Irreführender Artikel über „Wunderheiler“

Wien (OTS) - Nach Meinung des Senats 2 verstößt der Artikel „Genesung dank Wunderheilern“, erschienen am 22.09.2019 in der Wochenzeitung „der Grazer“, gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse. In der Überschrift des Artikels ist von einer „Genesung dank Wunderheilern“ und im Vorspann von einem „Wunder“ die Rede. Im Artikel wird dann über einen Mann berichtet, der von seinem Gehirntumor genesen sei. Der Mann habe sich nach einer Tumordiagnose gegen eine Operation entschieden und sich auf eine Weltreise begeben, bei der er alternativen Heilmethoden eine Chance geben wollte. Er habe verschiedene Wunderheiler wie Schamanen, Voodoo-Priester und Geistheiler aufgesucht. Zum Schluss des Artikels wird festgehalten, dass es ihm heute besser denn je ginge und er seine Geschichte in einem Buch veröffentlicht habe.

Eine Leserin wandte sich an den Presserat und kritisierte, dass in dem Artikel die Behauptung aufgestellt werde, dass die genannte Person von „Wunderheilern“ geheilt worden sei; dies sei medizinisch betrachtet fahrlässig und verstoße wohl gegen die journalistische Sorgfaltspflicht. Zusätzlich verwies die Leserin auf einen in der „Kleinen Zeitung“ erschienenen Artikel, demzufolge der Gehirntumor des Mannes lediglich nicht weiter gewachsen sei. Die Medieninhaberin gab im Verfahren keine schriftliche Stellungnahme ab und nahm auch an der Verhandlung vor dem Senat nicht teil.

Zunächst weist der Senat darauf hin, dass bei Berichten über ein derartig heikles und umstrittenes medizinisches Thema besonders sorgfältig vorzugehen ist. Dabei gilt es zwei Aspekte zu beachten: Die Leser dürfen nicht in die Irre geführt werden; bei anderen Patienten, die den Bericht lesen, dürfen keine falschen Hoffnungen geweckt werden. Nach Meinung des Senats vermittelt der Artikel den unrichtigen Eindruck, dass der Gehirntumor durch „Wunderheiler“ erfolgreich geheilt worden sei. Der Senat verweist auf den von der Leserin erwähnten Artikel in der „Kleinen Zeitung“: Darin wird festgehalten, dass der Tumor des Mannes lediglich nicht weiter gewachsen sei und es auch nicht nachgewiesen werden könne, dass dieser Umstand auf die Behandlungen durch die verschiedenen „Wunderheiler“ zurückzuführen sei. Zudem wird der betroffene Mann dahingehend zitiert, dass manche Dinge, die sich nicht rational erklären ließen, nicht automatisch zu einer Heilung führten. Der Senat gelangt daher zur Auffassung, dass der hier zu prüfende Artikel gegen Punkt 2.1 des Ehrenkodex verstößt, wonach Informationen gewissenhaft und korrekt wiedergegeben werden müssen. Der tatsächliche Sachverhalt – nämlich, dass der Tumor lediglich nicht weitergewachsen ist und es keinen Beweis für eine „Wunderheilung“ gibt – wurde nicht offengelegt. Der Fall wird stattdessen so beschrieben, als ob die Besuche bei den Heilern eine vollständige Genesung bewirkt hätten, zudem ist ausdrücklich von einem „Wunder“ die Rede. Die Leser werden durch die falsche Darstellung in die Irre geführt und bei anderen Patienten werden möglicherweise falsche Hoffnungen geweckt, so der Senat. Die Medieninhaberin von „der Grazer“ wird aufgefordert, freiwillig über die Entscheidung zu berichten.

Selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung eines Lesers

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig. Im vorliegenden Fall führte der Senat 2 des Presserats aufgrund einer Mitteilung eines Lesers ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob eine Veröffentlichung den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberin der Wochenzeitung „der Grazer“ hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, keinen Gebrauch gemacht. Die Medieninhaberin der Wochenzeitung „der Grazer“ hat die Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats anerkannt.

Rückfragen & Kontakt:

Andreas Koller, Sprecher des Senats 2, Tel.: 01-53153-830

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