Die gesunde Ohrfeige macht immer noch krank – aber nicht nur die

30 Jahre Gewaltverbot in der Erziehung – Wunsch & Wirklichkeit

  • In unserer Arbeit in den Kinderschutzzentren nehmen wir wahr, dass es ein verändertes Bewusstsein gibt, was die Anwendung physischer Gewalt in der Erziehung betrifft, jedoch die Umsetzung immer wieder auch nicht gelingt. Eltern schlagen jetzt deutlich weniger aus Überzeugung und als Maßnahme zur Erziehung, sie schlagen aus Überforderung
    Martina Wolf, Geschäftsführerin im Bundesverband Österreichischer Kinderschutzzentren
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  • Wir nehmen zudem auch ein Ansteigen psychischer Gewalt in der Erziehung wahr. Kaum jemandem sind die massiven negativen Auswirkungen von psychischer Gewalt bewusst, die von einem beschädigten Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen über massive Ängste bis zu Entwicklungsstörungen reichen können
    Martina Wolf, Geschäftsfürerin im Bundesverband Österreichischer Kinderschutzzentren
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  • Damit das Gewaltverbot besser greift, braucht es einerseits weitere regelmäßige Bewusstseinsbildung zB über österreichweite Bewusstseinskampagnen und einen Ausbau von niederschwelligen, kostenfreien Beratungsangeboten, aber auch strukturelle Maßnahmen, wie jene zur Bekämpfung von Armut, weil diese zB ein wesentlicher Faktor für Überforderung der Eltern sein kann. Wer in existentielle Not ist, hat häufig weniger Nerven für seine Kinder
    Martina Wolf, Geschäftsführerin im Bundesverband Österreichischer Kinderschutzzentren
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Vor 30 Jahren – genau am 1.7.1989 trat das Gewaltverbot in der Erziehung in Kraft. Als viertes Land hat Österreich, nach Schweden, Finnland und Norwegen, das absolute Gewaltverbot in der Erziehung eingeführt, das klar besagt, dass die Anwendung jeglicher Gewalt und die Zufügung körperlichen oder seelischen Leides unzulässig sind.

In diesen 30 Jahren ist vieles gelungen. So hat sich die Einstellung zu Gewalt in der Erziehung deutlich verändert und wird von einem Großteil der Bevölkerung abgelehnt. Eine Studie aus 2014 des Bundesministeriums für Familie zeigt, dass alle Formen der körperlichen Gewaltanwendung deutlich weniger akzeptiert sind, als im Vergleichszeitraum 1977:

Schlagen mit der Hand (von 78% abgelehnt, ein Zuwachs bei der Ablehnung gegenüber 1977 von 51%), heftige Ohrfeigen (Ablehnung stieg um 34%), leichter Klaps (Ablehnung nahm um 30% zu).

Allerdings zeigt dieselbe Studie auch, dass Gewalt, die die Befragten selbst erlebt haben, ein zum Teil gegenteiliges Ergebnis bringt: So haben 62% der Befragten körperliche Züchtigung durch einen leichten Klaps selbst erlebt. Hier war insgesamt eine Zunahme um 14% im Vergleich zu 1977 zu beobachten. Auch andere körperliche Züchtigungen, wie auf die Finger schlagen, Ohrenziehen, Haarreißen usw. nahmen ebenfalls zu (plus 5%), ebenso Prügeln mit Gegenständen (plus 7%).

Aus diesem Ergebnis kann geschlossen werden, dass massive Gewalt in der Erziehung zwar weitläufig abgelehnt wird, aber immer noch passiert, dass leichtere Formen von Gewalt deutlich stärker abgelehnt werden, als noch 1977, aber zum Teil sogar ansteigen.

Besonders zugenommen haben die Erziehungsmittel ohne körperliche Einwirkung, längere Zeit nicht miteinander reden (plus 19%), böse sein und tadeln (plus 25%), schreien und ausschimpfen (plus 32%).

Eine Studie der möwe Kinderschutzzentren aus 2016 mit 1.000 Befragten belegt, dass verschiedene Formen psychischer Gewalt, wie zum Beispiel als Strafe nicht mit dem Kind reden, nur von 26% als Gewalt verstanden werden.

„In unserer Arbeit in den Kinderschutzzentren nehmen wir wahr, dass es ein verändertes Bewusstsein gibt, was die Anwendung physischer Gewalt in der Erziehung betrifft, jedoch die Umsetzung immer wieder auch nicht gelingt. Eltern schlagen jetzt deutlich weniger aus Überzeugung und als Maßnahme zur Erziehung, sie schlagen aus Überforderung", betont Martina Wolf, Geschäftsführerin im Bundesverband Österreichischer Kinderschutzzentren.

„Wir nehmen zudem auch ein Ansteigen psychischer Gewalt in der Erziehung wahr. Kaum jemandem sind die massiven negativen Auswirkungen von psychischer Gewalt bewusst, die von einem beschädigten Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen über massive Ängste bis zu Entwicklungsstörungen reichen können".

Die Österreichischen Kinderschutzzentren begleiten Familien seit über 30 Jahren dabei, ihren Kindern ein gewaltfreies Aufwachsen zu ermöglichen bzw. wieder zu ermöglichen, wenn Gewalt passiert ist. Sie unterstützen Kinder, die Gewalt erlebt haben, dabei, diese zu bewältigen. Vorrangig durch Beratung, Krisenintervention, Therapie. Sie begleiten Kinder in der Prozessbegleitung, wenn es zu einem Gerichtsverfahren kommt.

„Damit das Gewaltverbot besser greift, braucht es einerseits weitere regelmäßige Bewusstseinsbildung zB über österreichweite Bewusstseinskampagnen und einen Ausbau von niederschwelligen, kostenfreien Beratungsangeboten, aber auch strukturelle Maßnahmen, wie jene zur Bekämpfung von Armut, weil diese zB ein wesentlicher Faktor für Überforderung der Eltern sein kann. Wer in existentielle Not ist, hat häufig weniger Nerven für seine Kinder“, schließt Wolf.

Quellen:

DAS RECHT AUF EINE GEWALTFREIE KINDHEIT 25 Jahre gesetzliches Gewaltverbot – eine Zwischenbilanz,

Studie Einstellung zu Gewalt und Missbrauch, die möwe Kinderschutzzentren

Rückfragen & Kontakt:

DIE ÖSTERREICHISCHEN KINDERSCHUTZZENTREN
Bundesverband Österreichischer Kinderschutzzentren
Martina Wolf
martina.wolf@oe-kinderschutzzentren.at
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