„Die Geheimnisse der Akten“: Neue „kreuz und quer“-Doku im vatikanischen Archiv auf Spurensuche zu Papst Pius XII.

Am 26. Mai um 22.35 Uhr in ORF 2, danach spannt „Hitlers Jünger und Gottes Hirten“ einen Bogen vom Frühjahr 1938 bis in die Nachkriegszeit

Wien (OTS) - Anfang März 2020 hat der Vatikan die geheimen Archive aus der Zeit Papst Pius XII. für Historiker/innen und Wissenschafter/innen geöffnet. Jetzt ist es möglich, auf eine Persönlichkeit zu blicken, die während der dunkelsten Periode des 20. Jahrhunderts Oberhaupt der katholischen Kirche war. Mit zum Teil unveröffentlichtem Archivmaterial sowie Neuaufnahmen aus dem Vatikan befasst sich die neue „kreuz und quer“-Dokumentation „Die Geheimnisse der Akten – Der Vatikan öffnet seine Archive“ am Dienstag, dem 26. Mai 2020, um 22.35 Uhr in ORF 2 mit Eugenio Pacelli, so sein bürgerlicher Name, einem der kontroversesten Protagonisten der jüngeren Kirchengeschichte. Der Film von Lucio Mollica und Luigi Maria Perotti entstand als Koproduktion von BR, MDR und ORF.

Um 23.20 Uhr spannt Eva Maria Kaiser in ihrer Dokumentation „Hitlers Jünger und Gottes Hirten“ einen Bogen vom Frühjahr 1938 bis in die Nachkriegszeit und zeigt anhand einzelner Schicksale die große Bandbreite, innerhalb der die Kirche auf den NS-Terror reagierte und den Weg in die Nachkriegszeit beschritt.

„Die Geheimnisse der Akten – Der Vatikan öffnet seine Archive“ – Ein Film von Lucio Mollica und Luigi Maria Perotti

Als Botschafter des Heiligen Stuhls in Deutschland und als Kardinalstaatssekretär des Vatikans beobachtete Eugenio Pacelli Hitlers Aufstieg zur Macht. Im Jahr 1939 begann seine Amtszeit als Papst Pius XII. Alsbald wurde er mit der Vernichtung der Juden, der Deportation von Minderheiten und Oppositionellen im „Dritten Reich“ konfrontiert. Bis heute ist nicht zuverlässig geklärt, welche Rolle Pius XII. in dieser Zeit gespielt hat. Vielfach wird behauptet, er wäre ein Zögerer und Zauderer gewesen, der vor der Verantwortung vor allem gegenüber bedrängten Jüdinnen und Juden zurückgewichen ist.

Die Öffnung der Vatikanarchive soll Licht in dieses Dunkel bringen. Renommierte Kirchenhistoriker/innen sind der Meinung, dass der Pontifex durch sein bedachtsames Auftreten bewusst vor der Weltöffentlichkeit kaschierte, dass er viele Menschenleben während der NS-Zeit rettete, in Rom und anderswo. Schon jetzt sprechen Tausende von Dokumenten, darunter Briefe, Tagebücher und Berichte von noch lebenden Zeitzeugen für diese Interpretation. Ist er seiner Verantwortung als Papst gerecht geworden? Die Arbeit der Wissenschafter/innen in den nun geöffneten Archiven, die gerade erst begonnen hat, könnte weitere Gewissheit bringen. Die Entdeckung bisher unbekannter Akten hat bereits jetzt neue Erkenntnisse gebracht. Sie lassen vorläufige Deutungen zu, die im Film vorgestellt werden.

„Hitlers Jünger und Gottes Hirten“ – Ein Film von Eva Maria Kaiser

Die katholischen Bischöfe Österreichs hatten den Nationalsozialismus zunächst abgelehnt und in Hirtenworten bekämpft, nach dem Einmarsch der deutschen Truppen beugten sie sich jedoch der Macht des Faktischen. Mit ihrem „Ja“ zur Volksabstimmung am 10. April 1938 segneten die Bischöfe den „Anschluss“ Österreichs an Deutschland ab, während die ersten Priester und Laien bereits in Konzentrationslagern gefangen waren. Auch wenn die Kirche in der Folge heftig unter dem Terror durch das NS-Regime zu leiden hatte: Bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit machten sich die Bischöfe für ehemalige Nationalsozialisten stark.

Peter Matić und Martin Schwab rezitieren aus Dokumenten der österreichischen Kirchenarchive. Im bemerkenswerten Ambiente der Zacherlfabrik, einer historischen Fabrikshalle in Wien, kommen unterschiedlichste Protagonisten zu Wort. Kriegsverbrecher und Opportunisten, ehemalige KZ-Priester und Bischöfe – ihnen allen leihen Matić und Schwab ihre Stimme und lassen so deren Sicht der Dinge lebendig werden:

Der Lagerarzt des KZ Loibl, Sigbert Ramsauer, wurde 1947 von einem britischen Militärgericht wegen Tötung von Häftlingen zu lebenslanger Haft verurteilt. Während die Diözese Gurk eine Intervention für seine Begnadigung zunächst ablehnte, fand Ramsauer später in der Erzdiözese Salzburg ein offenes Ohr. Der ehemalige KZ-Priester Franz Mayr traf nach seiner Rückkehr aus Dachau in der Pfarre auf seine früheren Denunzianten. Diese konnten sich rasch in die Nachkriegsgesellschaft integrieren, der Pfarrer hingegen zerbrach an den Folgen von Haft und Kränkung. Beinahe skurril mutet das Schicksal von Johannes Hollnsteiner an: Der Augustiner Chorherr, Geliebter von Alma Mahler und Beichtvater von Bundeskanzler Kurt Schuschnigg, war als einer von wenigen Menschen sowohl in einem KZ der Nazis als auch in einem Internierungslager der Alliierten inhaftiert. Dabei legte gerade er eine große Wendigkeit an den Tag, wenn es galt, sich neuen Zeitumständen anzupassen.

Und die Bischöfe? Sie sprachen nach dem Krieg einer unbedingten „Befriedung“ der Gesellschaft das Wort. Ehemalige Nationalsozialisten wurden mit offenen Armen wieder in die Kirche aufgenommen, ehemaligen KZ-Priestern blieb lange Zeit eine kirchliche Ehrung verwehrt. Versöhnungsbereitschaft ist eine Grundbotschaft des Christentums. Doch darf sie auf dem Rücken der Opfer stattfinden? Eva Maria Kaiser zeichnet ein differenziertes Bild der österreichischen Nachkriegsgesellschaft und geht den kirchen- und gesellschaftspolitischen Motiven der katholischen Bischöfe in ihrem Umgang mit Nazis und Ex-Nazis auf den Grund.

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