Menschenrechtskommissarin des Europarates fordert: Beendet den Zwang in der Psychiatrie

Psychiater in Europa sind aufgefordert, die Menschenrechte für Menschen mit psychischen Problemen endlich anzuerkennen

Wien (OTS) - Viel muss sich noch ändern in der Psychiatrie. Ein Umdenken wird immer stärker von UNO und jetzt auch vom Europarat verlangt.

Es ist an der Zeit, den Zwang im Bereich der Psychischen Gesundheit zu beenden und Patienten endlich menschenrechtsbasierend zu behandeln.

Dies forderte die Menschenrechtskommissarin des Europarates, Dunja Mijatović am 26.06.2019 vor der parlamentarischen Versammlung

In ihrer Rede sagte sie:

Meine Erfahrung als Ihre Menschenrechtskommissarin hat diese Feststellungen und die Teufelskreise, die durch einen auf Zwang basierenden Ansatz der Psychiatrie verursacht wurden, nur bestätigt.

Ich habe zum Beispiel aus erster Hand gesehen, wie der Mangel an gemeinschaftsbasierten, freiwilligen Dienstleistungen im Bereich der psychischen Gesundheitsversorgung zu noch mehr Zwang und Freiheitsentzug führt. Dies verursacht enormes Leid für die betroffenen Menschen, was der Gesellschaft große Kosten verursacht.

Ich habe gesehen, wie ein auf Zwang basierendes psychisches Gesundheitssystem die Isolation genau der Personen aufrechterhält, die die Unterstützung ihrer Gemeinschaft am meisten benötigen, was wiederum mehr Stigmatisierung und irrationale Angst schürt.

Ich habe gesehen, wie die angeblichen Schutzmaßnahmen zum Schutz von Menschen mit psychosozialen Behinderungen vor Willkür auf reine Formalitäten reduziert werden. Denn diese Garantien funktionieren in einem Rechtssystem, in dem diese Personen nicht einmal eine Chance haben, sich Gehör zu verschaffen. Im schlimmsten Fall sind solche Schutzmaßnahmen wenig mehr, als denjenigen ein gutes Gewissen zu geben, die tatsächlich an Menschenrechtsverletzungen beteiligt sind.

Was Zwang in der psychischen Gesundheit letztlich tut, ist, diejenigen zum Schweigen zu bringen und zu isolieren, die bereits an psychischen Erkrankungen leiden. (…)

Es ist an der Zeit, dass der Europarat einen ganzheitlicheren Ansatz für die Rechte von Menschen mit psychosozialen Behinderungen, einschließlich ihres Rechts auf (geistige) Gesundheit, verfolgt.

Die Europäische Menschenrechtskonvention kann nicht als einziger und ultimativer Maßstab in der Frage der unfreiwilligen Unterbringung und Behandlung von Menschen mit psychosozialen Behinderungen angesehen werden, da die CRPD (Anm.: Committee on the Rights of Persons with Disabilities) viel aktuellere und umfassendere Standards eingeführt hat über die Rechte von Menschen mit psychosozialen Behinderungen.

Ich unterstütze voll und ganz den Empfehlungsentwurf an das Ministerkomitee, die Ausarbeitungsbemühungen von einem Zusatzprotokoll auf Leitlinien zur Beendigung von Zwang im Bereich der psychischen Gesundheit umzulenken.

Ich glaube, dass dies uns die Gelegenheit geben könnte, unsere Standards endlich ins 21. Jahrhundert zu bringen, wenn es um dieses sehr komplexe Thema geht.

Es ist unsere Pflicht, unsere Mitgliedstaaten zu ermutigen und zu unterstützen, einen menschenrechtsbasierten Übergang ihrer Systeme der psychischen Gesundheit einzuleiten, um den Zwang zu verringern und zu beenden, was längst überfällig ist.

Download der Rede: https://www.ots.at/redirect/rm

Die Bürgerkommission für Menschenrechte (CCHR) fordert seit 50 Jahren diesen menschenrechtsbasierten Ansatz der Behandlung von psychisch kranken Menschen und hofft nun auf einen baldigen Perspektivenwechsel in der Psychiatrie, um die dunkle Vergangenheit und immer noch menschenverachtenden Behandlungsgformen zu beenden.

Diese Vergangenheit wird in der Ausstellung "Psychiatrie Tod statt Hilfe" thematisiert, die noch bis zum 11.7.2019 im Filmquartier, 1050 Wien, Schönbrunner Straße 31, täglich von 10–21 Uhr zu sehen ist.

Individuelle Führungen können unter der Mail-Adresse info@cchr.at angefragt werden.

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