Details von Kindesmissbrauch verletzen Intimsphäre der Opfer

Wien (OTS) - Der Senat 1 des Presserats befasste sich mit dem Artikel „18 Monate bedingt für Sexualtäter in Bad“, erschienen auf Seite 6 der „Bezirksblätter Niederösterreich“ vom 02./03.09.2020, sowie dessen Onlineversionen. Nach Auffassung des Senats 1 verstoßen die Beiträge gegen die Punkte 5 (Persönlichkeitsschutz) und 6 (Intimsphäre) des Ehrenkodex für die österreichische Presse.

In den Beiträgen wird über einen 17-jährigen Schüler berichtet, dem schwerer sexueller Missbrauch und sexueller Missbrauch an drei Unmündigen vorgeworfen worden sei. Die Vorfälle hätten sich am 22. und 23. Juli 2019 in einem Bad ereignet und für große Empörung gesorgt. Im Anschluss wird in den Artikeln genau geschildert, auf welche Art und Weise der Tatverdächtige zwei kleine Mädchen sexuell missbraucht habe. Insbesondere bei einem der Opfer werden der Tatablauf und die daraus resultierende Verletzung sehr detailliert beschrieben. Danach wird der Ablauf des Gerichtsverfahrens vor einem Schöffensenat und dessen Urteil wiedergegeben: 18 Monate bedingt mit dreijähriger Bewährung.

Eine Leserin wandte sich an den Presserat und kritisierte die detaillierte Beschreibung der Missbrauchshandlungen als voyeuristisch und irrelevant für die Öffentlichkeit, zudem sei es unsensibel und demütigend den Opfern und Familien gegenüber. Die Medieninhaberin nahm am Verfahren teil und führte aus, dass die Intimsphäre der Opfer allein schon deshalb gewahrt werde, weil die Berichterstattung anonym erfolgt sei und sich aus der Berichterstattung keinerlei Hinweise auf die betroffenen Personen ergeben würden. Darüber hinaus sei die objektive Schilderung der Tathandlungen erforderlich, vor allem mit Blick auf eine transparente Prozessberichterstattung.

Der Senat betont zunächst, dass Medien beim Thema sexueller Missbrauch einen wichtigen Beitrag zur öffentlichen Bewusstseinsbildung leisten können. Bei Berichten über konkrete Missbrauchsfälle ist allerdings stets auf die Würde und Intimsphäre der Opfer zu achten. Entgegen dem Vorbringen der Medieninhaberin sind die betroffenen Kinder zumindest für einen beschränkten Personenkreis identifizierbar: Dafür spricht zum einen, dass sowohl das genaue Alter der Opfer wie auch das Datum der Missbrauchsfälle genannt werden. Zum anderen wird ein bestimmtes Schwimmbad als Tatort angeführt; da sich dieses in einer Gemeinde mit knapp 400 Einwohnern befindet, ist umso mehr von einer Identifizierbarkeit der Opfer auszugehen, so der Senat.

Die geschilderten Details zum Tathergang lassen unmittelbare Rückschlüsse auf die Art und Weise zu, wie der Kindesmissbrauch abgelaufen ist. Nach Auffassung des Senats ist die Veröffentlichung solcher Details geeignet, das Leid der Opfer und seiner Angehörigen zu vergrößern – dabei spielt es auch keine Rolle, ob die expliziten Details zum Tathergang im Gerichtsprozess zuvor erörtert wurden. Der Senat wertet die vorliegenden Schilderungen somit als Eingriff in den Persönlichkeitsschutz der Opfer (Punkt 5 des Ehrenkodex). Zudem kann die genaue Schilderung der Missbrauchsfälle in den Medien auch zu einer neuerlichen Belastung der Familienangehörigen der Opfer führen. Darüber hinaus verletzen die Schilderungen auch die Intimsphäre der betroffenen Kinder. Der Senat weist in dem Zusammenhang auch darauf hin, dass bei Kindern dem Schutz der Intimsphäre sogar Vorrang vor dem Nachrichtenwert einzuräumen ist (Punkt 6 des Ehrenkodex).

Im Ergebnis kann der Senat an einem derart detaillierten Bericht über sexuellen Missbrauch auch kein legitimes Informationsinteresse erkennen. Die Vorfälle im Schwimmbad und das Leid der Kinder hätten im Rahmen einer transparenten Prozessberichterstattung auch auf andere Art und Weise vermittelt werden können – nämlich mit mehr Zurückhaltung und Sensibilität. Ferner besteht bei einer dermaßen genauen Schilderung des sexuellen Missbrauchs an Kindern auch die Gefahr, dass andere pädophil veranlagte Personen daran Gefallen finden. Die Medieninhaberin wird aufgefordert, freiwillig über den Ethikverstoß zu berichten.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND EINER MITTEILUNG EINER LESERIN

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.

Im vorliegenden Fall führte der Senat 1 des Presserats aufgrund einer Mitteilung einer Leserin ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob eine Veröffentlichung den Grundsätzen der Medienethik entspricht.
Die Medieninhaberin der „Bezirksblätter Niederösterreich“ hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, Gebrauch gemacht.

Die Medieninhaberinnen der „Bezirksblätter Niederösterreich hat die Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats anerkannt.

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Tessa Prager, Sprecherin des Senats 1, Tel.: +43 - 1 - 23 699 84 - 11

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