Volkshilfe zum Roma Gedenktag: Die Geschichte von Stana und Nada.

Anlässlich des internationalen Gedenktages für den Genozid an Roma und Sinti erzählt die Leiterin des Volkshilfe Projekts Thara erstmals ihre persönliche Familiengeschichte.

Ähnlich wie bei anderen Opfergruppen ist der Genozid in unserer eigenen Familie lange Zeit ein Tabu gewesen. Erst vor ein paar Jahren habe ich erfahren, dass große Teile unserer kroatischen Familie während des Holocaust ermordet wurden.
Usnija Buligovics, Bildungsinitiative Thara Romano Svato der Volkshilfe Österreich

Wien (OTS) - Usnija Buligovics Familie stammt aus Ungarn und Kroatien. Sie selbst arbeitet seit über zehn Jahren für die Bildungsinitiative Thara Romano Svato der Volkshilfe Österreich. Trotz dieser langen beruflichen Tätigkeit im Roma-Bereich sagt sie: „Ähnlich wie bei anderen Opfergruppen ist der Genozid in unserer eigenen Familie lange Zeit ein Tabu gewesen. Erst vor ein paar Jahren habe ich erfahren, dass große Teile unserer kroatischen Familie während des Holocaust ermordet wurden. Davor haben wir nie wirklich über dieses Thema gesprochen. Und das, obwohl sowohl ich, als auch mein Vater in der Roma-NGO-Szene tätig sind.“

Die Roma und Sinti auf dem Gebiet des heutigen Kroatiens wurden innerhalb kurzer Zeit und oft ohne Deportationen ermordet. Usnija Buligovic erinnert sich an Erzählungen ihrer kroatischen Großmutter: „Die Mutter meines Vaters, die Stana, hat ihre ganze Familie in Adasevci verloren. Sie kamen nicht einmal in ein Lager. Sie wurden einfach gesammelt und in die Donau unter das Eis geworfen. Diese entsetzliche Grausamkeit war die übliche Methode. Wie die Stana überlebt hat, blieb ein Geheimnis, das hat sie uns nie erzählt.“

Jene, die deportiert wurden, kamen in eines der größten Konzentrationslager Europas, nach Jasenovac. Es war ein Arbeits-, Sammel- und Vernichtungslager, wurde von der Ustascha betrieben und als „Auschwitz des Balkans“ bezeichnet.

„Meine Oma mütterlicherseits, die Nada, kam aus Ungarn. Sie saß schon in einem Zug, auf dem Weg ins Lager, als ihr Vater es geschafft hat, mit ihr und ein paar Familienmitgliedern aus dem Zug zu flüchten“, erzählt Usnija Buligovic. „Nada hat einmal erzählt, dass sie sich in einem Dorf versteckt haben, bei einer Familie, im Stall bei den Pferden. Sie durften nicht Romanes sprechen und das war als kleines Kind für sie sehr schwierig. Sie war vielleicht 4 oder 5 Jahre alt. Aber sie haben überlebt.“ In Ungarn wurden zwischen 1944 und 1945 rund 30.000 Roma in Konzentrationslager deportiert, die Wenigsten überlebten.

„Die Nada würde diese Geschichte heute nicht erzählen. Weil man das außerhalb der Roma-Familie nicht erzählt. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz. Auch das ist ein Erbe des Holocaust. Dieses extreme Misstrauen, gegenüber allem was nicht Roma ist. Ich arbeite so viele Jahre für die Roma-Community und das ist das erste Mal, dass ich etwas Persönliches erzähle zu diesem Thema. Ich habe die eigene Familiengeschichte lange Zeit komplett ausgeblendet. Diese nicht bearbeiteten Traumata werden von Generation zu Generation weitergegeben, wenn man nicht darüber spricht. Und daher ist es mir wichtig, diesen Kreislauf zu durchbrechen und darüber zu reden“, betont Usnija Buligovic.

„In Österreich überlebten von den 12.000 Roma und Sinti nur 1.500 die Verfolgung während des Zweiten Weltkriegs. In Europa wurden rund 500.000 Roma und Sinti während des Nationalsozialismus ermordet. Ein Völkermord, der verdrängt und lange vergessen wurde. Bis heute ist die Lebenssituation von Roma und Sinti von Vorurteilen und Ausgrenzung geprägt. Die Bekämpfung von Diskriminierung darf deshalb nicht von der politischen Agenda verschwinden, damit sich die Geschichte nicht wiederholt“, mahnt Erich Fenninger, Direktor der Volkshilfe Österreich zum Gedenktag.

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