Appell von Professor*Innen: Für ein solidarisches Neutrales Semester an den österreichischen Hochschulen

Offener Brief an Bundesminister Heinz Faßmann, Bildungs- und Wissenschaftssprecher*Innen und Rektor*Innen von Hochschulen

Wien (OTS) - Über 100 Professor*innen richten in einem offenen Brief einen Appell an Bundesminister Univ.-Prof. Dr. Heinz Faßmann, die Bildungs- und Wissenschaftssprecher*innen im österreichischen Nationalrat und die Rektor*innen der österreichischen Hochschulen.

Unterzeichnet haben unter anderen Brigitte Aulenbacher und Ernst Langthaler von der Uni Linz, Anke Strüver und Ulrich Ermann von der Uni Graz, Alice Pechriggl und Daniel Barben von der Uni Klagenfurt, Elisabeth Klaus, Reinhard Heinisch und Christan Zeller von der Uni Salzburg, Ulrike Guérot von der Donau Universität Krems, Christoph Görg und Helmut Haberl von der Universität für Bodenkultur, Ruth Simsa und Ingolfur Blühdorn von der Wirtschaftsuniversität Wien, Ruth Sonderegger von der Akademie der bildenden Künste, Michael Getzner und Simon Güntner von der TU Wien, Andrea Griesebner, Barbara Prainsack, Gerhard Herndl, Oliver Rathkolb und Jörg Flecker von der Uni Wien.

Seit einigen Wochen arbeiten Menschen in unterschiedlichen Bereichen daran, die negativen gesundheitlichen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Folgen der Coronavirus-Pandemie möglichst gering zu halten. Das ist auch an den österreichischen Hochschulen der Fall. Lehre und Forschung sowie die Aufrechterhaltung des alltäglichen Betriebs werden mit hohem persönlichem Einsatz gewährleistet.

Der Koordinator der Initiative, Univ.-Prof. Dr. Ulrich Brand vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien, hat gemeinsam mit über 30 Kolleg*innen den Aufruf in den letzten Tagen erarbeitet.

„Wir begrüßen, dass Bundesminister Univ.-Prof. Dr. Heinz Faßmann am 26. März im Hinblick auf die Covid-19-Krise von einem möglichen „Neutralen Semester“ für Studierende, die freiwilligen Corona-Sonderzivildienst leisten, gesprochen hat.“ Dafür stellt er curriculare Anerkennungen in Aussicht, Studiengebühren sollen ausgesetzt und im Hinblick auf die Familien- und Studienbeihilfen ein zusätzliches Toleranzsemester gewährt werden.

Diese Idee sollte auf ein Neutrales Semester auf alle betroffenen Studierende, Lehrende und Forschende ausgeweitet und möglichst solidarisch umgesetzt werden.

In dem Aufruf heißt es: „Aktuell ergeben sich insbesondere für viele Studierende große Probleme im Alltag: Unsicher gewordene Erwerbsarbeit, erhöhte Sorge-Verpflichtungen etwa durch die Schließung der Kindergärten und Schulen oder den Wegfall der Kinderbetreuung durch Eltern und Großeltern, erschwerte Studienbedingungen zu Hause, unzureichende technische Ausrüstung für Online-Learning und Bibliothekszugänge, mögliche Probleme für Studierende mit Visum und Aufenthaltsbeschränkungen, außergewöhnlich intensive Arbeit der Studierenden im Pflege- und Gesundheitsversorgungsbereich, mögliche Erkrankungen.

Analoges gilt für Lehrende. Besonders schwierig ist die Situation für Kolleg*innen mit Lehraufträgen, auf befristeten Verträgen und für in Teilzeit beschäftigte Forscher*innen. Von ihnen wird in der Zeit der Umstellung ein besonderes Engagement verlangt, ohne dass hierfür irgendeine Form von Sicherheit geboten würde. Weiters sind viele von ihnen zusätzlich zu ihren Tätigkeiten an den Hochschulen freiberuflich oder in außeruniversitären Projekten tätig, die durch die aktuelle Krise wegbrechen.“

Ulrich Brand betont, dass die Professor*innen mit Festanstellungen sich ihrer privilegierten Stellung im Hochschulbetrieb bewusst sind. „Wir wissen auch um unsere Verantwortung in der aktuellen Situation. Insbesondere sehen wir in dieser schwierigen Zeit unsere Verantwortung für die Studierenden und prekär Beschäftigten an den Hochschulen.“

Weiter heißt es in dem Aufruf: „Die Studierenden haben bereits Studienleistungen erbracht, Abschlussarbeiten werden geschrieben. Dafür setzen wir uns weiter ein. Doch die erschwerten Bedingungen lassen es sinnvoll erscheinen, dass von den Studierenden Druck genommen wird, um den jeweiligen Umständen entsprechend möglichst gut studieren zu können. Zudem sollen ihnen und den prekär an den Hochschulen Beschäftigten aus der aktuellen Situation heraus keine zusätzlichen Nachteile entstehen.“

Die Unterstützer*innen der Petition appellieren an die politischen Entscheidungsträger*innen in der Regierung und an den Hochschulen, ein solidarisches Neutrales Semester zu ermöglichen und dabei folgende Vorschläge zu beachten und umzusetzen.

Dazu unterbreiten sie 15 Vorschläge. Unter anderen:

  • Die Lehre soll weiterhin abgehalten werden, und für Studierende, die in der Lage sind, die notwendigen Leistungen in diesem Semester zu erbringen, sollte dies auch möglich sein.
  • Dieses Semester soll für alle Studierende nicht auf die Studiendauer angerechnet werden. Das bedeutet, dass der für Ansprüche (auf Studienbeihilfe, Aufenthaltstitel, etc.) relevante Zeitlauf vorerst um dieses eine Semester unterbrochen wird. Darüber hinaus unterstützen wir den Vorschlag der Österreichischen Hochschulschüler_innenschaft vom 23. März, den Studierenden die aktuell dringend benötigte Sicherheit durch (aus heutiger Sicht) zwei Toleranzsemester zu gewähren.
  • Studienbeiträge und –gebühren sollten für das laufende Sommersemester für alle Studierenden erlassen werden.
  • Besondere Dienste von Studierenden an der Gemeinschaft (Pflege, außerordentlicher Zivildienst, Mitarbeit bei der Frauen-Helpline etc.) sollten, wie von Bundesminister Faßmann vorgeschlagen, im Wahlfachbereich oder anderweitig anerkannt werden.
  • Die Möglichkeit, Prüfungsleistungen während des Semesters und zu Semesterende (oder unmittelbar danach) zu erbringen, muss gewährleistet sein. Dafür bedarf es eines intensiven Austauschs unterschiedlicher Statusgruppen über angemessene Lösungen.

Brand sagt weiter: „Unser Appell geht von der Annahme aus, dass zum Wintersemester hin wieder Präsenzlehre möglich sein wird. Allerdings sollte nicht davon ausgegangen werden, dass sich dann wieder alles umgehend normalisieren kann. Die Nacharbeiten des aktuellen Sommersemesters werden auch nach dem Sommer für Lehrende und Studierende überdurchschnittlich viel Zeit in Anspruch nehmen.“

Gleichzeitig betont der Wiener Universitätsprofessor: „Oberste Priorität hat aktuell die gemeinsame Bewältigung der COVID-19-Pandemie und ihrer gesundheitlichen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Folgen. Mit einem solidarischen Neutralen Semester können die Hochschulen einen wichtigen Beitrag dazu leisten.“

Hier können Sie die Petition (auch anonym) unterzeichnen: bit.ly/PetitionNeutralesSemester
Link zur vollständigen Petition: bit.ly/OffenerBriefNeutralesSemester

Rückfragen & Kontakt:

Univ.-Prof. Dr. Ulrich Brand
ulrich.brand@univie.ac.at

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