- 21.10.2020, 22:00:32
- /
- OTS0211
TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Fisch und Fleisch kann man nicht sein", von Karin Leitner
Ausgabe vom Donnerstag, 22. Oktober 2020
Utl.: Ausgabe vom Donnerstag, 22. Oktober 2020 =
Innsbruck (OTS) - Jo-Jo-Effekt in Blau: Wieder einmal sind die
Freiheitlichen im Tief angelangt. Eine stringente Strategie, wie sie
aus diesem kommen, haben sie nicht. Sie setzen auf Verharmlosung der
Corona-Pandemie.
Steil ist es mit den Blauen einst nach oben gegangen, dann nach
unten. Der Aufstieg unter Jörg Haider. Unter seiner Führung auch der
Fall. Der Aufstieg unter Heinz-Christian Strache. Unter seiner
Führung auch der Fall. Nach der Ibizerei des Obmannes, der mit der
ÖVP im Regierungsbund war, hat die FPÖ bei jeder Wahl viel verloren.
Auf dem Tiefpunkt ist sie jetzt in Wien. Von 30,8 Prozent hat sie auf
7,1 Prozent abgebaut, liegt gar hinter den NEOS. Und so wird nach
einer Strategie gesucht, um erneut politisches Terrain zu gewinnen.
Schon unter Haider haben sich die Freiheitlichen als „Vertreter
des kleinen Mannes“ bezeichnet, haben Privilegien von g’stopften
Politikern und Kämmerern beklagt. Ausspruch und Anspruch gingen mit
der Realität oft nicht konform. „Robin Hood Haider“ verursachte eine
Hypo-Alpe-Adria-Pleite, unter der alle Steuerzahler noch heute
leiden. Straches Hybris in der Balearen-Finca und seine
Spesen-Exzesse offenbarten neuerlich die Diskrepanz. Die
Glaubwürdigkeit der Blauen bei einer gewissen Klientel ist einmal
mehr dahin.
Inhaltlich ist ihnen ebenfalls längst etwas abhandengekommen. Die
ÖVP von Sebastian Kurz hat sich auf ihr Kernthema gesetzt. Mit
„freundlicherem Antlitz“ agiert sie gegen Ausländer und Flüchtlinge.
Als „Rechtspartei mit Anstand“ qualifizieren sich die von Schwarz auf
Türkis umgefärbten Kurzianer. Damit ist auch der Populismus Marke
Haider perdu.
Wo verorten sich die Blauen nun, angesichts dessen, dass ihnen die
ÖVP den bisherigen Platz streitig macht? Und wo wollen sie hin?
Dahingehend gibt es nach wie vor zwei Denkschulen innert der
„freiheitlichen Familie“: Hier jene, die auch im Bund wieder an der
Macht sein wollen, „Bürgerliche“ zu lukrieren trachten. Mit – für
FPÖ-Verhältnisse – moderaterem Auftritt. Wie Parteichef Norbert Hofer
und Oberösterreichs FPÖ-Chef Manfred Haimbuchner. Da jene, die
Regierende Mores lehren wollen. Mit Brachialrhetorik. Wie Klubchef
Herbert Kickl – und derart auf Zuspruch hoffen. Dieser Paarlauf in
Form der Doppelspitze funktioniert aber nicht. Fisch und Fleisch kann
man nicht sein. Wissend darum hoffen die FPÖler, das vergessen zu
machen – und bei Pandemie-Müden zu punkten. Die Überwachungspartei
des einstigen Innenministers Kickl entdeckt wieder die „Freiheit der
Bürger“ – und findet die Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus
überzogen. Sich vor allem so politisch sanieren zu wollen,
demaskiert. Dieses Konzept geht hoffentlich nicht auf.
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PTT