Bildveröffentlichung von Unfallopfern Ethikverstoß

Wien (OTS) - Der Senat 3 des Presserats beschäftigte sich mit zwei Fotos beim Artikel „Schwerer Unfall in Wien: PKW erfasst zwei Fußgänger“, erschienen am 14.12.2018 auf „oe24.at“. Nach Auffassung des Senats 3 des Presserats verstößt die Veröffentlichung der Bilder gegen Punkt 5 des Ehrenkodex für die österreichische Presse (Persönlichkeitsschutz).

Im oben genannten Artikel wird berichtet, dass sich in Wien ein schwerer Unfall ereignet habe: Ein PKW habe ein Pensionisten-Paar beim Rückschieben des Fahrzeugs erfasst. Der 78-jährige Mann und die 88-jährige Frau seien dabei schwerst bzw. mittelschwer verletzt worden. Dem Artikel sind Fotos beigefügt, die die Verletzten und die Einsatzkräfte zeigen. Auf den Fotos sind die Unfallopfer in stabiler Seitenlage am Boden zu sehen. Sie werden zum Teil von Helfenden verdeckt.

Ein Leser kritisiert, dass hier der Persönlichkeitsschutz der abgebildeten Personen verletzt worden sei. Die betroffene Medieninhaberin brachte vor, dass die beanstandete Berichterstattung ihrer Meinung nach zulässig sei. Es würden weder im Begleittext noch im veröffentlichten Bild Details veröffentlicht, die zur Erkennbarkeit der am Unfall beteiligten Personen führten. Die Gesichter der am Boden liegenden Personen seien überhaupt nicht abgebildet, eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte scheide schon deshalb aus. Auch sei die Darstellung auf dem Foto nicht entstellend, das Foto sei mit Zurückhaltung ausgesucht worden.

Der Senat hält zunächst fest, dass Unfallopfer in besonderem Ausmaß Persönlichkeitsschutz genießen. Bei einem Unfall befinden sich die Betroffenen in einer Ausnahmesituation. Auch wenn die Gesichter von Unfallopfern auf Bildern nicht zu sehen sind, kann ein Eingriff in deren Persönlichkeitssphäre vorliegen. Nahe Angehörige können die Opfer beispielsweise anhand ihrer Kleidung identifizieren.
Im vorliegenden Fall ist die Kleidung der verunfallten Personen deutlich zu erkennen.

Bei Fotos von Unfallopfern sind jeweils im konkreten Einzelfall die Anonymitätsinteressen der Verunglückten gegenüber den Informationsinteressen der Allgemeinheit abzuwägen. Auf dem ersten Foto liegen die Unfallopfer in Seitenlage mitten auf der Straße. Auf dem zweiten liegen sie ebenfalls in Seitenlage auf der Straße; sie werden allerdings zum Teil von Rettungskräften verdeckt. Der Senat bewertet die Veröffentlichung der beiden Bilder als überschießend. Die Momente unmittelbar nach einem Unfall und während der Erstversorgung der Betroffenen sind der Privatsphäre zuzurechnen. Nach Ansicht des Senats kann sich das Medium hier auf keine berechtigten Informationsinteressen berufen: Die Veröffentlichung der Bilder dient in erster Linie der Befriedigung der Neugierde gewisser Leserinnen und Leser. Der Senat mahnt daher den erforderlichen Respekt vor der Privatsphäre der Unfallopfer und deren Angehörigen ein. Er stellt einen Verstoß gegen den Ehrenkodex fest und fordert die Medieninhaberin auf, die Entscheidung freiwillig auf „oe24.at“ bekannt zu geben.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND EINER MITTEILUNG EINES LESERS

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig. Im vorliegenden Fall führte der Senat 3 des Presserats aufgrund einer Mitteilung eines Lesers ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob eine Veröffentlichung den Grundsätzen der Medienethik entspricht.
Die Medieninhaberin von „oe24.at“ hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, Gebrauch gemacht.

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Wolfgang Unterhuber, Tel.: 05-9030-22760

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