Irreführender Artikel über die „Asylkoordination Österreich“

Wien (OTS) - Nach Meinung des Senats 1 des Presserats verstoßen der Artikel „Wirbel um Flüchtlingsspiele“, erschienen am 23.01.2020 auf Seite 21 der „Kronen Zeitung“, sowie dessen Online-Version gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse.

Im Artikel wird berichtet, dass Schüler einer Wiener Schule zu „Flüchtlingsspielen“ gezwungen worden seien. In diesen Spielen habe man Kinder wie Flüchtlinge behandelt und mit Bändern gekennzeichnet. Auch hätten sie lange in einem Raum warten müssen, offenbar um Komplexität und Psychoterror durch ein Asylverfahren am eigenen Leib zu erfahren. Dies klinge zwar absurd, ähnliche Workshops gebe es aber wirklich, angeboten würden sie u.a. von der Asylkoordination Österreich. Danach wird berichtet, dass die „Krone“ bei der „Asylkoordination Österreich“ angefragt habe, ob das mit den Eltern abgesprochen sei. Ein im Artikel namentlich genannter Mitarbeiter habe mit „Nein, warum auch?“ und „Wir haben bereits 10.000 Schüler in solchen Workshops gehabt.“ geantwortet.

Die „Asylkoordination Österreich“ wandte sich an den Presserat und führte aus, dass man gegenüber dem Redakteur verneint habe, dass man den im Beitrag erwähnten Workshop durchgeführt habe. Per Telefon habe der Mitarbeiter den Inhalt des eigenen angebotenen Workshops beschrieben. Auf Nachfrage, ob man die Eltern vorab frage, habe der Mitarbeiter „Nein, warum auch?“ geantwortet und erklärt, dass das nicht die Aufgabe des Vereins sondern der Schule sei. Es sei auch gar nicht möglich, die Daten der Eltern zu bekommen. Nach Ansicht der Asylkoordination entstehe in den Beiträgen der falsche Eindruck, dass man den in den Beiträgen beschriebenen Workshop veranstaltet hätte. Zudem wies die Asylkoordination darauf hin, dass Mitarbeiter nach dem Erscheinen des Artikels anonyme Droh-E-Mails erhalten hätten.

Der zuständige Redakteur ersuchte den Presserat zunächst um Fristverlängerung für die Einbringung seiner Stellungnahme. Der Senat kam diesem Ersuchen nach, anschließend nahmen jedoch weder der Redakteur noch die Medieninhaberinnen am Verfahren teil. Ausgangspunkt für den Senat sind somit die Angaben der Asylkoordination.

Zunächst scheint es dem Senat glaubwürdig, dass der Mitarbeiter gegenüber dem Redakteur betonte, dass die Schüler bei den Workshops der Asylkoordination nicht gezwungen werden, daran teilzunehmen. Trotzdem wird im Artikel der Eindruck erweckt, dass auch bei diesen Workshops Zwang ausgeübt werde, u.a. heißt es, dass die Workshops der Asylkoordination dem kritisierten Workshop ähneln. Das negative Bild und die Entrüstung über die erzwungene Teilnahme werden zu Unrecht auf die Workshops der Asylkoordination übertragen.

Des Weiteren geht der Senat davon aus, dass der Mitarbeiter den Redakteur darüber aufklärte, dass man die Eltern schon aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht vorab über die Workshops informieren könne und dies Aufgabe der Schule sei. Nach Ansicht des Senats legt der Artikel jedoch nahe, dass die Eltern vorab von der Asylkoordination zu verständigen seien. Die Anführung des bloßen Zitats „Nein, warum auch?“ vermittelt den Eindruck, die Asylkoordination sei nachlässig bzw. ignoriere etwaige Vorschriften. Die Antwort des Mitarbeiters ist so verkürzt wiedergegeben, dass deren Sinngehalt entstellt wurde; das Zitat wurde anscheinend bewusst aus dem Kontext gerissen.

Im Ergebnis wertet der Senat diese Verzerrungen als Verstoß gegen Punkt 2.1 des Ehrenkodex, wonach Nachrichten gewissenhaft und korrekt dargestellt werden müssen. Auch die von der Asylkoordination geschilderten negativen Reaktionen nach dem Erscheinen des Artikels zeigen, dass die Leserinnen und Leser in die Irre geführt wurden. Schließlich weist der Senat noch darauf hin, dass es gerade beim polarisierenden Thema Flucht und Migration erforderlich gewesen wäre, besonders gewissenhaft und korrekt vorzuzugehen.

Die Medieninhaberinnen der „Kronen Zeitung“ und von „krone.at“ werden aufgefordert, freiwillig über den Ethikverstoß zu berichten.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND EINER MITTEILUNG EINES LESERS

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.

Im vorliegenden Fall führte der Senat 1 des Presserats aufgrund einer Mitteilung eines Lesers ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob eine Veröffentlichung den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberinnen der „Krone Zeitung“ und von „krone.at“ haben von der Möglichkeit, am Verfahren teilzunehmen, keinen Gebrauch gemacht.

Die Medieninhaberin der „Kronen Zeitung“ hat die Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats bisher nicht anerkannt.

Rückfragen & Kontakt:

Tessa Prager, Sprecherin des Senats 1, Tel.: 01/2369984-11

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | OPR0001