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Aus kinderrechtlicher Sicht für das Jahr 2021 lernen!

Graz (OTS) - Bald geht ein Jahr zu Ende, das gravierende Einschnitte in unsere Lebensführung brachte. Die Corona-Pandemie und ihre Folgen betrafen auch die Lebensrealitäten/-welten von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen stark und werden dies vermutlich noch eine Zeit lang tun. Aus diesem Grund fasst die Kinder- und Jugendanwaltschaft Steiermark die Bedeutung der gesetzten und bevorstehenden Maßnahmen aus kinderrechtlicher Sicht zusammen.

Seit Herbst sind einige positive Entwicklungen erkennbar, gleichzeitig besteht noch deutlicher Handlungsbedarf.

Die Zeit seit dem 2. Lockdown erlebten Schülerinnen/Schülern vielfach als positiv und bestätigten, dass sie gerne in die Schule gehen und froh sind, wieder Präsenzunterricht zu haben. Wie wichtig die Öffnung von Schulen für viele Familien ist, zeigte sich auch durch die Anzahl von Schülerinnen/Schülern an den Schulen während des 2. Lockdowns. Ein wesentlicher Auftrag von Schulen ist die Wissensvermittlung. Aus diesem, aber auch aus sozialen Aspekten heraus, insbesondere wegen der mentalen Unterstützung bei der Maturavorbereitung, sehen wir den Präsenzunterricht besonders für Maturantinnen/Maturanten als wichtig. Für die Sekundarstufe II ist kritisch auf die lange Dauer des Distance-Learnings und die daraus resultierenden Kompensationsbedarfe hinzuweisen.

Es steht außer Frage, dass Präsenzunterricht für alle Schülerinnen/Schüler wichtig ist, da ein wichtiger Teil neben der Wissensvermittlung auch der soziale Aspekt ist. Soziales Lernen, Kontakt mit Freundinnen/Freunden, Peer-Groups, etc. sind für Kinder/Jugendliche aller Altersgruppen relevant. Jugendliche im Alter ab ca. 14 Jahren befinden sich seit 9 Monaten – einem ¾ Jahr – im Distance-Learning und müssen auf die sozialen Aspekte von Schule verzichten. Das gilt für Schülerinnen/Schüler wie Lehrlinge. Gerade für diese Altersgruppe sind Peer-Groups wichtig, weil diese Lebensphase grundsätzlich von Abnabelung, wesentlichen Schritten der Persönlichkeitsentwicklung und damit verbunden vielfach persönlichen Unsicherheit geprägt ist und Austausch sowie Orientierung im sozialen Miteinander für eine gelingende Entwicklung unerlässlich sind. Daher wird aus kinderrechtlicher Sicht empfohlen, die Möglichkeiten des Präsenzunterrichts für die Sekundarstufe II und Berufsschule zu nutzen bzw. zu schaffen, regelmäßige Präsenzzeiten zu planen und abzuhalten. Diese Jugendlichen brauchen insbesondere auch zeitliche Perspektive, ab wann bzw. in welcher Form sie wieder vor Ort an Schulen unterrichtet werden. Die fehlenden sozialen Kontakte privat zu kompensieren, ist für Jugendliche wegen der geltenden Ausgehverbote (auf legalem Weg) unmöglich.

Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass diese Maßnahmen keine weitreichenden Folgen haben werden. Beziehungen sind ein grundlegender Teil unseres menschlichen Lebens und wirken auf unsere psychische Gesundheit ein. Aktuell fehlen für viele junge Menschen die notwendige Tagesstruktur, Erfolge im Alltag und wichtige soziale Kontakte. Jugendliche und junge Erwachsene betonen, dass sie durch die lange Dauer der Maßnahmen lethargisch werden, sich antriebslos und planlos fühlen. Es ist davon auszugehen, dass die Zahl an NEETs (Not in Education, Employment or Training) – also jungen Menschen, die aus dem System fallen, keine Ausbildung machen und damit ihre weitere Laufbahn erschweren – steigen wird. Hier ist zu bedenken, dass die Dauer der Maßnahmen für jede Person im Verhältnis zum Lebensalter und zur Lebensphase unterschiedlich einschneidend und prägend wirkt (für ein 4-jährigen Kind dauert Corona bereits ¼ des Lebens).

Aus vielen Rückmeldungen der Schülerinnen/Schüler geht hervor, dass sich die Art und Weise des Distance-Learnings seit dem Frühjahr verbessert hat. Arbeitspakete sind adäquater, einheitliche Plattformen werden verwendet und Schülerinnen/Schüler sowie Lehrpersonen sind inzwischen versierter im Umgang mit diesen Medien. Es fiel jedoch auch auf, dass es Schülerinnen/Schüler gab, die nahezu die gesamte Unterrichtszeit vor dem Bildschirm verbringen mussten, daher sind nach wie vor regelmäßige Pausen zwischen längeren Unterrichtsblöcken notwendig. Daher wird nochmals nachdrücklich betont, dass Distance-Learning mit Präsenzunterricht nicht vergleichbar ist und so kurz als unbedingt nötig dauern soll.

Trotz aller inzwischen eintretenden Gewohnheiten, bleibt diese Zeit eine Ausnahmesituation mit bestimmten Belastungen und Herausforderungen. Schülerinnen/Schüler berichten, dass sie sich mehr gestresst und schlechter vorbereitet fühlen. Daher sind die erweiterten Möglichkeiten zur Leistungsbeurteilung – abgesehen von Schularbeiten – an Schulen sehr zu begrüßen. Auch die Berücksichtigung der Belastungssituation für Schülerinnen/Schüler im Rahmen ihrer Leistungsbewertung bildet eine wichtige Entlastung für Schülerinnen/Schüler und ihre Familien.

Unterstützungsangebote an Schulen, wie Schulpsychologie, Schulsozialarbeit oder auch Jugendcoaching, sind aus kinderrechtlicher Sicht besonders wichtig. Die Klarstellung, dass diese Angebote genutzt werden können und sogar aufsuchend sind, um möglichst alle Kinder und Jugendlichen zu erreichen sowie der Hinweis auf deren Kontaktmöglichkeiten, sind positiv und essentiell. Es ist ebenfalls erfreulich, dass im Herbst in der Steiermark beinahe alle Kinder schulisch erreicht wurden und das Unterstützungssystem an Schulen frühzeitig reagierte. Wie auch Bildungspsychologin Dr.in Christiane Spiel betonte,[1] ist Unterstützung für Schülerinnen/Schüler immer, aber insbesondere jetzt wichtig, um Schule positiv erleben zu können und Abbrüchen entgegen zu wirken. Besondere Bedeutung kommt in Hinblick auf NEETs dem Jugendcoaching zu, um manche Jugendliche, die sich im 9. Schuljahr befinden, nicht zu „verlieren“ und, um erforderliche Übergänge gut begleiten zu können.

Kritisch anzusprechen ist die durchgehende Maskenpflicht an Schulen – Sekundarstufe I + II, welche auch durch die geschaffenen Ausnahmeregelungen kinderrechtlich nicht vertretbar ist. Kinder und Jugendliche berichten nach stundenlangem Tragen der Maske von Kopfschmerzen, Kreislaufproblemen, schmerzenden Ohren, schlechter Akustik und fehlender Mimik. Wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit bzw. Schädlichkeit dieser Maßnahme sind derart divergierend, dass bis dato keine klaren, eindeutigen Ergebnisse daraus abzulesen sind. Verfassungsrechtlich ist in Österreich jedoch festgelegt, dass Kinder und Jugendliche und deren Wohl besonders schützenswert sind. Sie haben zudem im Gegensatz zu Erwachsenen nicht die Möglichkeit, von sich aus (notwendige) Maskenpausen zu machen, sondern sind von einer Entscheidung der Lehrkraft abhängig. Solange wissenschaftlich daher nicht eindeutig belegt ist, dass Schülerinnen/Schüler durch diese Maßnahme objektiv und kurz- wie langfristig keinerlei Schaden erleiden und es zudem gelindere Mittel - wie Teamlösungen, Abstände oder fixe Sitzplätze – gibt, ist die durchgehende Maskenpflicht aus kinderrechtlicher Sicht eindeutig abzulehnen. Inzwischen fordern Jugendliche diesbezüglich ihre Rechte auch selbst gerichtlich ein.[2] Positiv zu beobachten ist jedoch, dass in der Praxis einige, jedoch nicht alle, Schülerinnen/Schüler selbst Wege finden, um die Maske gelegentlich abzunehmen und Schulleitungen sowie einzelne Lehrpersonen die bestehenden Handlungsspielräume (z.B. Englischunterricht während Spaziergängen) nutzen, um notwendige Entlastung zu schaffen.

Weiters nicht vergessen werden darf auf die tausenden Studierenden, die einerseits unter erschwerten Bedingungen ihre Ausbildung absolvieren müssen, andererseits aufgrund fehlender Möglichkeiten für Nebenjobs finanziell unter Druck geraten. Klare Regelungen für die nächsten Monate sowie ein Aussetzen der Studiengebühren werden daher auch hier empfohlen.

Insgesamt sind die Ausgangsbeschränkungen eine erhebliche Belastung und Beschneidung von wichtigen Möglichkeiten zur Alltagsgestaltung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Jugendliche berichten, wie schwierig die aktuelle Zeit für sie ist. Sport zu betreiben bzw. sich im Alltag ausreichend zu bewegen, Alternativen zu Computerspielen zu finden, Geburtstage und Erfolge feiern zu können, neue Bekanntschaften zu machen oder sich einfach „Auszuprobieren“ ist für junge Menschen seit Monaten schwierig, wenn nicht unmöglich und stellt entwicklungstechnisch eine enorme Herausforderung dar. All diese Bereiche auszuleben, entspricht nicht nur wichtigen Kinderrechten, sondern hierbei handelt es sich um grundlegende Voraussetzungen für eine gute, persönliche Entwicklung.

Mit Blick auf die bevorstehenden Feiertage möchten wir darauf hinweisen, dass Weihnachten insbesondere für Kinder und Jugendliche ein besonderes und bedeutsames Ereignis ist. Gerade auf Grund des aktuellen Pandemiegeschehens wird aber leider auch das Weihnachtsfest heuer für viele ein anderes sein, als gewohnt. Daher ist es umso wichtiger, sich für die Fragen, Anliegen und Wünsche der Kinder und Jugendlichen heuer besonders viel Zeit zu nehmen. Und sofern möglich, sollten im engsten Familie- oder Freundeskreis Kontakte zu wichtigen Bezugspersonen unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregelungen ermöglicht werden, um dem immer größer werdenden Bedürfnis an Nähe und persönlichen Kontakten zumindest im Ansatz gerecht werden zu können.

Kinder und Jugendliche sind nicht nur unsere Zukunft, sie sind auch unsere Gegenwart. Es ist folglich besonders bedeutend, genau auf die Wirkung und Dauer der aktuellen Rahmenbedingungen zu achten, bei Kontraindikationen ehestmöglich zu reagieren und neue Wege und Perspektiven zu schaffen!


[1] Siehe https://www.ots.at/redirect/tvthek4 (18.12.2020).

[2] Siehe https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20201214_OTS0049/ (17.12.2020).

Rückfragen & Kontakt:

Kinder- und Jugendanwaltschaft Steiermark
Mag.a Denise Schiffrer-Barac
Kinder- und Jugendanwältin Steiermark
0676/8666 4892
kija@stmk.gv.at
www.kija.steiermark.at

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