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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Donnerstag, 7. November 2019, von Peter Nindler: "Gletscher-Widersprüche"

Innsbruck (OTS) - Der beabsichtigte Zusammenschluss der Skigebiete am
Pitztaler und Ötztaler Gletscher rückt den Umgang mit dem Natur- und
Kulturraum in Tirol in den Mittelpunkt. Die Gletscher-Ehe wird zur
Reibungsfläche unversöhnlicher Erwartungshaltungen.

Die Verbindung der Skigebiete am Pitztaler und Ötztaler Gletscher ist
kein Klacks. Innerhalb des 2005 politisch festgelegten Korridors wird
tatsächlich etwas Großes geplant, denn 64 Hektar neue Pistenflächen
sind ja kein Übungshang für Kinder. Die Dimension des Projekts mit
drei neuen Seilbahnen, der Schleifung einer Gratspitze, zusätzlichen
Skiabfahrten, einem Skitunnel und dem riesigen Speicherteich für die
Beschneiung lassen Naturschützer und Umwelt-NGOs allemal erschaudern.
Doch die emotionalisierte Zuspitzung muss im Besonderen die Politik
verantworten: Sie hat schon vor 14 Jahren die Voraussetzungen dafür
geschaffen, Schwarz-Grün den im Umweltverfahren befindlichen
132-Millionen-Euro-Zusammenschluss im neuerlichen Koalitionspakt 2018
außer Streit gestellt.
Ein verbessertes Wintersport-Angebot ist in einem auf Tourismus
ausgerichteten Land wie Tirol nichts Verwerfliches. Desgleichen
müssen sich die Seilbahner zumindest auf zugesicherte
Rahmenbedingungen verlassen können. Noch dazu, wenn sie ihr privates
Geld investieren – Patscherkofel, Glungezer, Rangger Köpfl und viele
Osttiroler Skigebiete lassen grüßen. Und die
Umweltverträglichkeitsprüfung überlagert ohnehin das (politische) Für
und Wider, schlussendlich werden die Höchstgerichte über die
Gletscher-Ehe entscheiden.
Über alledem schwebt allerdings ein Glaubwürdigkeitsproblem: Wer
wie im Vorjahr illegal am Pitztaler Gletscher sprengt, hat viel
Kredit verspielt. Der Kern der heillosen Übertreibung von
„Gipfelsprengungen“ liegt deshalb in der mangelnden Selbstreflexion.
Es wird den Kritikern leichtgemacht, der stets versicherte
nachhaltige Umgang mit der bereits vielerorts über die
Belastungsgrenzen hinaus erschlossenen Natur- und Kulturlandschaft
höhlt sich dadurch selbst aus. Dazu gesellt sich dann zwangsläufig
eine Vertrauenskrise – begleitet von Widersprüchen: Tirol braucht den
Tourismus als bedeutendes wirtschaftliches Standbein, zugleich leiden
die Menschen unter seinen Auswirkungen wie Individualverkehr oder
Overtourism.
An Pitztal/Ötzal reiben sich viele aktuelle Problem- und
Fragestellungen, die weit über die Gletscher-Ehe hinausgehen. Nicht
zu vergessen der in den Alpen sichtbare Klimawandel mit dem
dramatischen Rückzug der Gletscher. Schlussendlich prallen
unversöhnliche Erwartungshaltungen aufeinander: die Pitztaler, die
sich gegen (wirtschaftliche) Abwanderung stemmen, und eine
sensibilisierte Öffentlichkeit, die ein „Mehr vom selben“ als Lösung
ablehnt. So bestimmt einmal mehr der Standpunkt den Blickwinkel.

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