Veröffentlichung von Fotos ermordeter Frauen verstößt gegen Ehrenkodex

Wien (OTS) - Der Senat 1 des Presserats beschäftigte sich mit der Veröffentlichung von Fotos von ermordeten Frauen bei mehreren Artikeln in der Tageszeitung „Österreich“ und stellte dabei einen Verstoß gegen den Ehrenkodex fest.

In den Artikeln wird von verschiedenen Morden an Frauen berichtet. Die Gesichter der Opfer sind auf den beigefügten Fotos weder verpixelt, noch auf eine andere Weise unkenntlich gemacht.

Die Medieninhaberin bestritt in ihrer Stellungnahme eine Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs der Verstorbenen und brachte dazu vor, dass in den Artikeln keine Details aus dem Privat- und Familienleben der Opfer preisgegeben werden; zudem würden von Amts wegen zu verfolgende strafbare Handlungen per se keine Tatsachen des Privat- und Familienlebens darstellen. Bei Straftaten, die besonders schwer wiegen, sei ein öffentliches Informationsinteresse zu bejahen.

Der Senat stimmt mit der Medieninhaberin darin überein, dass Berichte über Mordfälle und die Ermittlungen dazu grundsätzlich von öffentlichem Interesse sind. Aus dem öffentlichen Interesse an den Ermittlungen in einem konkreten Mordfall ergibt sich jedoch nicht, dass der Persönlichkeitsschutz des Opfers missachtet werden darf. Nach Ansicht des Senats ist die Textberichterstattung in den vorliegenden Fällen nicht überschießend. Sämtliche Informationen über das Familienleben der ermordeten Frauen stehen im Zusammenhang mit der Schilderung der Mordfälle und sind daher von Interesse für die Allgemeinheit. Anders verhält es sich hingegen mit den bei den Artikeln veröffentlichten Fotos der Opfer. Unverpixelte Fotos eines Mordopfers sind grundsätzlich geeignet, in die Persönlichkeitssphäre der ermordeten Person postmortal einzugreifen. Der Senat betont, dass die Mordopfer keine Personen waren, die am öffentlichen Leben teilgenommen haben. Deshalb hätte auf deren Anonymitätsinteressen entsprechend Rücksicht genommen werden müssen. Nach Meinung des Senats verstößt die Veröffentlichung der Portraitbilder daher gegen die Punkt 5 und 6 des Ehrenkodex (Persönlichkeitsschutz, Schutz der Intimsphäre). Darüber hinaus kann die Veröffentlichung der Bilder auch das Pietätsgefühl und die Trauerarbeit der nahen Angehörigen der Abgebildeten beeinträchtigen. Der Senat merkt zudem an, dass einigen der Artikel auch Fotos der mutmaßlichen Täter beigefügt sind, deren Gesichter mit einem schwarzen Balken zumindest teilweise verdeckt sind. Die Anonymitätsinteressen der Täter berücksichtigte das Medium also. Nach Meinung des Senats sollte dem Persönlichkeitsschutz der Opfer jedoch nicht weniger Gewicht eingeräumt werden als jenem der Täter.

Der Senat fordert die Medieninhaberin auf, die Entscheidung freiwillig zu veröffentlichen.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND EINER MITTEILUNG EINES LESERS

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig. Im vorliegenden Fall führte der Senat 1 des Presserats aufgrund einer Mitteilung eines Lesers ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob eine Veröffentlichung den Grundsätzen der Medienethik entspricht.
Die Medieninhaberin der Tageszeitung „Österreich“ hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, Gebrauch gemacht.
Die Medieninhaberin der Tageszeitung „Österreich“ hat die Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats anerkannt.

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Tessa Prager, Sprecherin des Senats 1, Tel.: 01/21312-1169

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