Aufruf zur Sorgfalt!

Wettbewerb gefährdet Holzmeister-Krematorium

Wien (OTS) - Die Feuerhalle Simmering, geplant von Clemens Holzmeister, soll nach einem EU-weiten, einstufigen Wettbewerb erweitert und adaptiert werden. Die Jury tagt bereits im November, die Fertigstellung ist zum 100. Jubiläum 2022 geplant. Das Krematorium, das im Inneren von bedeutenden Künstlern ausgestaltet wurde, gilt als das wichtigste Bauwerk des Expressionismus in Österreich und als Baudenkmal von kulturgeschichtlich erstrangiger Bedeutung.

DOCOMOMO Austria ist die Sorgfalt im Umgang mit Bauten der Moderne ein zentrales Anliegen und erhebt nach gründlicher Durchsicht der Wettbewerbsunterlagen schwerwiegende Bedenken:

Zwar wird in den Ausschreibungsunterlagen auf die historische und kulturelle Bedeutung des Bauwerks verwiesen, die Integration eines Drittels des Bestands in das Wettbewerbsgebiet, eine erst im Laufe des Verfahrens fallengelassene „Variante Anbau“ und die fehlenden denkmalbezogenen Richtlinien lassen jedoch die gebotene Sensibilität vermissen. Direkte Eingriffe in erstrangige Denkmale sind nur ausnahmsweise, umfassend begründet und in höchster architektonischer Qualität zu vollziehen. Die Integrität des Denkmals ist zu wahren. Fraglich ist, ob dies unter dem Zeit- und Kostendruck dieses Verfahrens gelingen kann. Das Interesse der Ausschreibung richtet sich vorrangig auf die Optimierung der Abläufe und die Etablierung einer erneuerten Form der Feuerbestattung: Der Neubau steht im Zentrum.

Aus der Tatsache, dass Holzmeister selbst das Krematorium erweitert hat, ist nicht abzuleiten, dass in additiver Weise an- oder umgebaut werden kann: Es stellt sich hier ein städtebaulich sensibel positioniertes, allseitig artikuliertes Gebäude dar. Besonders schwerwiegend ist daher die zu starke Eingrenzung des Wettbewerbsgebiets aufgrund „betriebstechnischer“ Überlegungen, denn weder erlaubt das Krematorium einen Neubau in zu großer Nähe, noch wird dadurch eine optimale Einbindung in die Gartenanlage ermöglicht. Auch der vorgesehene Standort des Neubaus in der Mittelachse zwischen Krematorium und Schloss Neugebäude birgt gravierende Nachteile: Der räumliche „Dialog“ zwischen den Bestandsbauten wird blockiert, die körperhafte Wirkung des Holzmeister-Baus unterlaufen und das symbolisch bedeutsame Fenster im Hauptraum deklassiert. Darüber hinaus werden logistische Eingriffe und ein asymmetrischer Erschließungstrakt notwendig. Die zugrundeliegende Vorstudie verhindert zudem alternative Bebauungsmodelle, wie beispielsweise weiter abgerückte, seitliche Pavillons. Der vom Auslober gewünschte, „gleichwertige“ Neubau ist überhaupt nur in angemessener Distanz zum Krematorium von Holzmeister denkbar.

DOCOMOMO Austria bedauert, dass vor Auslobung des Wettbewerbs keine breite und offene fachliche Debatte geführt wurde. Bei zukünftigen Verfahren von internationaler Bedeutung müssen vorbereitende Studien von ArchitektInnen mit einschlägiger Expertise und unter Beiziehung von Fachleuten erarbeitet werden, um eine fundierte Grundlage für die Wettbewerbsausschreibung zu gewährleisten. Für das laufende Verfahren fordert DOCOMOMO Austria größte Behutsamkeit im Umgang mit dem Bestand und ruft die Fachöffentlichkeit zur kritischen Begleitung auf!

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