- 19.06.2020, 12:52:53
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- OTS0135
Schönborn und Lackner gegen "Instrumentalisierung von Religion"
Bisheriger und neuer Vorsitzender der Bischofskonferenz wenden sich gegen "nicht akzeptable Ausrutscher" und verbale "Entgleisungen" - Lackner will Frauenfrage "nicht nur rhetorisch ernst nehmen" und betont Wert der feministischen Theologie - Bischöfe hätten bei Corona-Bekämpfung nicht viel anders machen können - Schönborn über Lehre aus Pandemie: Regionalisierung und internationale Offenheit gut austarieren
Utl.: Bisheriger und neuer Vorsitzender der Bischofskonferenz wenden
sich gegen "nicht akzeptable Ausrutscher" und verbale
"Entgleisungen" - Lackner will Frauenfrage "nicht nur
rhetorisch ernst nehmen" und betont Wert der feministischen
Theologie - Bischöfe hätten bei Corona-Bekämpfung nicht viel
anders machen können - Schönborn über Lehre aus Pandemie:
Regionalisierung und internationale Offenheit gut austarieren =
Wien (KAP) - Gegen jede "Instrumentalisierung von Religion" haben
sich der bisherige und der neue Vorsitzende der Österreichischen
Bischofskonferenz, Kardinal Christoph Schönborn und Erzbischof Franz
Lackner, ausgesprochen. In ihrer gemeinsamen Pressekonferenz am
Freitag in Wien, in der sie über Ergebnisse der dieswöchigen
Sommervollversammlung des Episkopats in Mariazell informierten,
forderten sie zum Respekt im Umgang mit Religionen und zur Erhaltung
des religiösen Friedens in Österreich auf. Kardinal Schönborn wandte
sich gegen "Entgleisungen" und "nicht akzeptable Ausrutscher", ohne
Namen zu nennen, wie er hinzufügte. Keine Religion dürfe öffentlich
schlecht gemacht werden.
Auch der Salzburger Erzbischof wies auf den entsprechenden Passus in
der aktuellen Erklärung der Bischöfe zum Abschluss der
Sommervollversammlung hin, wonach sich der Episkopat vom Missbrauch
und der Instrumentalisierung von Religion für politische Zwecke
distanziert. Dies sei zuletzt geschehen, beklagte Lackner und hielt
fest: Auch in der politischen Auseinandersetzung sei ein Mindestmaß
an Respekt und Wertschätzung gegenüber Religionen und gläubigen
Menschen immer einzuhalten.
Der Hintergrund: FPÖ-Chef Norbert Hofer hatte am 16. Juni bei einer
Wahlkampfveranstaltung am Wiener Viktor-Adler-Markt gesagt, der Koran
sei "gefährlicher als Corona". Dies hatte Proteste von muslimischer
Seite und auch klare Kritik vonseiten evangelischer Kirchenvertreter
zur Folge. Kardinal Schönborn sprach bei der Pressekonferenz am
Freitag von einer notwendigen "Abrüstung der Worte". Dass in der
politischen Debatte manchmal "übers Ziel hinausgeschossen" werde,
könne passieren und sei menschlich, dürfe aber nicht unwidersprochen
bleiben. Die in Österreich gute Kooperation zwischen Staat und
Religionsgemeinschaften - "um die uns manche beneiden" - müsse
erhalten bleiben, so wie auch das gute Verhältnis der Religionen
untereinander.
Lackner: Von Vorbild Schönborn viel gelernt
Erzbischof Lackner sagte eingangs bezogen auf seine neue
Leitungsfunktion in der Bischofskonferenz, Gott habe ihn auf seinem
Lebensweg immer wieder überrascht. Aus ärmlichen
Familienverhältnissen stammenden, der er einst "mit Ach und Krach"
seine Elektrikerlehre beendet habe, hätte er nie damit gerechnet,
dass er einmal Erzbischof und nun auch Vorsitzender der
Bischofskonferenz sein würde. Seinem Vorgänger Schönborn dankte
Lackner für dessen 22-jährige Amtsausübung; der Kardinal sei auch in
schwierigen Zeiten, als es Schuld zu benennen und Verzeihung zu
erbitten galt, ein Vorbild gewesen, von dem er - Lackner - viel
gelernt habe.
Doppelte Anwaltschaft
In den Journalistenanfragen nach seiner Darlegung der Erklärungen der
Bischofskonferenz sagte Lackner, er verstehe seine neue
Vorsitzfunktion wie auch sein Bischofsamt generell als doppelte
Anwaltschaft: Er wolle in der Weltkirche Anliegen der Kirche in
Österreich zur Sprache bringen, zugleich hierzulande vertreten, was
aus Rom kommt. Im kommenden Jahr steht ein Ad-limina-Besuch der
österreichischen Bischöfe im Vatikan an, dabei möchte der Erzbischof,
wie er ankündigte, seine Beobachtung der wachsenden Gottferne vieler
Zeitgenossen ansprechen. Nicht umsonst heiße es zeitdiagnostisch:
"Wir haben vergessen, dass wir Gott vergessen haben." Dagegen
Lackner: Wenn wir von Gott als dem Ursprung und der Quelle des Lebens
getrennt sind, "fehlt etwas". Zugleich sei anzuerkennen, dass viele
Menschen heute auch ohne Gott gut zu leben meinen und auch viel Gutes
außerhalb der Kirche geschehe.
In Rom wolle er aber auch Fragen der Verfasstheit der Kirche
thematisieren, "wo sich Menschen nicht verstanden fühlen", so
Lackner. Das Thema Frau in der Kirche möchte der Erzbischof "nicht
nur rhetorisch ernst nehmen". Maria habe mit ihrem Leben
verdeutlicht, dass der Name Immanuel für den Gottessohn und dessen
Bedeutung "Gott ist mit uns" in der Alltäglichkeit erlebbar wird.
Dies gehöre in der Kirche gestärkt, und dafür "brauchen wir die
feministische Theologie", so Lackner.
Corona-Maßnahmen waren adäquat
In einer Zwischenbilanz zur Coronakrise sagte der neue Vorsitzende
der Bischofskonferenz, diese habe auch im Episkopat große
Verunsicherung ausgelöst. Im Austausch mit Fachleuten aus Medizin und
Politik habe man bestmöglich versucht, im eigenen Bereich
Ansteckungen mit dem Virus zu vermeiden und dazu auch einen
Krisenstab eingerichtet, der entsprechende Maßnahmen setzte.
Rückblickend würde er nicht meinen, dass die Bischöfe da viel anders
hätten machen können, sagte Lackner. Dass die Pandemie auch für die
Kirche finanzielle Folgen haben wird, sei absehbar: "Da kommt etwas
auf uns zu." Dennoch wolle man bei Beitragszahlungen Bedürftigen
entgegenkommen.
Für ihn persönlich sei es "erschütternd" gewesen, Gottesdienste im
leeren Dom zu feiern, wo sonst Tausende Platz fänden, erzählte der
Salzburger Erzbischof. Er dankte den Medien, die durch
Liveübertragungen ein Mitfeiern Abwesender ermöglichten und damit
viel Zuspruch erzielten. Ein Gottesdienst im Vollsinn erfordere
freilich physische Präsenz, verwies Lackner auf die
Leibfreundlichkeit des Christentums. Altersheime hätten das Problem
gehabt, eine gute Balance zwischen Sicherheit und menschlichem
Kontakt zu finden; er wisse von einem Fall, wo jemand tragischerweise
einsam gestorben sei, berichtete der Erzbischof. Er sprach sich in
diesem Zusammenhang für die Entwicklung einer "Theologie des
Digitalen" aus.
Schönborn: Tragfähige Haltungen pflegen
Kardinal Schönborn wies in seinem Statement auf Haltungen hin, die
schon zum Gedeihen der Zweiten Republik beigetragen und sich auch nun
in der Corona-Krise als tragfähig erwiesen hätten: Er nannte bewährte
Institutionen wie die österreichische Sozialpartnerschaft und deren
Verdienste beim Finden notwendiger Kompromisse, die Bereitschaft zum
Dialog, ohne andere zu "beschimpfen", und den Blick auf die
Schwächsten der Gesellschaft. Die Folgen der Pandemie erforderten das
Bemühen um sozialen Ausgleich und eine weiterhin gute Zusammenarbeit
zwischen karitativen Teilen der Zivilgesellschaft und den staatlichen
Behörden, betonte Schönborn.
Als eine Lehre aus der Krise bezeichnete er zum einen, dass "maßlose
Globalisierung" auch große Gefahren berge; regionale Versorgung und
Standortpflege habe sich gerade jetzt als notwendig erwiesen. Dies
dürfe aber nicht in eine "Politik der Abschottung" und einen neuen
Nationalismus münden, so Schönborn. Beides - Regionalisierung und
internationale Offenheit - gelte es gut auszutarieren. Als
traditionelles "Brückenland" darf Österreich nach den Worten des
Kardinals auch auf Schutzsuchende und Flüchtlinge nicht vergessen.
Das Land solle seine humanitäre Tradition etwa mit einer Maßnahme
pflegen, die sich schon in der Syrienkrise bewährt habe: Unter
Innenministerin Johanna Mikl-Leitner sei ein humanitärer Korridor für
insgesamt 2.500 syrische Flüchtlinge eingerichtet worden - ein
Modell, das Schönborn vor dem Hintergrund überfüllter Lager an
Europas Grenzen auch heute vorschlug.
Dass in Mariazell - wo die Bischofskonferenz von Montag bis
Donnerstag tagte - Maria nicht nur als "Magna Mater Austriae" verehrt
werde, sondern auch von Ungarn und Slawen als Heiligtum betrachtet
wird, sehe er als schönes Symbol für die völkerverbindende Kraft von
Religion, so der Kardinal abschließend.
((ende)) RME/PWU
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