Dritter Geschlechtseintrag in Dokumenten: Innenministerium plant restriktive Umsetzung

Die Selbstvertretung intergeschlechtlicher Menschen in Österreich ist unzufrieden und fordert Selbstbestimmung statt erneuter Pathologisierung.

Es ist höchste Zeit, die Rechte jeder Person anzuerkennen, die sich nicht ausschließlich männlich oder weiblich identifiziert, unabhängig von ihren Geschlechtsmerkmalen",
Tobias Humer (VIMÖ)
Viele intergeschlechtliche Menschen haben keine klare Diagnose, und diese Untersuchungen können überdies retraumatisierend wirken bei Personen, die medizinische Gewalt erlebt haben
Luan Pertl (VIMÖ)
Eine dritte Option beim Geschlechtseintrag kann nur eine von vielen Maßnahmen sein, um intergeschlechtlichen Menschen zu ihren Rechten zu verhelfen. Es fehlt zum Beispiel immer noch der explizit gesetzliche Schutz vor nicht-konsensuellen, geschlechtsverändernden Behandlungen
Eva Matt (Plattform Intersex Österreich)

Wien/Linz (OTS) - Am 26.10. wird international der Intersex Awareness Day begangen - um die Sichtbarkeit von intergeschlechtlichen Menschen zu erhöhen und auf das Unrecht hinzuweisen, das ihnen widerfährt. Ein dritter Geschlechtseintrag in offiziellen Dokumenten soll nun dazu beitragen, ihre Rechte in Österreich anzuerkennen - jedoch wird das VfGH-Erkenntnis dazu vom Innenministerium sehr restriktiv interpretiert.

Laut Mag. Dietmar Hudsky vom BMI sollen nur jene Personen Anspruch auf die dritte Option haben, welche mit medizinischen Gutachten belegen können, dass bei ihnen eine Variante der Geschlechtsentwicklung vorliegt - obwohl der VfGH nach Prüfung des Personenstandsgesetzes im Juni 2018 klargestellt hat, dass Menschen nur „jene Geschlechtszuschreibungen durch staatliche Regelung akzeptieren müssen, die ihrer Geschlechtsidentität entsprechen.“

Der Verfassungsgerichtshof bezieht sich dabei auf den Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention, welcher die „geschlechtliche Identität und Selbstbestimmung“ und „insbesondere Menschen mit alternativer Geschlechtsidentität vor einer fremdbestimmten Geschlechtszuweisung“ schützt.

"Es ist höchste Zeit, die Rechte jeder Person anzuerkennen, die sich nicht ausschließlich männlich oder weiblich identifiziert, unabhängig von ihren Geschlechtsmerkmalen", so Tobias Humer, Obmensch des Vereins intergeschlechtlicher Menschen Österreich (VIMÖ).

Die Forderung nach Gutachten bringt in der Realität auch andere Probleme, beschreibt Luan Pertl (VIMÖ): „Viele intergeschlechtliche Menschen haben keine klare Diagnose, und diese Untersuchungen können überdies retraumatisierend wirken bei Personen, die medizinische Gewalt erlebt haben“

„Eine dritte Option beim Geschlechtseintrag kann nur eine von vielen Maßnahmen sein, um intergeschlechtlichen Menschen zu ihren Rechten zu verhelfen. Es fehlt zum Beispiel immer noch der explizit gesetzliche Schutz vor nicht-konsensuellen, geschlechtsverändernden Behandlungen“, so Eva Matt, Juristin der Plattform Intersex Österreich.

Eine detailliertere Stellungnahme des Vereins VIMÖ zur geplanten Umsetzung des dritten Geschlechtseintrag finden Sie unter: https://vimoe.at/aktuelles/

Rückfragen & Kontakt:

Tobias Humer (VIMÖ) +43 732 28 700 210, tobias.humer@vimoe.at
Eva Matt (Juristin der Plattform Intersex), +43 664 34 50 631, ematt@gmx.at
https://vimoe.at/

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