Leben mit Corona: Kinder und Jugendliche brauchen Bildungseinrichtungen – in vielerlei Hinsicht!

Wien (OTS) - Während der Zeit der starken Einschränkungen wegen der COVID-19-Pandemie waren von diesen auch und besonders Familien und Kinder betroffen. Kontaktvermeidung im Sinne "körperlicher Distanz" war zur Prävention einer weiteren raschen Virusausbreitung notwendig. Der Begriff "Social Distancing" war dabei irreführend, denn es ging nicht um soziale Isolation, sondern um körperlichen Abstand. Die Unmöglichkeit, Freunde zu treffen, das Fehlen der Schulklassengemeinschaft, der Ausfall von sozialen Freizeitaktivitäten und freiwilligen sozialen Aktivitäten waren die Folge. Das führte zu einer starken Inanspruchnahme sozialer Medien, die Kontakt ohne körperliche Nähe ermöglichen.

Die meisten Kinder haben in den letzten Monaten keine Schule besucht und waren auch im Bildungsbereich auf Homeschooling verwiesen. Eine Benachteiligung von armen und sozial schwachen Gruppen, die weniger Zugang zur digitalen Infrastruktur haben, war die Folge.

Für die psychische und psychosoziale Gesundheit von Kindern ist der regelmäßige Schulbesuch sehr wichtig. Das gilt für Kleinkinder auch für den Kindergartenbesuch, der das Einüben von altersadäquatem und sozial verträglichem Verhalten in sozialen Räumen ermöglicht. Längerer Ausschluss aus diesen Lern- und Erfahrungsräumen schädigt Kinder und Jugendliche in ihrer kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklung und hinterlässt Spuren, die schon jetzt sichtbar sind und sich auch für längere Zeit nach der Aufhebung der Restriktionen zeigen werden.

Beobachtet wurden 4 Reaktionsformen bei Kindern: Wenige, die profitieren, da sie in Ruhe zu Hause ungestörter (z.B. durch Mobbing) arbeiten können. Einige, die weder profitiert haben, noch geschädigt wurden, also es geschafft haben, den Anforderungen flexibel zu begegnen. Einige, die durch den fehlenden Zugang zur digitalen Infrastruktur und fehlender häuslicher Unterstützung bildungsmäßig zurückfallen, und einige, die sich zuhause in hochpathologischen familiären Strukturen gefangen finden und die sichere Schulumgebung schmerzlich vermissen.

Länger dauernde Schulschließungen verstärken soziale Ungleichheiten und benachteiligen besonders jene, die ohnehin schon benachteiligt sind, insbesondere auch psychisch kranke Kinder und solche mit Behinderungen.

Länger dauernde Schließungen von stationären und ambulanten Einrichtungen im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie (Spezialbereiche) und von niedergelassenen Praxen im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie führen zu einer weiteren Unterversorgung. Die Folgen sind chronische Verläufe und eine Verschlimmerung des Zustandes akut erkrankter Minderjähriger, sowie eine Zunahme akuter Krisensituationen. Der verstärkte Einsatz neuer Medien ist hier sehr hilfreich, kann aber nicht alle persönlichen Kontakte in ihrer Ganzheit ersetzen.

Die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (ÖGKJP) spricht sich dafür aus, dass sowohl Schulen/Kinderbetreuungseinrichtungen, als auch medizinische/therapeutische Einrichtungen unter Einhaltung der vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen in allen Regionen des Landes umgehend zu einem Vollbetrieb hochgefahren werden, um weiteren schweren Schaden an den Kindern und Familien abzuwenden. "Körperliche Distanzierung" bei gleichzeitiger "sozialer und emotionaler Verbundenheit" sind hier ein Ziel, damit Nebenwirkungen der Krise minimiert werden.

Für die ÖGKJP

Verweis: Obige Stellungnahme schließt sich im Wesentlichen an folgendes Paper der European Society for Child and Adolescent Psychiatry (ESCAP) an: Clemens V, et al. ECAP 2020 (23.5.2020) Doi: 10.1007/s00787-020-01549-w

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