Manipuliertes Foto von Grünen-Politiker auf „wochenblick.at“

Wien (OTS) - Nach Meinung des Senats 1 verstößt der Beitrag „Unglaublich: Grüner gibt FPÖ-Wählern Schuld an neuer Corona-Welle“, erschienen am 07.07.2020 auf „wochenblick.at“, gegen mehrere Punkte des Ehrenkodex für die österreichische Presse.

Im Beitrag wird über eine „kuriose Begründung“ für den neuerlichen Ausbruch des Coronavirus in OÖ durch den Politiker Thomas Rammerstorfer (Grüne) berichtet. So habe er auf Twitter darauf hingewiesen, dass Wien und Oberösterreich genau jene beiden Bundesländer seien, in denen die meisten FPÖ-Wähler leben würden, wenn man die letzte Landtagswahl als Maßstab nehme. Laut dem Beitrag sei der Hinweis auf das Wahlverhalten grotesk: Rammerstorfers eigene Partei sitze in beiden Ländern und im Bund in der Regierung und stelle derzeit gar den Gesundheitsminister. Dem Artikel ist eine Bildmontage beigefügt, in der Thomas Rammerstorfer zu sehen ist; die Bereiche unterhalb seiner Augen sind gerötet. Im Hintergrund der Bildmontage sind der Linzer Hauptplatz und „durchsichtige Coronaviren“ erkennbar.

Rammerstorfer wandte sich an den Presserat und kritisierte, dass sein Foto manipuliert worden sei. Als Beleg dafür übermittelte er eine ebenfalls auf „wochenblick.at“ veröffentlichte Bildmontage, in der dasselbe Foto verwendet wurde. In dieser Bildmontage weisen die Bereiche unterhalb der Augen Rammerstorfers jedoch keine Rötungen auf. Die Medieninhaberin nahm am Verfahren vor dem Presserat nicht teil und stellte die erhobenen Vorwürfe daher auch nicht in Abrede.

Der Senat stuft die vorliegende Bildbearbeitung als manipulativ ein. Auf dem ursprünglich auf „wochenblick.at“ veröffentlichten Originalbild weisen die Bereiche rund um die Augen des Betroffenen keine Rötungen auf; sie wurden offenbar im Nachhinein bewusst hinzugefügt. Der Senat erkennt in dieser falschen Darstellung einen Verstoß gegen Punkt 2.1 des Ehrenkodex, wonach Informationen gewissenhaft und korrekt aufbereitet werden müssen.

Nach Meinung des Senats ging es der Redaktion anscheinend darum, den Betroffenen in der Bildkomposition als kränklich darzustellen. Die geröteten Augen und die „durchsichtigen Coronaviren“ suggerieren, dass der Abgebildete selbst am Coronavirus erkrankt sei. Daher ist auch von einer Verletzung der Persönlichkeit des Abgebildeten auszugehen (Punkt 5 des Ehrenkodex). Darüber hinaus weist der Senat darauf hin, dass der Gesundheitszustand eines Menschen grundsätzlich zum Bereich der Privatsphäre zählt; die verfälschte Abbildung als erkrankte Person ist auch als Eingriff in die Intimsphäre zu werten (Punkt 6 des Ehrenkodex).

Schließlich weist der Senat noch darauf hin, dass die Bildmanipulation auch nicht im Sinne von Punkt 3.3 des Ehrenkodex gekennzeichnet wurde. Die Medieninhaberin von „wochenblick.at“ wird aufgefordert, über den Ethikverstoß freiwillig zu berichten.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND EINER MITTEILUNG EINES BETROFFENEN

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.

Im vorliegenden Fall führte der Senat 1 des Presserats aufgrund einer Mitteilung eines Betroffenen ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob eine Veröffentlichung den Grundsätzen der Medienethik entspricht.
Die Medieninhaberin von „wochenblick.at“ hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, keinen Gebrauch gemacht.

Die Medieninhaberin von „wochenblick.at“ hat die Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats bisher nicht anerkannt.

Rückfragen & Kontakt:

Tessa Prager, Sprecherin des Senats 1, Tel.: +43 - 1 - 23 699 84 - 11

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