- 05.06.2020, 08:53:58
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„Die 70er Jahre“: Teil 3 der „Menschen & Mächte“-Serie „Jahrzehnte in Rot-Weiß-Rot“ am 8. Juni um 20.15 Uhr in ORF 2
Wien (OTS) - Mit der sechsteiligen „Menschen & Mächte“-Serie
„Jahrzehnte in Rot-Weiß-Rot“ zeigt der ORF seit 18. Mai 2020 jeweils
Montag um 20.15 Uhr in ORF 2 eine von Andreas Novak konzipierte
Zeitgeschichte-Serie über Österreichs Alltags-, Politik- und
Gesellschaftsgeschichte zwischen 1950 und den 2000er Jahren. Am 8.
Juni steht Peter Liskas Dokumentation über „Die 70er Jahre“ auf dem
Programm:
Die 70er – ein Jahrzehnt prägend und unvergesslich für mehrere
Generationen. Jahre des Aufbruchs, des Fortschritts, der
Vollbeschäftigung, eine Zeit unglaublicher sportlicher Erfolge. „Eine
Insel der Glückseligen“, meint der Papst in Rom. Goldene Jahre – mit
vielen Schattenseiten.
Am Anfang des Jahrzehnts geschieht etwas, das bis dahin für viele
unvorstellbar war. Ein Sozialist wird Bundeskanzler. Ein
Intellektueller, ein Emigrant, ein Jude, ein überzeugter
Österreicher. Ein Mann mit politischen Visionen, dessen Name das
ganze Jahrzehnt prägen wird. Einer, der mit den Medien spielt, sie
für sich nutzt, wie das zuvor noch keiner tat. Einer, der das kleine
Österreich zurück auf die Weltbühne holen will, dem Schulden lieber
sind als Arbeitslose. Dreimal gewinnt er die absolute Mehrheit,
bildet Alleinregierungen, lässt Oppositionsführer verzweifeln. Sein
Name ist untrennbar mit den Wohlstandsjahren verbunden. „Bruno
Kreisky, wer sonst“, so lautet der Slogan der Sozialisten, die
„Freundschaft“ rufen, wenn sie die Genossen begrüßen. Probleme
tauchen auf, die uns bis heute beschäftigen – und dennoch kaum im
Gedächtnis geblieben sind. Zu sehr wird diese Zeit mit Kreiskys
Namen, seinem Reformwillen und seinem staatsmännischen Auftreten in
Verbindung gebracht.
Die Dokumentation spannt den Bogen vom Personenkult um den
„Sonnenkönig“ Bruno Kreisky über die Konsumgesellschaft, den
gestärkten Nationalstolz bis zu den Konflikten dieses Jahrzehnts. Im
Mittelpunkt steht die kritische Auseinandersetzung mit der heilen,
harmonischen Welt. Die Welt wird schneller, moderner, neue Technik
überall. Verlockungen, wohin man schaut, eine Wohlstandswelt, in die
nun auch jene Gesellschaftsschichten eintauchen, die bis dahin kaum
Chancen hatten, sich ein Stück vom Glück anzueignen. Doch das hat
auch seine Nachteile. Frauen arbeiten im Akkord. Kinder müssen sich
auf Betonspielplätzen austoben. Radfahren, Fußballspielen – verboten.
Zu gefährlich, zu laut. Die Müllberge wachsen rasant,
pflegebedürftige Menschen werden häufig in Altersheime „abgeschoben“.
Auch das ist die neue, schöne, moderne Zeit.
Auto, Urlaub, Stereoanlage, Telefonanschluss, Fernseher – für
jedermann. Das „Kastl“ bzw. der ORF prägen ein Jahrzehnt. Sportidole
werden zu Nationalhelden, vereinen Herrn und Frau Österreicher auf
der Sporttribüne, die Wohnzimmer heißt. Es wird mitgefiebert,
mitgefeiert, mitgetrauert – mit Annemarie Moser-Pröll, Karl Schranz,
Franz Klammer, Hans Krankl, Jochen Rindt, Niki Lauda. Stolz sind die
meisten Österreicher/innen auf vieles. Die 42-Stunden-Woche, die
Vollbeschäftigung, den starken Schilling, vier Wochen Mindesturlaub,
Gratisschulbücher, den freien Universitätszugang. Auf den längsten
Straßentunnel und auf die erste U-Bahn.
Und die Demokratie macht's möglich. Dagegen sein. Protestieren,
demonstrieren, agitieren. Erstmals regt sich Widerstand gegen
Kraftwerke, gegen Naturverschandelung, Bauprojekte. In Molln gehen
die erbosten Bewohner/innen auf die Straße, sie wollen keinen
Staudamm in ihrer Ortschaft, in Wien muckt die Jugend auf, besetzt
alte Fabriken, fordert Autonomie, Jugendzentren, Freiheit. Selbst
Kreisky unterschätzt Ende der 70er Jahre den Protest gegen
Entscheidungsträger. Das Atomkraftwerk Zwentendorf wird zum Symbol.
Am Ende des Jahrzehnts ist Kreisky am Höhepunkt seiner Macht. Kein
Politiker der Zweiten Republik – weder davor noch danach – hat je so
viel Zuspruch erfahren. Und dennoch neigt sich die Ära dem Ende zu.
Die 80er werden politische Veränderungen bringen, deren Auswirkungen
wir bis heute spüren.
Peter Liskas Dokumentation lebt von der Bilderflut des ORF-Archivs.
Monatelang hat er Material gesichtet und ausgewählt. Mit akribischer
Neugierde erweitern die ORF-Kameras den Blick für die
gesellschaftliche Vielfalt, dokumentieren erstmals das bisher völlig
unbeachtet gebliebene Leben in gesellschaftlichen Nischen und
Randgruppen. Zu Wort kommen Elizabeth T. Spira, Lukas Resetarits,
Franz Klammer, Annemarie Moser-Pröll, Hans Krankl, Josef Taus,
Norbert Steger, Karl Blecha, Peter Rabl, Peter Michael Lingens u. v.
a. Roland Düringer liest aus Volksschulheften, damit vermittelt
Regisseur Peter Liska, was den Kindern der 70er Jahre an Werten und
Idealen beigebracht wurde – mit der Realität und dem
gesellschaftlichen Umbruch hatte das wenig zu tun. „Die Insel der
Seligen“ – ein analytisches Panoptikum der 70er Jahre in Wort und
Bild.
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