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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Samstag, 19. Oktober 2019, von Peter Nindler: "Der weiße Blitz von Kitz"
Innsbruck (OTS) - Das Schneeband in Kitzbühels Alpen verheißt
Skifahren mitten in welken Bergwiesen. Es verinnerlicht aber auch die
Debatte über die Zukunft des Tourismus zwischen mehr vom Gleichen,
Overtourism und das Überschreiten von Belastungsgrenzen.
Mitten im goldenen Herbst ein Schneeband in den Kitzbüheler Alpen: Ob
sich der bizarre Saisonstart für die Bergbahnen bezahlt macht, ist
ihre unternehmerische Entscheidung. Vielleicht will sich Kitzbühel
vor dem Weltcup-Auftakt am Rettenbachferner im Ötztal einfach nur mit
Sölden um die Schneeaufmerksamkeit matchen. Jedenfalls wird darüber
kontroversiell diskutiert. Zwischen „umweltschonender
Wiederverwertung von sinnvoller Schneespeicherung“ (Seilbahnsprecher
Franz Hörl) und „Piefke Saga“ (Klubchef Gebi Mair/Grüne) schaukelt
sich die Debatte hoch. Kitzbühel polarisiert, schon seit Jahren
pflegt das Monaco der Alpen sein „Hauptsache im Gespräch
bleiben“-Image. Doch welche Botschaft sendet die Gamsstadt damit aus
dem Herz der Alpen?
Eigentlich eine brachiale, eine trotzige. Die Natur wird gebogen,
Tirol ist auch schon im Oktober (eingeschränkt) schneesicher. Das
Gespür für Schnee zum falschen Zeitpunkt offenbart allerdings das
Dilemma, in dem der heimische Tourismus steckt. Das bedeutende
Standbein der Tiroler Wirtschaft tut einfach so weiter wie bisher.
Als ob nichts gewesen wäre.
Andererseits hat Landeshauptmann und Tourismusreferent Günther
Platter längst begriffen, dass sich im Land etwas verändert. Wegen
„des weißen Streifens im Spätsommer“ ist sich Platter der Macht der
Bilder bewusst und sorgt sich um das Image Tirols. Weil die Menschen
sensibler geworden sind, was die Natur betrifft und vor allem den
Umgang mit ihr durch den Tourismus, Seilbahn- oder
Pistenerschließungen. Weil Belastungsgrenzen („Overtourism“) bereits
erreicht oder überschritten wurden. Dazu kommen noch die Folgen des
Klimawandels, der in den Alpen viel sichtbarer wird. Stichwort:
Gletscherschwund.
Bei dem vorerst auf Eis gelegten Zusammenschluss Hochoetz-Kühtai
oder der bevorstehenden Umweltverträglichkeitsprüfung für die nicht
minder umstrittene Gletscherehe Pitztal-Ötztal entlädt sich diese
emotionalisierte Gemengelage. Und angesichts von abgesprengten
Bergkämmen am Gletscher drängt sich zwingend die Frage auf, wie viel
verträgt Tirol noch. Nicht mehr viel. Aber solange sich ein zwar
nachdenklicher, aber zögerlicher Platter sowie führende Touristiker
wegen zu schwammiger Seilbahngrundsätze noch durchlavieren können,
ist das ein dehnbarer Begriff. Eigentlich wären Endausbaugrenzen ein
Gebot der Stunde, nicht ein Mehr vom Gleichen. Dazu zählt auch das
Schneeband der Kitzbüheler Bergbahnen. Weil es genau das Zu-viel an
Tourismus symbolisiert.
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