigt der Senat, dass das Foto und die Abschiedsnachricht von den Hinterbliebenen am Tatort abgelegt wurden und somit grundsätzlich für jedermann zugänglich waren. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass das Foto ohne Einwilligung der Hinterbliebenen für die Medienberichterstattung verwendet werden darf. Der Tatort diente zu diesem Zeitpunkt trauernden Personen als ein Ort des Gedenkens und der Verarbeitung ihrer Trauer; durch Kerzenlichter, Blumensträuße und persönliche Briefe sollte auf respektvolle Weise von den Opfern Abschied genommen werden. Nach Ansicht des Senats hätte die Intimität des Orts auch dem Medium bewusst sein müssen, gerade im Zusammenhang mit einer Botschaft von den nächsten Angehörigen, die sich noch dazu unmittelbar an die Verstorbene richtete.

Im Ergebnis hätte das Medium auf die Anonymitätsinteressen des Opfers und seiner Angehörigen entsprechend Rücksicht nehmen und zumindest bei den Hinterbliebenen nachfragen müssen, ob sie mit der Veröffentlichung in der Zeitung einverstanden wären. Außerdem ist es dem Medium auch anzulasten, dass die Aussendung der Angehörigen, in der ausdrücklich der Wunsch geäußert wurde, weder den Namen noch Fotos der Verstorbenen zu veröffentlichen, von der Redaktion nicht wahrgenommen wurde. Vor diesem Hintergrund verstößt die vorliegende Veröffentlichung gegen die Punkt 5 (Persönlichkeitsschutz) und 6 (Intimsphäre) des Ehrenkodex.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUS EIGENER WAHRNEHMUNG

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.

Im vorliegenden Fall führte der Senat 2 des Presserats auf eigene Initiative ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aus eigener Wahrnehmung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob eine Veröffentlichung den Grundsätzen der Medienethik entspricht.
Die Medieninhaberin der „Kronen Zeitung“ hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, Gebrauch gemacht.

Die Medieninhaberin der „Kronen Zeitung“ hat die Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats bisher nicht anerkannt.

Rückfragen & Kontakt:

Andreas Koller, Sprecher des Senats 2, Tel.: 01-53153-830

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