„Heute“-Journalist gab sich als Polizist aus: Schwerwiegender Ethikverstoß

Wien (OTS) - Der Senat 2 des Presserats beschäftigte sich mit den Artikeln „Mordverdächtiger war zwei Monate in Anstalt“, erschienen in der Tageszeitung „Heute“ vom 22.02.2018, sowie „Mutter erwürgt: Sohn war acht Wochen in Psychiatrie“, erschienen am 21.02.2018 auf „heute.at“. Die Artikel stellen nach Meinung des Senats einen schwerwiegenden Ethikverstoß gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse dar.

In den Artikeln wurde berichtet, dass ein 28-Jähriger seine Mutter erwürgt haben soll und zuvor bereits acht Wochen in psychiatrischer Behandlung gewesen sei. Eine Mitarbeiterin des Justizministeriums wandte sich im Jahr 2018 an den Presserat, weil es im Zuge der Recherchen zu diesen Artikeln zu einer unlauteren Materialbeschaffung gekommen sein könnte: Ein Journalist der Tageszeitung „Heute“ soll sich als leitender Ermittler ausgegeben haben, um an Informationen und private Fotos zu gelangen. Der Bruder des Tatverdächtigen habe dem Journalisten die Fotos zur Verfügung gestellt, weil er dachte, es handle sich um einen Kriminalbeamten. Zusätzlich wurde der Presserat darüber informiert, dass die Staatsanwaltschaft in dieser Angelegenheit bereits ermittle. Der Senat 2 beschloss daher das Ergebnis des Ermittlungsverfahrens und eines allenfalls folgenden Strafverfahrens abzuwarten. Mittlerweile wurde der betreffende Redakteur wegen Amtsanmaßung rechtskräftig verurteilt. Der Senat legte seiner Entscheidung den von den Gerichten festgestellten Sachverhalt zu Grunde.

Der Senat hält zunächst fest, dass bei der Beschaffung von Informationen und Bildmaterial keine unlauteren Methoden angewandt werden dürfen (Punkt 8.1 des Ehrenkodex). Er stuft das Verhalten des Redakteurs als Irreführung ein, die zu den unlauteren Methoden zählt (Punkt 8.2 des Ehrenkodex). Die (falsche) Identität als „neuer leitender Ermittler der Polizei“ wurde vom Redakteur bewusst vorgetäuscht, um dadurch Informationen und Bildmaterial vom Bruder des Tatverdächtigen zu erhalten. Nach Punkt 8.3 des Ehrenkodex dürfen verdeckte Recherchen zwar in Einzelfällen durchgeführt werden, um Informationen von besonderem öffentlichen Interesse zu beschaffen. Im konkreten Fall liegt ein solches besonderes öffentliches Interesse jedoch zweifelsfrei nicht vor. Die Informationen und das Bildmaterial sind für die Öffentlichkeit nicht relevant; die Aufnahmen des Tatverdächtigen mit seinem Bruder sind Privatfotos. Darüber hinaus hält der Senat fest, dass man sich selbst im Rahmen einer verdeckten Recherche, die aufgrund eines besonderen öffentlichen Interesses aus medienethischer Sicht zulässig erscheint, nicht als Polizeibeamter ausgeben darf. Nach Auffassung des Senats war im konkreten Fall eine verdeckte Recherche somit in keiner Weise gerechtfertigt. Die Informationen und die Fotos wurden dem Bruder des Tatverdächtigen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen herausgelockt. Bei Kenntnis der wahren Sachlage hätte er nach Ansicht des Senats weder Auskünfte erteilt noch private Fotos herausgegeben. Der Journalist täuschte dem Bruder des Tatverdächtigen somit unverfroren eine falsche Identität vor. Vor diesem Hintergrund qualifiziert der Senat den Artikel als schwerwiegenden Verstoß gegen die Punkte 8.1 und 8.2 des Ehrenkodex (unlautere Materialbeschaffung). In einem derart gravierenden Fall wie der Tötung der Mutter durch ein Familienmitglied ist gegenüber den Angehörigen seitens der Medien höchste Zurückhaltung und Sensibilität gefragt. Dieser Grundsatz wurde grob missachtet. Das pietätlose Verhalten des Journalisten ist somit auch als Persönlichkeitsverletzung und als gravierender Eingriff in die Privatsphäre zu betrachten (siehe die Punkte 5 und 6 des Ehrenkodex).

Der Senat fordert die beiden Medieninhaberinnen auf, die Entscheidung in den betroffenen Medien freiwillig zu veröffentlichen.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND EINER MITTEILUNG EINER LESERIN

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig. Im vorliegenden Fall führte der Senat 2 des Presserats aufgrund einer Mitteilung einer Leserin ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberinnen der Tageszeitung „Heute“ und von „heute.at“ haben von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, keinen Gebrauch gemacht. Die Medieninhaberin der Tageszeitung „Heute“ hat die Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats bisher nicht anerkannt.

Rückfragen & Kontakt:

Andreas Koller, Sprecher des Senats 2, Tel.: 01-53153-830

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