„Krone.at“ verstößt gegen Opferschutz

Wien (OTS) - Der Artikel „‘Sie wollte die Polizei rufen‘ - da tötete er sie“, erschienen am 09.06.2018 auf „krone.at“, verstößt nach Meinung des Senats 2 des Presserats gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse.

Im Artikel wird davon berichtet, dass eine 14-Jährige aus Mainz vergewaltigt worden sei und daraufhin die Polizei habe rufen wollen. Der mutmaßliche Täter, ein 20-Jähriger, habe sie daraufhin ermordet und sei anschließend in den Irak geflohen, wo er mittlerweile festgenommen werden konnte. Dem Artikel sind Fotos des Opfers sowie des mutmaßlichen Täters beigefügt, auf denen die Personen zu erkennen sind. Ein Leser wandte sich an den Presserat und kritisierte, dass die unverpixelte Veröffentlichung von Fotos des Opfers gegen dessen Persönlichkeitsschutz verstoße. Die Medieninhaberin nahm am Verfahren nicht teil.

Der Senat hält zunächst fest, dass Berichte über Mordfälle und die Ermittlungen dazu grundsätzlich von öffentlichem Interesse sind. Der Senat erkennt das Informationsbedürfnis der Allgemeinheit an solchen Berichten an. Aus dem öffentlichen Interesse an den Ermittlungen in einem konkreten Mordfall ergibt sich jedoch nicht, dass der Persönlichkeitsschutz des Opfers missachtet werden darf. Unverpixelte Fotos eines Mordopfers sind grundsätzlich geeignet, postmortal in die Persönlichkeitssphäre der ermordeten Person einzugreifen, so der Senat weiter. Das Mordopfer war keine in der Öffentlichkeit stehende Person. Schon deshalb hätte auf dessen Anonymitätsinteressen entsprechend Rücksicht genommen werden müssen. Die Veröffentlichung war nicht erforderlich, um dem Informationsbedürfnis der Allgemeinheit Genüge zu tun. Nach Meinung des Senats verstößt die Veröffentlichung des Portraitbildes somit gegen Punkt 5 des Ehrenkodex (Persönlichkeitsschutz). Im konkreten Fall kommt noch hinzu, dass gemäß Punkt 6.3 des Ehrenkodex bei Jugendlichen das öffentliche Interesse vor der Veröffentlichung von Bildern und Berichten besonders genau zu prüfen ist. Wenn der Senat schon bei erwachsenen Mordopfern kein öffentliches Interesse an der Veröffentlichung von Portraitbildern erkennen kann, muss dies umso mehr für Portraitbilder jugendlicher Mordopfer gelten. Schließlich weist der Senat auch noch auf den Persönlichkeitsschutz des mutmaßlichen Straftäters hin. Auch der im Irak Festgenommene hat grundsätzlich Anspruch auf Schutz seiner Persönlichkeitssphäre im Sinne des Punkts 5 des Ehrenkodex. Auch er hätte nicht in einer unverpixelten Darstellung abgebildet werden dürfen. Der Senat stellt den Verstoß gegen den Ehrenkodex fest und fordert die „Krone Multimedia GmbH & Co KG“ auf, die Entscheidung freiwillig auf „krone.at“ zu veröffentlichen.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND EINER MITTEILUNG EINES LESERS

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig. Im vorliegenden Fall führte der Senat 2 des Presserats aufgrund einer Mitteilung eines Lesers ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob eine Veröffentlichung den Grundsätzen der Medienethik entspricht.

Die Medieninhaberin von „krone.at“ hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, keinen Gebrauch gemacht. Die Medieninhaberin von „krone.at“ hat die Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats bisher nicht anerkannt.

Rückfragen & Kontakt:

Andreas Koller, Sprecher des Senats 2, Tel.: 01-53153-830

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