- 19.06.2020, 10:45:09
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„Die 90er Jahre“: Teil 5 der „Menschen & Mächte“-Serie „Jahrzehnte in Rot-Weiß-Rot“ am 22. Juni um 20.15 Uhr in ORF 2
Wien (OTS) - Mit der sechsteiligen „Menschen & Mächte“-Serie
„Jahrzehnte in Rot-Weiß-Rot“ zeigt der ORF jeweils Montag um 20.15
Uhr in ORF 2 eine von Andreas Novak konzipierte Zeitgeschichte-Serie
über Österreichs Alltags-, Politik- und Gesellschaftsgeschichte
zwischen 1950 und den 2000er Jahren. Am 22. Juni steht Robert Gokls
Dokumentation über „Die 90er Jahre“ auf dem Programm:
Jugoslawienkrieg, Flüchtlinge, EU-Beitritt, Briefbomben, Lichtermeer,
Asylpolitik, Haider-Aufstieg, Groer-Rücktritt, Globalisierung, DJ
Ötzi und „Anton aus Tirol“, ein Jahrzehnt in Schlagworten, ein
Jahrzehnt der Gegensätze und der Polarisierung. In „Die 90er Jahre“ –
ein Land zwischen der Sehnsucht nach Öffnung und der Angst vor
Veränderung.
„Österreich hat dazu tendiert, Nabelschau zu betreiben!“, meint der
ehemalige EU-Kommissar Franz Fischler. Österreich ist Anfang der 90er
Jahre eines der reichsten Länder der Welt, und viele
Österreicherinnen und Österreicher wollen, dass alles so bleibt, wie
es ist. Gleichzeitig ist nach dem Ende des Eisernen Vorhangs klar,
dass Europa sich grundlegend verändern wird. Schriftsteller Josef
Haslinger: „Die Nachkriegsordnung ist zu Ende gegangen und damit
eigentlich das 20. Jahrhundert.“ Wirtschaftlich profitiert Österreich
von den Veränderungen, von Ostöffnung und EU-Beitritt.
Das Jahrzehnt beginnt mit Krieg im südlichen Nachbarland. „Er war vor
unserer Haustüre, ein Bruderkrieg, das war so, als würden die
Kärntner den Salzburgern den Krieg erklären“, meint der
erfolgreichste Skispringer der 90er Jahre, Andreas Goldberger. Aus
Jugoslawen werden nun Kroaten, Serben, Bosnier, Slowenen, Mazedonier,
Montenegriner und Kosovaren. Die Vertriebenen kommen als Flüchtlinge
nach Österreich. Gleichzeitig vollzieht sich die radikalste Wende in
der Geschichtspolitik Österreichs. In seiner Regierungserklärung von
1991 relativiert Franz Vranitzky die seit 1945 zum Staatsdogma
erhobene Opferthese. 46 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs
gesteht ein Bundeskanzler erstmals die Beteiligung und Mitschuld von
Österreichern an NS-Verbrechen ein. Vranitzky agiert in einer
politischen Doppelrolle: Er ist nicht nur Regierungschef, sondern
auch eine Art Ersatz-Bundespräsident der Republik. Kurt Waldheim ist
international weitgehend isoliert und als Staatsgast nur im
arabischen Raum erwünscht. Auf Kurt Waldheim folgt 1992 Thomas
Klestil, der sein Amtsverständnis recht breit interpretiert und damit
häufig in Konflikt mit Kanzler und Regierung gerät.
Die 90er Jahre sollten die Österreicher zu Europäern machen. Nach dem
Staatsvertrag von 1955 ist der EU-Beitritt die wichtigste
außenpolitische Zäsur in der Geschichte der Zweiten Republik. Die
Volksabstimmung – eine Euphorie, 66 Prozent wollen in die Union.
Heimat heißt nun Weite, europäisch und breiter denken. Doch gerade
die neue Grenzenlosigkeit befördert das Bedürfnis nach neuer
Abgrenzung. Der Jubel ist schnell vorbei. Schon der Zerfall des
Eisernen Vorhangs hatte Ende der 80er Jahre die Grenzen geöffnet,
viele neue Nachbarn aus dem ehemaligen Ostblock kamen ins Land. Der
Fall des Eisernen Vorhangs und der EU-Beitritt sind für die einen
Chance, für die anderen Bedrohung. Gut ausgebildete junge Leute
arbeiten an Selbstverwirklichung und Karriere. Arabella Kiesbauer:
„Ich war die Königin meines kleinen Universums.“
Andere, vor allem ältere und schlechter Ausgebildete, sind mit
wirtschaftlicher Liberalisierung und dem Abwandern ganzer
Industriezweige konfrontiert; mit Lohndumping und McJobs; mit neuen
Technologien wie Computer und Internet – und mit Arbeitsmigranten als
Konkurrenten auf den Jobbörsen und am Wohnungsmarkt. Österreich ist
jetzt Einwanderungsland, die Einwohnerzahl steigt durch
Arbeitsmigration und politisches Asyl um fast eine halbe Million auf
mehr als acht Millionen. Das beförderte die „Fremdenangst“. Die FPÖ
unter Jörg Haider sammelt die Stimmen der Protestwähler und eilt von
Wahlerfolg zu Wahlerfolg.
Die 90er Jahre werden zum Jahrzehnt der Radikalisierung der
politischen Sprache und des politischen Klimas, vor allem in Asyl-
und Migrationsfragen. Der Begriff „Gutmensch“ wird zum politischen
Terminus, Solidarität zu einem Wert, der sich zunehmend mit der
ethnischen Herkunft verknüpft. Lichtermeer kontra
Anti-Ausländer-Volksbegehren. Spaltungsprozesse und
Entsolidarisierung werden auch in ihrer mörderischen Ausprägung
spürbar. Briefbomber Franz Fuchs fasst man erst 1997, vier Jahre
nachdem die ersten Sprengkörper in der ORF-Minderheitenredaktion und
bei Flüchtlingspfarrer August Janisch explodieren. „Die Bombe hat
meine Arbeit im Positiven verändert. Weil ich gewusst habe: Jetzt ist
meine Arbeit noch wichtiger“, so Janisch. Die Anschlagserie forderte
vier Tote und 15 teils Schwerverletzte, darunter Wiens Bürgermeister
Helmut Zilk.
Auch wenn die Arbeit von Caritas und Diakonie große Zustimmung in
Österreich findet, die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen
Kardinal Groer führen zu einer Welle von Kirchenaustritten. Groer
schweigt beharrlich und tritt zurück.
Die Globalisierung ist da, mit dem World Wide Web ist man mit der
Welt verbunden. Milliardenbeträge werden per Mausklick über den
Globus geschoben. Das nennt man Liberalisierung der Märkte. In den
90ern beginnt auch der Angriff der Finanzwirtschaft auf die
Realwirtschaft. Aktienbesitz bedeutet Gewinnmaximierung. Es geht
aufwärts, immer aufwärts. Profit ist geil. Börsencrash – was ist das?
„Und da waren auch die Rettungsschwimmer von Malibu – und die Pamela
Anderson“, erinnert sich der spätere Popstar Christina Stürmer, die
damals noch zur Schule ging. Die 90er sind auch das Jahrzehnt eines
neuen narzisstischen Körpergefühls – mit Ganzkörperrasur, Tattoo,
Piercing, Brustvergrößerung – Männer lernten Parfum zu verwenden, und
Frauen eroberten die letzten Männerbastionen wie das Bundesheer.
Stabswachtmeister Sabrina Grillitsch: „Probleme mit selbstbewussten
Frauen haben nur die Männer, die auch Probleme mit sich selbst
haben.“ Privatfernsehen und Internet ziehen die Grenze zwischen
privat und öffentlich neu: Intimstes wird „geoutet“, Exhibitionismus
ist in, per Webcam, Chat und E-Mail sogar global. Und in der
Spaßkultur des Global Village findet man auch Verwendung für
Versatzstücke aus Tiroler Bergbauerndörfern. Gerry Friedle, der als
DJ Ötzi mit „Anton aus Tirol“ den größten Hit der 90er hatte, meint:
„Dirndl, Tracht – da kommen wir ja her. Und für eine kurze Zeit
flüchten die Leute zurück in das Vertraute.“
Die 90er Jahre bringen die Beschleunigung der Zeit, die stetige
Verkürzung zwischen Ereignis und Informationen. Das Medienzeitalter
ist endgültig angebrochen.
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