„Perspektiven Integration“: Internationale Expert/innen zum Thema politischer Islam

Neue ÖIF-Publikation: Lorenzo Vidino, Ebrahim Afsah, Susanne Schröter, Heiko Heinisch, Bassam Tibi, Katherine Brown und Ahmad Mansour im Gespräch über den politischen Islam

In der aktuellen Ausgabe der Interviewreihe „Perspektiven Integration“ des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) geben sieben Expert/innen Einschätzungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu den Herausforderungen im Umgang mit dem politischen Islam: Lorenzo Vidino (Programmdirektor für Extremismus an der George Washington University), Ebrahim Afsah (Professor für Rechtswesen und Ethik), Susanne Schröter (Direktorin des „Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam“), Heiko Heinisch (Historiker), Bassam Tibi (Begründer der historisch-sozialwissenschaftlichen Islamologie), Katherine Brown (Leiterin des Departments für Theologie und Religion an der University of Birmingham) und Ahmad Mansour (Psychologe). Die ÖIF-Publikation soll dabei unterstützen, Phänomene und Begriffe zum politischen Islam zu erkennen und einzuordnen.

Vidino: Politischer Islam will andere politische Ordnung

Lorenzo Vidino, Programmdirektor für Extremismus an der George Washington University, definiert den politischen Islam als eine Ideologie, welche die Trennung von Religion und Staat überwinden will und in welcher der Islam Teil aller Aspekte des privaten und öffentlichen Lebens ist. Der politische Islam will aktiv eine politische Ordnung etablieren, die auf dem Islam beruht. Vidino beschreibt den Islamismus als vorrangig inländisches, europäisches und nicht als ein von außen hereingetragenes Phänomen: „Es sind nicht die kürzlich angekommenen Flüchtlinge, die den Islamismus nach Europa gebracht haben, auch wenn einige von ihnen islamistische Einstellungen haben mögen. Vielmehr finden sie in Europa bereits ein gut organisiertes islamistisches Netzwerk vor, das oftmals sogar aktiver ist als in jenen Ländern mit muslimischer Mehrheit, die sie verlassen haben.“

Afsah: Säkularisierung im Kontrast zu gottgewollter Überlegenheit

Ebrahim Afsah, Professor für Rechtswesen und Ethik, erläutert, dass der politische Islam primär die Forderung nach einer Sichtbarmachung im öffentlichen Raum ist: „Damit die alles entscheidende identitätsstiftende und abgrenzende Rolle des Islam zum Tragen kommen kann, ist es notwendig, dass er öffentlich gelebt wird.“ In Konkurrenz dazu stehen andere Organisationsprinzipien, wie zum Beispiel der Verfassungsstaat. Afsah betont außerdem die Wandelbarkeit des politischen Islams und dessen Fähigkeit, vorhandene Räume liberaler Staaten zu seinen Gunsten auszunutzen.

Schröter: Islamistisch normative Ordnungen lassen keine Meinungsfreiheit zu

Susanne Schröter, Direktorin des „Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam“, erklärt, dass Fundamentalist/innen die Trennung von Religion und Staat ebenso wie einen modernen Rechtsstaat ablehnen: „Der politische Islam ist nach innen intolerant und repressiv und stellt nach außen einen Gegenentwurf zum säkularen Rechtsstaat, zur Demokratie und zu den Freiheitsansprüchen des Individuums dar. Es handelt sich dann um eine Herrschaftsideologie, die die vollständige Umgestaltung von Staat und Gesellschaft anhand islamischer Normen intendiert.“

Heinisch: Keine Toleranz gegenüber extremistischen Meinungen unter dem Deckmantel der Freiheitsrechte

Historiker Heiko Heinisch betont, dass sich der demokratische Staat gegenüber jenen, die ihn beseitigen wollen, wehrhaft zu zeigen hat und konsequent gegen den Bruch gesetzlicher Schranken (Volksverhetzung, Gewaltaufrufe etc.) vorgehen muss: „Extremistischen Strömungen sollte, unabhängig von ihrer ideologischen oder religiösen Grundlage, begegnet werden. Religionsfreiheit darf kein Schutz für Extremismus und abwertende Einstellungen sein.“ Heinisch betont die Notwendigkeit eines offenen, demokratischen Diskurses: „Die Tabuisierung von Themen hilft letztlich nur den Tabubrechern an den extremen Rändern der Gesellschaft.“

Tibi: Extremistische Bewegungen als Identitätsstifter

Bassam Tibi, Begründer der historisch-sozialwissenschaftlichen Islamologie, weist auf den Zusammenhang zwischen Radikalisierung und Identitätsproblemen hin. Die Menschen suchen nach Identifikation und finden sie teilweise bei radikal-religiösen Bewegungen wie dem Islamischen Staat: „Die schlimmste Gefahr ist die Hinwendung zu dschihadistischen Gruppen. Daneben gibt es viele kleinere Gefahren. Und zwar die, dass Leute außerhalb des Gemeinwesens leben und Parallelgesellschaften bilden.“

Brown: Extremistische Ideologien stellen absoluten Wahrheitsanspruch für sich

Katherine Brown, Leiterin des Departments für Theologie und Religion an der University of Birmingham, erläutert, dass Radikalisierung dort geschieht, wo Aufklärung fehlt: Extremistische Ideologien beinhalten laut Brown immer eine einzig wahre Sicht der Dinge und sprechen anderen Lebensformen und Einstellungen ihre Existenzberechtigung ab. „Wenn wir als Gesellschaft wollen, dass liberale demokratische Werte tragfähige Alternativen zu Extremismus darstellen, müssen wir dafür sorgen, dass diese Werte für Minderheiten ebenso gelten und strukturelle Nachteile ausgeglichen werden.“

Mansour: Ausbau der Präventionsarbeit im Kampf gegen Radikalisierung von Jugendlichen

Für den Psychologen Ahmad Mansour ist Gedankengut, das andere Menschen abwertet, eine politische Dimension hat und eine Ideologie durchsetzen möchte, Extremismus. Im Kampf gegen Extremismus und Radikalisierung fordert er einen größeren Fokus auf die Präventionsarbeit, um Radikalisierung bei Jugendlichen entgegenzuwirken. Lehrpläne müssen geändert und Lehrpersonal besser ausgebildet werden, damit sie radikale Tendenzen früher erkennen. „Wir müssen Gegenangebote machen und den Jugendlichen Denkanstöße geben, ihnen Alternativen zeigen. Wir müssen die Räume, die ihre Radikalisierung vorantreiben, kleiner und enger machen.“

„Perspektiven Integration“: Sachliche Expert/innen-Interviews zu kontroversiellen Themen

Die Publikationsreihe „Perspektiven Integration“ des ÖIF thematisiert aktuelle Herausforderungen im Integrationsbereich mit anerkannten Wissenschaftler/innen, Forscher/innen und Expert/innen. Die Interviews führt „Die Presse“-Redakteur Köksal Baltaci. Alle bisher erschienenen Ausgaben der Publikationsreihe „Perspektiven Integration“ finden Sie hier zum Download: https://www.integrationsfonds.at/perspektiven.

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