Die Rolle der Medien in der Coronakrise

Wien (OTS) - Zeit: Freitag, 17. April 2020, 9.30 Uhr / Ort: Concordia Cloud

Gallup erhebt die Haltung der Österreicher zu Relevanz von Journalismus und Medien – ORF und Zeitungen in der Verwendung an der Spitze - Nutzung von Social Media für Corona-Information rückläufig - Zahlungsbereitschaft für digitale Inhalte – Presseförderung: kein guter Job in eigener Sache

Informationsstand und -verhalten der österreichischen Bevölkerung

Die Bevölkerung fühlt sich über Covid-19 noch besser informiert (83 Prozent sehr gut/gut informiert) als vor drei Wochen, wenngleich dieser Wert Mitte März bereits hoch war (77 Prozent). Meinungsforscherin und Gallup-Geschäftsführerin Dr. Andrea Fronaschütz: „Die Medien erfüllen in den Augen der österreichischen Bevölkerung ihre Informationsaufgabe umfassend.“ Dementsprechend wenden die Österreicher mittlerweile weniger Zeit auf, um sich über COVID-19 auf den letzten Stand zu bringen. Waren es in den ersten Tagen des Shutdowns noch mehr als die Hälfte (53 Prozent), die zwei Stunden und mehr damit zubrachten, so waren es in den Tagen vor Ostern nur mehr 30 Prozent der Befragten. Fronaschütz: „Die vielen Stunden, die man sich mit dem Thema befasst hat, haben offenbar genützt: insbesondere bei den jüngeren Gruppen scheint der Informationsbedarf weitestgehend erfüllt zu sein. Man hat nicht mehr den Eindruck, permanent am Informationstropf hängen zu müssen, es stellt sich Routine ein.“

Wie hat sich das Image der Medien in den letzten drei Wochen entwickelt und wie verändert die Coronakrise den Stellenwert von Journalismus in der Gesellschaft?

Die Relevanz des Journalismus wird ungebrochen hoch eingeschätzt, sowohl auf der persönlichen Ebene mit 73 Prozent als auch für die Gesellschaft mit 77 Prozent der Befragten. Ein nur kleiner Anteil (8 Prozent) steht den Journalisten prinzipiell negativ gegenüber, 26 Prozent positiv - die überzeugteste Anhängerschaft haben sie bei den Grün- (38 Prozent) - und NEOS-Wählern (37 Prozent). Die Zustimmung zur Feststellung, dass die Medien geholfen haben, die Gefahren zu erkennen und die Krise einzudämmen, steigt von einem Viertel der Befragten Mitte März auf 31 Prozent am 7./8. April.

„Journalisten haben eine einmalige Chance, ihren Berufsstand in den Augen aller als sinnvolle Tätigkeit im Dienst der Gesellschaft konkret unter Beweis zu stellen. Es gibt derzeit niemanden, der auf zuverlässige Information verzichten könnte.“ resümiert die Meinungsforscherin.

Die Nutzer der unterschiedlichen Medien wissen sehr wohl die Glaubwürdigkeit und die Nützlichkeit der Inhalte zu bewerten, ebenso den Beitrag zum Gemeinwohl. „Die Nutzerbindung steht in einem direkten Zusammenhang mit diesen Kriterien und weist eine weite Spreizung auf: sehr hohe Werte bei ORF und Servus TV, ebenso beim Regionalradio und Ö1. Bei den Zeitungen erreichen ebenfalls die Qualitätszeitungen hohe Werte, die Gratistitel liegen hingegen auf einem Niveau mit Social Media Plattformen.“ so Fronaschütz.

Befürchten die Österreicher nachhaltige Beschränkungen der Presse- und Meinungsfreiheit?

Genau die Hälfte der Befragten verneinen diese Frage, etwas weniger, 45 Prozent, haben hingegen diese Befürchtung. „Gleichzeitig zeigt der hohe Anteil jener, die zugeben, keine Meinung zu haben, dass eine gewisse Unsicherheit in der Einschätzung mitschwingt, insbesondere bei den Jüngeren. Dass die Wähler der beiden Regierungsparteien mehr Vertrauen haben, liegt in der Natur der Sache, aber dass die Wähler der NEOS mit 75 Prozent das höchste Vertrauen in die zukünftige Presse- und Meinungsfreiheit haben, kann man auch bei niedrigen Fallzahlen als Grundvertrauen in die demokratischen Strukturen werten“ sagt Fronaschütz.

Welchen Quellen und Medien vertraut die Bevölkerung primär - Radio, Fernsehen und Zeitungen oder eher Sozialen Medien und dem Internet?

„Das Vertrauen der Bevölkerung in die eingeführten, vertrauenswürdigen Medientitel verfestigt sich weiter, die Österreicher wissen, wo sie in der Krise zuverlässige Informationen finden. Alle abgefragten Printtitel weisen Zuwächse aus, diese kommen in erster Linie aus der digitalen Nutzung.

Der Digitalisierungstrend setzt sich auch beim Fernsehen fort: bei sämtlichen TV Sendern war der Anteil der online Nutzung höher als vor drei Wochen.“ fasst Fronaschütz die Entwicklung der drei Wochen zusammen.

Die Bedeutung der Zeitungstitel für die Informationsbeschaffung in der Krise hat noch weiter zugelegt (von 54 auf 64 Prozent der Befragten), im Gegenzug verzeichnen Social Media (von 41 auf 28 Prozent) und Online Newsportale (von 27 auf 17 Prozent) den deutlichsten Rückgang in der Nutzung. Der ORF bleibt auf hohem Niveau die am meisten genannte Nachrichtenquelle der Österreicher.

Die Zahlungsbereitschaft für digitale Inhalte steigt – außer beim ORF.

Die Nutzer sind, je nach Titel, in unterschiedlichem Ausmaß bereit, für Online-Angebote ihres Nachrichtenmediums auch zu bezahlen: am deutlichsten die Verwender des Standard, hier antworten 36 Prozent mit „Ja“ / „eher ja“, weitere 20 Prozent mit Vielleicht, fast gleichauf als Regionalmedium die Salzburger Nachrichten mit 35 Prozent. Am Ende dieser Liste steht Heute mit 11 Prozent „Eher Ja“, und 12 Prozent „Vielleicht“.

Befragt nach der Akzeptanz der GIS Gebühr, finden 34 Prozent diese in Ordnung, 56 Prozent würden sie lieber abschaffen. Die vehementesten Gegner der Gebühr finden sich unter den FPÖ Anhängern und jenen, die meinen, dass eine fremde Macht hinter der Coronakrise stecke (das sind immerhin stabile 26 Prozent der Bevölkerung mit einem Schwerpunkt in den jüngeren Gruppen). Noch weniger möchte man für ORF Onlinedienste bezahlen: 65 Prozent lehnen das ab. „Die Verschwörungstheoretiker konzedieren dem ORF zwar weniger Glaubwürdigkeit und zeigen geringe Akzeptanz für Gebühren, das hält sie aber nicht davon ab, ihn intensiv zu nutzen“, kommentiert Fronaschütz.

Wie schätzen die Österreicher die neue Medien-Sonderförderung ein und nach welchen Kriterien soll sie verteilt werden?

Grundsätzlich scheint es betreffend dieser Regelung Unsicherheit zu geben, wie man sie einordnen soll, es handelt sich bis zu einem gewissen Grad um ein Spezialistenthema: 39 Prozent haben keine Meinung dazu. Fast ebenso viele (38 Prozent) unterstützen grundsätzlich die Idee einer Sonderförderung für Medien wegen wirtschaftlicher Beeinträchtigung, 23 Prozent lehnen sie ab. „Bedenklich wirkt, dass die Profession in eigener Sache keinen guten Job in der Kommunikation macht, die Österreicher konnten sich keine eindeutige Meinung bilden. Angesichts der Bedeutung von Berichterstattung und von Journalismus würde man sich breitere Unterstützung erwarten. Die Daten weisen auf mangelnde Information hin.“ Was die Kriterien anbelangt, haben die Befragten aber eine eindeutige Haltung: 43 Prozent meinen, die Förderung sollte sich an der Qualität orientieren, 17 Prozent an den Regeln der guten journalistischen Praxis, nur 11 Prozent betrachten Größe und Reichweite als das geeignete Kriterium. „Die Österreicher wünschen sich eine Verteilung nach Qualität. Dazu gibt es auch Konsens weitestgehend durch alle politischen Orientierungen der Befragten, das ist die Ausnahme und daher bemerkenswert.“ Auf die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Unterstützung aus Steuermitteln werden die Qualitätszeitungen als förderwürdig erachtet, Gratismedien bilden das Schlusslicht einer 20 Medien umfassenden Liste.

Gibt es den Wunsch nach mehr Medienkompetenz? Und wie soll diese vermittelt werden?

Knapp drei Viertel (72 Prozent) der Befragten wünschen sich, mehr darüber zu erfahren, wie sie die Glaubwürdigkeit von Nachrichten besser einschätzen können. Mehr als die Hälfte dieser Personen sehen dafür die Medien selbst (55 Prozent) und die Bundesregierung (53 Prozent) in der Pflicht, vor allem die jüngste Gruppe. Die Älteren wünschen sich diese Vermittlung eher von unabhängigen Institutionen. Die Meinungsforscherin: „Schon diese Verteilung zeigt, wie wichtig die Vermittlung von Medienkompetenz bei den derzeit jungen und somit künftigen Mediennutzern ist. Wer morgen mündige Leser bzw. Hörer und Seher als Wähler möchte, ist gut beraten, diese Kompetenzen im Lehrplan zu verankern.“ Knapp drei Viertel der Befragten würden ein Gütesiegel begrüßen, welches die Vertrauenswürdigkeit von Nachrichtenmedien bestätigt. Fronaschütz: „Die Gütesiegel haben wir gelernt, das vereinfacht den Alltag und lagert einen Teil des Nachdenkens aus, verschafft gutes Gewissen mit gleichzeitiger Aufwandsminimierung.“

* Bevölkerungsrepräsentative Umfrage des Österreichischen Gallup Instituts (Methode: Computer Assisted Web Interviewing im Gallup Onlinepanel, rep. für die webaktive Bevölkerung 16+, durchgeführt vom 7. bis 8. April 2020, 1.000 Befragte)

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Dr. Mag. Andrea Fronaschütz
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Tel. +43 1 470 47 24 – 13
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