35 Jahre Kinderschutzzentren in Österreich – Kein Grund zu feiern!

Die Österreichischen Kinderschutzzentren begleiten seit 35 Jahren Kinder und Jugendliche, die von Gewalt betroffen sind. Ausbau und Absicherung der Kinderschutzzentren müssen warten.

  • Immer öfter passiert es, dass wir Kinder und Jugendliche, die von Gewalt betroffen sind, nicht begleiten können – einfach weil der Bedarf die Möglichkeiten zu sehr übersteigt
    Martina Wolf, Geschäftsführerin im Bundesverband Österreichischer Kinderschutzzentren
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  • Kinderschutzarbeit ist eine unverzichtbare Investition in die Zukunft und selten war es dringender notwendig, den Kinderschutz auszubauen und die Vorhaben aus dem Regierungsprogramm umzusetzen, als jetzt und heute
    Martina Wolf, Geschäftsführerin im Bundesverband Österreichischer Kinderschutzzentren
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Vor 35 Jahren, genau am 20.6.1985, wurde das erste Kinderschutzzentrum in Österreich eröffnet. Noch bevor das Gewaltverbot in der Erziehung umgesetzt wurde und bereits vor der UN Kinderrechtskonvention ist es ersten Initiativen in Linz, Wels und Salzburg gelungen, auf der Basis privater Vereine Anlaufstellen für gewaltbelastete Familien in Kinderschutzzentren zu initiieren. Anliegen der Gründer*innen, war es, Kinder und Jugendliche umfassend vor jeder Form von Gewalt zu schützen, indem sie sich mit niederschwelligen Beratungsangeboten an Eltern wandten.

Kinderschutzzentren als Vorreiter des Gewaltverbotes

Für eine gewaltfreie Erziehung gab es damals keine Mehrheiten. Ohrfeigen und andere demütigende Erziehungsmethoden wurden nicht nur als Recht der Eltern verstanden, sondern waren „übliche und legitime Praxis“. In den Achtzigerjahren für gewaltfreie Erziehung einzutreten, war echte Pionierarbeit – die letztendlich 1989 zum gesetzlichen Gewaltverbot führte. Ab diesem Zeitpunkt verbreitete sich die Idee privater Initiativen zum umfassenden Schutz von Kindern und Jugendlichen vor jeglicher Form von Gewalt, und Kinderschutzzentren entstanden in ganz Österreich.

Mittlerweile gibt es österreichweit mehr als 30 Kinderschutzzentren an über 40 Standorten.
Das jüngste Kinderschutzzentrum wurde erst vor einem Jahr in der Steiermark eröffnet.

An der Seite der Kinder und Jugendlichen

Damals wie heute stellen sich interdisziplinäre Teams an die Seite von gewaltbetroffenen Kindern und ihren Familien mit einem Angebot von Krisenintervention, Beratung und Therapie. Nach und nach wurde das Angebot erweitert: Viele Kinderschutzzentren bieten heute auch Erziehungs- und Familienberatung, Prozessbegleitung, Besuchsbegleitung und Kinderbeistand an.

Als privater Partner der Kinder- und Jugendhilfe stellen Kinderschutzzentren eine wichtige Säule im österreichischen Kinderschutz dar, begleiten sie doch Kinder, Jugendliche und deren Familien oft über Jahre und sichern damit das Kindeswohl.

Die Aufgaben sind heute umfassender, Ressourcen fehlen

In Kinderschutzzentren finden nicht nur von Gewalt betroffene Familien Unterstützung, sie sind auch eine Anlaufstelle für Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe, des Bildungs- und des Gesundheitswesens und damit regional unverzichtbare Kooperationspartner.

Kinderschutz ist eine Querschnittsmaterie zwischen Beratung (Elternberatung, Familienberatung)/ Clearingstelle (Expertisen zur Kindeswohlgefährdung), Sozialer Arbeit, Behandlungen durch Gesundheitsberufe (Psychotherapie, Klinisch-Psychologische Behandlung, Psychiatrie/Medizin) und Justiz (Familienrecht, Strafrecht) und bedarf einer diesbezüglichen Koordination. Was vor Ort in der Praxis der Fallarbeit gut funktioniert, nämlich die Koordination zwischen dem Kinder- und Jugendhilfeträger, privaten Beratungs- und Therapieangeboten, den Einrichtungen des Sozial- und Gesundheitswesens, Polizei, Familien- und Strafgerichten, fehlt auf Bundesebene.

Diese fehlende Koordination hat zur Folge, dass es für den Kinderschutz kaum finanzielle Ressourcen für Evaluation, Forschung und Entwicklung gibt und keine ausreichenden Mittel für die Arbeit mit den Familien oder die kinderschutzorientierte Beratung von Fachkräften.

Kinderschutzzentren arbeiten unter teilweise prekären Bedingungen und enormem Ressourcenmangel. Viele Zentren verfügen nicht einmal über den Mindeststandard von 120 Fachmitarbeiter*innenstunden pro Woche und leisten fast Unmögliches, um für die Familien da zu sein. „Immer öfter passiert es, dass wir Kinder und Jugendliche, die von Gewalt betroffen sind, nicht begleiten können – einfach weil der Bedarf die Möglichkeiten zu sehr übersteigt“, betont Wolf.

Ausbau und Absicherung der Kinderschutzzentren – ein noch nicht eingelöstes Versprechen im Regierungsprogramm

Mit dem neuen Regierungsprogramm kam Hoffnung auf, denn dort wurde „Ausbau und Absicherung der Kinderschutzzentren“ als Vorhaben niedergeschrieben. Aber so wie es aussieht, gibt es dafür bis dato und auch in absehbarer Zeit keine konkreten Pläne, weder zeitlich noch inhaltlich.

„Angesichts der Coronakrise gäbe es dafür keine Priorität“, lauten die Antworten der relevanten Ministerien und es zeigt sich deutlicher als früher, dass sich auf Bundesebene keine klare Zuständigkeit findet“, kritisiert Martina Wolf, Geschäftsführerin Bundesverband Österreichischer Kinderschutzzentren. „Aber gerade die Belastungen und Herausforderungen der Coronakrise hinterlassen ihre Spuren und erste Erfahrungen und Analysen zeigen, das bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche und sozial schwache Familien, also eine wesentliche Zielgruppe der Kinderschutzzentren, mehr als andere Familien auch von den Folgen der Coronakrise betroffen sind. Kinder und Jugendliche und Eltern benötigen vermehrt die Hilfe der Kinderschutzzentren. Aktuell übersteigt der Bedarf wieder das Angebot. Die Teams tun was sie können, um für die Kinder und Jugendlichen da zu sein.

Kinderschutzarbeit ist eine unverzichtbare Investition in die Zukunft und selten war es dringender notwendig, den Kinderschutz auszubauen und die Vorhaben aus dem Regierungsprogramm umzusetzen, als jetzt und heute“, so Wolf.

Rückfragen & Kontakt:

DIE ÖSTERREICHISCHEN KINDERSCHUTZZENTREN
Bundesverband Österreichischer Kinderschutzzentren
Martina Wolf
martina.wolf@oe-kinderschutzzentren.at
0043 660 181 78 41
www.oe-kinderschutzzentren.at

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