GLOBAL 2000: Keine Betriebserlaubnis für Mochovce 3

Essentielle Anlagen des Reaktors nicht einsatzbereit und getestet – unklar ob Reparaturen machbar - während der Corona-Krise unmöglich

Wien (OTS) - Die slowakische Atomaufsicht veröffentlichte Anfang März 2020 drei Dokumente zum Inbetriebnahme-Verfahren des slowakischen Atom-Projekts Mochovce 3, darunter der „Entwurf für die Betriebsgenehmigung“. Diese Woche endete die Stellungnahme-Frist. Die österreichische Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000 nimmt zu den völlig unbrauchbaren Dokumenten Stellung und kritisiert insbesondere, dass zentrale Anlagenteile des Reaktors noch gar nicht getestet werden konnten – da sie schlicht weiterhin kaputt sind. „Neben schwerer baulicher Mängel des sowjetischen Reaktortyps aus den 1970er-Jahren wurde auch die Flugzeugabsturzsicherheit – anders als in den Auflagen der Umweltverträglichkeitsprüfung verlangt – nicht einmal ausreichend dargestellt, geschweige denn verbessert“, erklärt Reinhard Uhrig, Atomsprecher von GLOBAL 2000.

Zerstörte Anlagen – Lückenhafter Genehmigungstext
Wie aus einem GLOBAL 2000 anonym zugespielten Insider-Dokument hervorgeht, wurden im Herbst 2019 bei Pumpentests die Stahlbeton-Einbauten der Kühltürme Nummer 5 und 6 zerstört, die die Kühlung für den geplanten Atomreaktor 3 aufrecht erhalten sollen: Vier riesige Verteilerkanäle mit Ausmaßen von 2 Meter auf 1,2 Meter wurden bei den Tests zerstört, die Eisen-Auskleidung war nicht ausreichend in Beton eingeschlossen und konnte dem Druck der 600.000 Liter Kühlwasser pro Minute nicht standhalten. Nach Einschätzung von am Bau beteiligten Experten wird die Reparatur noch mehrere Monate dauern – umso überraschender ist, dass diese Anlagen sich im Entwurf der Betriebserlaubnis wiederfinden – und dass für die Betriebserlaubnis vorgeschriebene Tests nachgereicht werden sollen („Program not competled, will be completed after the repair of cooling towers“). Zahlreiche andere Fälle von essentiellen, unfertigen und ungetesteten Anlagenteilen finden sich im Vorschlag für die Betriebsgenehmigung.

„Es ist natürlich eine Farce, zur Begutachtung einer Betriebserlaubnis einen Lücken-Text mit roten Textbausteinen vorzulegen, die dann nach und nach – je nach Gelingen der Reparaturen – nachträglich ergänzt werden sollen“, sagt Uhrig. „Es ist aus heutiger Sicht noch nicht einmal abschätzbar, wie bzw. ob einige dieser Anlagenteile überhaupt repariert werden können und welche Auswirkungen dies wieder auf andere Teile der bereits 35 Jahre alten, laufend umgebauten Anlage haben würde.“

Bekannte Probleme nicht gelöst: Flugzeug als Waffe
Mehrere Auflagen der Umweltverträglichkeitsprüfung, deren „Erfüllung“ in einem weiteren Dokument vorgelegt wurde, sind offenkundig nicht erfüllt: Insbesondere zum für das sowjetische Reaktorkonzept WWER 440/213 kritische Szenario eines unbeabsichtigten oder geplanten Absturz eines großen Verkehrs- oder Frachtflugzeugs wird nur angemerkt, dass Simulationen zu kleinen (Sport-)Flugzeugen gemacht wurden, diese Daten aber aufgrund ihrer Sicherheitsrelevanz klassifiziert seien. „Anders als in allen anderen EU-Ländern, inklusive des Nachbarlandes Tschechische Republik, wo neue Atomreaktoren sehr wohl dem realistischen Szenario eines Absturzes einer großen Maschine standhalten müssen, wird hier offensichtlich aufgrund der nicht nachrüstbaren Ausgangslage des Uralt-Reaktors von der Atomaufsicht ein großzügiges Auge zugedrückt – dies ist im 21. Jahrhundert mit den seit 9/11 bekannten Risiko-Szenarien natürlich inakzeptabel“, sagt Uhrig.

Auswirkungen der Corona-Krise auf Mochovce
Tschechische Medien berichteten vor kurzem, dass Fachkräfte des Atomanlagen-Zulieferers SAG aus Brünn aufgrund der derzeitigen Reisebeschränkungen die Fertigstellung der Arbeiten in Mochovce nicht überwachen können. Arbeiter der Baustelle wandten sich an Lokalmedien mit der Sorge, dass in den dichten Warteschlangen vor den Zutritts-Kontrollen des AKW und auch bei der Temperaturmessung in der Schleuse kein Abstandhalten möglich sei und die hygienischen Bedingungen eine Ausbreitung des Virus jederzeit möglich machen würden. Wie unter diesen Umständen die finale Reparatur essentieller Anlagenteile und die endgültigen Tests vor Betriebsbeginn des ersten Atomreaktors in Europa seit 2008 gelingen sollen, ist völlig unklar. „Das einzig seriöse Vorgehen für die slowakische Atomaufsicht ist jetzt, das Inbetriebnahme-Verfahren für Mochovce 3 auszusetzen und keine Betriebserlaubnis zu erteilen, da die essentiellen Anlagen überhaupt nicht einsatzbereit und getestet sind – und das während der Corona-Krise auch unmöglich ist“, betont Uhrig. „Wir rufen die zuständige österreichische Bundesministerin Leonore Gewessler auf, sich in diesem Sinne bei ihrem slowakischen Kollegen Richard Sulík und der Europäischen Gruppe der Regulierungsbehörden für nukleare Sicherheit ENSREG einzusetzen.“

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Mag.a Lydia Matzka-Saboi, GLOBAL 2000 Pressesprecherin, 0699 14 2000 26, lydia.matzka@global2000.at
Dr. Reinhard Uhrig, GLOBAL 2000 Atomsprecher, 0699 14 2000 18, reinhard.uhrig@global2000.at

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